Deutscher Fleischer-Verbandstag In der ersten Reihe

Freitag, 12. Oktober 2018
Herbert Dohrmann, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.
Foto: DFV
Herbert Dohrmann, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.

Das Fleischerhandwerk steht zu Recht ganz vorn, wenn es um gesunde Lebensmittel geht. Davon ist Herbert Dohrmann überzeugt. Der Bremer ist seit Oktober 2016 Deutschlands oberster Fleischer. Ein Gespräch über Interessenvertretung, Verbandsarbeit und Weichenstellungen.

von Sandra Sieler und Jörg Schiffeler

Welche Bilanz ziehen Sie nach zwei Jahren Amtszeit – für Verband und Fleischerhandwerk, aber auch für Sie persönlich?

Herbert Dohrmann: Ich persönlich bin um viele wertvolle Erfahrungen reicher. Die Tätigkeit als Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) ist vielseitig und anspruchsvoll. Jedenfalls ist die Freude, mit der ich mein Amt angetreten habe, nicht geringer geworden. Im Gegenteil: Je mehr man mit dem Amt vertraut wird, desto mehr Möglichkeiten entdeckt man, wie man im Sinne unseres Handwerks tätig werden kann. Man braucht allerdings bei manchen Dingen einen langen Atem. Etliche Erfolge meiner Vorgänger betrachte ich heute mit noch größerem Respekt als zuvor schon.

Ich denke, dass wir die vergangenen zwei Jahre gut genutzt haben und deshalb eine positive Bilanz ziehen können. Der Verbandstag wird ja dazu da sein, über das Geleistete und Erreichte zu berichten. Da will ich nichts vorwegnehmen, glaube aber, dass wir unseren Delegierten ein ordentliches Ergebnis vorlegen können. In diesem Punkt schließe ich ausdrücklich meine vier Vizepräsidenten und die Hauptamtlichen mit ein. Verbandsarbeit ist Teamwork, im Alleingang geht nichts.

Vor einem Jahr stellte der DFV mit dem Perspektivbeschluss – also der Direktmitgliedschaft von Betrieben im DFV und dem Kompetenzverbund – eine wichtige Weiche für die Zukunft. mit den Landesverbänden. Wie sind diese Pläne vorangeschritten?

Dohrmann: Nun, der von manchen Skeptikern prophezeite Zusammenbruch unserer Organisation blieb aus. Auch an unserer Mitgliederstruktur hat sich bisher wenig geändert. Für mich ist es dennoch essenziell, dass wir diese wichtigen Weichenstellungen beim vergangenen Verbandstag vorgenommen haben. Einerseits haben wir uns rund um den Beschluss so umfassend und gründlich wie kaum jemals zuvor mit der Zukunft unserer Organisation befasst. Andererseits sind wir nun in der Lage, auf tiefgreifende Änderungen im Fleischerhandwerk wirksam zu reagieren.

Das war es ja, was wir wollten, auch hinsichtlich des Kompetenzverbunds. In diesem Punkt haben wir allerdings dazugelernt. Es hat sich gezeigt, dass es schwieriger ist als gedacht, aus den Angeboten starker Einheiten ein konsistentes Programm zu formen. Allerdings ist eines sehr klar geworden: Bei der optimalen Unterstützung der Mitgliedsunternehmen wird die Geschäftsstelle des DFV in Frankfurt am Main die zentrale Rolle spielen. Da waren wir uns in der Konferenz der Landesinnungsmeister sehr einig.

„Wir müssen damit aufhören, Untergangsszenarien zu zeichnen. Unabhängig von der Betriebszahl stehen wir für ein starkes Handwerk, das sich derzeit hervorragend am Markt behauptet. “
Herbert Dohrmann, DFV-Präsident
Angesichts schrumpfender Betriebs- und damit auch Mitgliederzahlen gibt es zwei wichtige Stellschrauben: die Beiträge erhöhen oder die Leistungen senken. Wie steuern Sie beiden Varianten entgegen?

Dohrmann: Am wichtigsten ist, dass wir endlich damit aufhören, Untergangsszenarien zu zeichnen, wie sie in der Frage anklingen. Unabhängig von der Betriebszahl stehen wir für ein starkes Handwerk, das sich derzeit hervorragend am Markt behauptet und zu Recht ein Ansehen genießt, um das uns andere in der Lebensmittelwirtschaft beneiden. Das ist Fakt.

Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch Herausforderungen gibt, vor allem auf politischer Ebene. Das ist ja der Grund dafür, dass wir einen starken Verband brauchen. Leider wird diese Hauptaufgabe des Verbands viel zu oft übersehen. Nehmen Sie nur die wichtigsten Themen der letzten Monate: Reduktionsstrategie für Fett und Salz, Aufzeichnung von Kassendaten, Vorschriften zur Ferkelkastration, Leitsätze für vegetarische Produkte, Neugestaltung der Ausbildungsordnungen, DIN-Regeln zu Temperaturvorgaben in der Heißtheke, Vollendung der Fusion der Berufsgenossenschaft, Kennzeichnungsvorschriften zu Fertigverpackungen und vieles mehr. Ohne den Verband würden solche Regelungen völlig an uns vorbei gestaltet. Das würde allen Betrieben nicht gut bekommen.

Zur Wahrheit gehört auch, dass wir vor allem deshalb in Politik und Wirtschaft ernst genommen werden, weil wir von der Mehrheit der Unternehmen des Fleischerhandwerks getragen werden – und zwar freiwillig. Organisationen mit Pflichtmitgliedern haben diese Vollmacht nicht. Jedes Unternehmen, das nicht zur Organisation gehört, schwächt deshalb unsere Position und schadet damit auch sich selbst.

Wenn klar ist, dass ein starkes und erfolgreiches Handwerk einen gut aufgestellten Verband braucht, um wirksam die Interessen zu vertreten, dann können wir uns gern über Geld unterhalten. Es ist doch klar, dass es eine große Herausforderung ist, wenn immer mehr Aufgaben von immer weniger Betrieben finanziert werden sollen. Unsere Arbeit an effizienten Strukturen der Organisation kommt ja nicht von ungefähr. Erste Schritte sind gemacht, weitere werden in absehbarer Zeit folgen müssen. Alles andere ist Träumerei.

Ein Schwerpunkt des Verbandstags ist die Digitalisierung. Oft fällt der Einstieg in die technisierte Welt nicht ganz leicht. Welche Hilfestellungen gibt es für die Betriebe?

Dohrmann: Das Faszinierende am digitalen Wandel ist, dass er gerade in so vielen Bereichen und ganz unterschiedlichen Formen um uns herum passiert. Das macht es aber auch kompliziert, wenn es darum geht, Hilfestellungen für unsere Betriebe zu entwickeln, die bereits selbst mit unterschiedlicher Intensität im digitalen Wandel stecken. Was für das eine Mitglied heute bereits selbstverständlich ist, bedeutet für einen anderen Betrieb möglicherweise einen großen Sprung nach vorn. Daher haben wir beim DFV im Frühjahr einen Strategiekreis gegründet, der sich diesem vielschichtigen Thema aus möglichst breiter Perspektive annehmen soll.

Seit gut einem halben Jahr regiert im Bund die Neuauflage der Großen Koalition. Wie ist die Zusammenarbeit angelaufen? Haben die Regierenden in Berlin wieder ein offeneres Ohr für die Anliegen des Fleischerhandwerks?

Dohrmann: Naja, das mit dem offenen Ohr ist so eine Sache. Sagen wir es einmal so: Die lange und wenig überzeugende Regierungsbildung war natürlich einer vernünftigen Verbandsarbeit nicht gerade zuträglich. Solange nicht klar ist, wohin die politische Reise geht, tun sich natürlich auch die Ministerien schwer.

Deshalb waren alle froh, dass es endlich weitergeht. Nun wissen wir alle, dass das politische Bild, das seither von der Regierung als Ganzes abgegeben wird, nicht gerade Begeisterung auslöst. Was man aber unbedingt positiv bewerten muss, ist die Sacharbeit, die in den Ministerien und in vielen Abgeordnetenbüros geleistet wird. Da wird gearbeitet, da geht es wirklich voran und da wird man auch gehört. Das merken wir besonders beim vielleicht wichtigsten Ministerium für uns, dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Und das merken wir auch bei der Ministerin selbst. In den Gesprächen, die wir bisher hatten, haben wir den festen Eindruck gewonnen, dass das Handwerk nicht übergangen wird. 

Ein zentrales Problem ist der Nachwuchs- und in der Folge der Nachfolgemangel in Metzgereien. Wie können alle Beteiligten ihre Bemühungen noch intensivieren, um diese Herausforderung zu meistern?

Dohrmann: Mangel an gutem Nachwuchs ist kein Problem des Fleischerhandwerks, sondern eines der gesamten Wirtschaft. Das macht die Sache nicht besser, sondern komplizierter, weil man hier auf ganz vielen Feldern arbeiten muss.

Das fängt schon damit an, dass wir das Arbeitskräftepotenzial, das wir in Deutschland haben, besser ausschöpfen müssen. Ich weiß, dass der Zentralverband des Deutschen Handwerks hier gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit sehr im Sinne unserer Betriebe unterwegs ist. Mehr Berufsausbildung, weniger Studium, das wäre ja schon einmal ein Anfang. Wenn unsere Wirtschaft weiter wachsen soll, brauchen wir mehr Arbeitskräfte. Es wird spannend bleiben, wie das insgesamt gelöst werden soll. Jedenfalls ist es ein gesamtwirtschaftliches und gesamtgesellschaftliches Problem, das wir als Fleischerverband allein nicht lösen können.

Unsere Aufgabe ist es, die Betriebe beim Konkurrenzkampf mit anderen Branchen um junge Bewerber, die es ja durchaus noch gibt, bestmöglich zu unterstützen. In den letzten Jahren ist da eine Menge entstanden, wofür wir viel Anerkennung erhalten haben. Es sind natürlich auch die Betriebe selbst, die hier aktiv bleiben müssen.

Die Nationalmannschaft ist inzwischen komplett. Welche Ziele verfolgt das Team?

Dohrmann: Wir haben mit der Nationalmannschaft eine tolle Truppe, um für das Fleischerhandwerk und die Ausbildung zu werben. Überall wo sie auftritt, erntet sie viel Zustimmung und Sympathie, so wie zuletzt in Berlin und Leipzig oder auf den diversen Messen, die wir im letzten halben Jahr besucht haben. Deswegen möchten wir in Zukunft noch stärker mit der Mannschaft an die Öffentlichkeit treten. Darüber hinaus arbeiten wir aber auch intensiv daran, bei internationalen Fleischerwettbewerben die vorderen Ränge zu belegen. Der Internationale Leistungswettbewerb der Fleischerjugend, der im Mai auf der IFFA stattfinden wird, wurde lange von Teams und Teilnehmern aus anderen Ländern beherrscht. Das wollen wir auf jeden Fall ändern.

Reformulierung, also die Reduktion von Fett, Salz und Zucker ist ein Riesenthema. Wie positioniert sich das Fleischerhandwerk in dieser Ernährungsfrage ?

Dohrmann: Es ist richtig: Bei der Initiative von EU und Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) geht es darum, Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten zu bekämpfen. Ich darf sagen, dass die Dynamik und der Nachdruck, mit der die Ministerin das Thema vorantreibt, durchaus beeindruckend sind.

Vor allem stehen Lebensmittel im Fokus, die viel Zucker enthalten. Aber auch Fleischerzeugnisse und deren Fett- und Salzgehalt stehen auf der Liste. Wir als Fleischerhandwerk sehen uns in der Pflicht, an diesem Vorhaben konstruktiv mitzuarbeiten – und das aus mehreren Gründen. Es gibt tatsächlich Fehlernährung. Das liegt zwar nicht an uns und unseren Produkten. Aber das Ziel, hier grundsätzlich etwas zu verbessern, ist nicht falsch. Zweitens ist es besser, mitzugestalten als abzuwarten, was andere entscheiden. Und drittens: Wir haben hier die Chance, uns einmal mehr als innovatives und verantwortlich handelndes Handwerk zu zeigen. Es ist völlig klar, dass Fleischerzeugnisse nicht komplett anders hergestellt werden können. Wir können aber neue Produkte entwickeln, die unser Sortiment sinnvoll ergänzen. Es lohnt jedenfalls, danach zu suchen.

Wenn es um gesunde Lebensmittel geht, um Innovation und Weiterentwicklung, steht das Fleischerhandwerk definitiv in der ersten Reihe. Das haben wir auch der Ministerin gesagt. Wir schauen aufrichtig, was geht. Wir sagen allerdings auch, wo aus unserer Sicht Grenzen des Machbaren sind.

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