AG Lebensmittelhandwerk Zurück ins digitale Mittelalter

Dienstag, 19. März 2019
Kämpfen gemeinsam für weniger Bürokratie (von links): Michael Wippler (Bäcker), Stefan Blum (Mühlen), Detlef Projahn (Brauer), Herbert Dohrmann (DFV), Karl-Sebastian Schulte (ZDH) und Gerhard Schenk (Konditoren).
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Kämpfen gemeinsam für weniger Bürokratie (von links): Michael Wippler (Bäcker), Stefan Blum (Mühlen), Detlef Projahn (Brauer), Herbert Dohrmann (DFV), Karl-Sebastian Schulte (ZDH) und Gerhard Schenk (Konditoren).
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Onlinepranger DFV Internationale Handwerksmesse


Pressetermin von Bäckern, Brauern, Konditoren, Metzgern und Müllern zur Internationalen Handwerksmesse in München. Onlinepranger hebelt rechtsstaatliche Prinzipien aus.

„Unsere Lebensmittel waren noch nie so reichlich, qualitativ hochwertig und gesund wie heute.“ Das unterstrich Präsident Herbert Dohrmann vom Deutschen Fleischer-Verband (DFV) bei der Pressekonferenz der AG Lebensmittelhandwerk in München. Gleichzeitig aber stünden Verbraucher und Politik den Produkten und ihren Herstellern kritischer gegenüber denn je. „Das ist nicht grundsätzlich falsch“, bemerkte Dohrmann, der in der Arbeitsgemeinschaft als Sprecher fungiert: „Wir wollen den aufgeklärten Verbraucher.“ Nur so lasse sich manche Fehlentwicklung des Konsums – der Billigtrend beispielsweise – vielleicht wieder umkehren.

Unter Generalverdacht

Was in den Augen der in der AG organisierten Fleischer, Bäcker, Konditoren, Müller, Brauer und Speiseeis-Hersteller nicht geht: alle, die Lebensmittel produzieren, per se zu kriminalisieren. „Leider erleben wir das immer öfter“, musste Dohrmann eingestehen und verwies damit auf den „Onlinepranger“. Noch schlimmer sei die institutionalisierte Variante, das Onlineportal „Topf secret“ von Foodwatch und der Transparenz-Initiative FragDenStaat. Von dort aus können Verbraucher die Ergebnisse von Hygienekontrollen in Restaurants, Fleischereien und anderen Lebensmittelbetrieben bei den Be örden abfragen, die Daten werden dann bei „Topf secret“ veröffentlicht. Damit können die Lebensmittelhandwerker nicht leben. Das haben sie Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) bereits wissen lassen. 
foodwatch - Onlinepranger topf secret
(Bild: Foodwatch)

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Für jedes Vergehen gebe es Strafen: für zu schnelles Fahren, für Steuerhinterziehung oder für schlimme Kapitalverbrechen, so Dohrmann. Die Strafen würden aber nach strengen rechtsstaatlichen Prinzipien ausgesprochen. Die finstere Zeit, in der man auf dem Marktplatz öffentlich an den Pranger gestellt wurde, sei zum Glück vorüber. Dass Betriebe jetzt schon nach den kleinsten Verstößen, die keinerlei Gesundheitsgefahr für Kunden nach sich ziehen, im Internet veröffentlicht werden sollen, das hält Dohrmann hingegen für „digitalisiertes Mittelalter“.

Dass Essen inzwischen ein echtes Politikum ist – und für Politiker inzwischen ein dankbares Betätigungsfeld – zeigt sich den Handwerkern zufolge aber noch an ganz anderen Stellen, im Spannungsfeld Verschwendung, Verpackungsmüll und Lebensmittelsicherheit etwa. Das alles seien wichtige und nachvollziehbare Ziele. Für die Fleischer und ihre Kollegen der weiteren Lebensmittelgewerke zeige sich hier aber ein klarer Zielkonflikt: Man wolle weniger Verpackung, aber Lebensmittel, die lange frisch halten. Intelligente Verpackungen, so erläuterte der DFV-Präsident, gäben zwar klaren Aufschluss über das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), seien allerdings noch nicht recycelbar. Oder der Konflikt: vom Kunden mitgebrachte Behälter versus Betriebshygiene. „Allein das Beispiel zeigt, dass gute Ziele manchmal gar nicht so einfach umzusetzen sind“, stellte Dohrmann klar.

Monster der Bürokratie

Anhand der Verpackungen leitete der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft auch gleich noch die – trotz aller Lippenbekenntnisse der Politik – nicht einzudämmende Bürokratie ab: Das neue Verpackungsgesetz hat da noch eins draufgesetzt. Für große Industriebetriebe mit eigener Verwaltungsabteilung möge die komplizierte Registrierungspflicht für Verpackungsmaterialien ein Klacks sein, so Dohrmann, „für einen Handwerksbetrieb mit zehn oder 20 Mitarbeitern, bei dem Chef und Chefin jeden Tag mitarbeiten, ist das aber eine echte Belastung“.

Erfreut berichtete der Fleischer auf dem Podium aber von den Anti-Bürokratie-Bemühungen des Kanzleramts: Anhand der Leberwurst können die Fleischer nun beispielhaft aufzeigen, was im Lauf der Produktion – vom Einkauf bis zur Abgabe an den Verbraucher – alles an Bürokratie-Aufwand anfällt.

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