European Meat Forum Keine Natur ohne Tiere

Dienstag, 12. November 2019
Nicht gegen Tiere, aber gegen das Leid der Tiere: die Europa-Abgeordnete Sarah Wiener (rechts) auf dem Podium des European Meat Forums zusammen mit Dr. Anne Sander und Prof. Dr. Frédéric Leroy.
Foto: si
Nicht gegen Tiere, aber gegen das Leid der Tiere: die Europa-Abgeordnete Sarah Wiener (rechts) auf dem Podium des European Meat Forums zusammen mit Dr. Anne Sander und Prof. Dr. Frédéric Leroy.

Europas Metzger suchen nach neuer Wertschätzung und erhalten prominente Schützenhilfe. Tagung des Internationalen Metzgermeister-Verbands.

Wir müssen das System der Nutztierhaltung nicht abschaffen, um zurückzukehren zu nachhaltigen Kreisläufen. Wir müssen es aber verändern und die Ressourcen intelligenter einsetzen. Das war eine zentrale Erkenntnis des European Meat Forums in der vergangenen Woche in Brüssel. Der Internationale Metzgermeister-Verband (IMV) hatte zum mittlerweile 21. Mal Abgeordnete, Lobbyvertreter und wissenschaftliche Experten zum Austausch in das Europäische Parlament eingeladen. Thema dieses Mal: die Stellung von Fleisch in einer sich wandelnden Welt. 

Prominenter Gast auf dem von Chefredakteurin Renate Kühlcke von der „Fleischwirtschaft“ geleiteten Podium war Sarah Wiener. Die TV-Köchin sitzt seit Beginn der aktuellen Legislatur für die österreichischen Grünen im Europaparlament. Bekannt ist sie für ihre kritische Einstellung zu Fleisch aus Massentierhaltung. Sie sieht aber nicht das Ende der Tierhaltung als Lösung der Debatte um die Fleischerzeugung und den -konsum. „Wir müssen nicht die Tiere abschaffen, sondern das Leid der Tiere“, formulierte die Parlamentarierin ihre Gedanken.

Von wissenschaftlicher Seite erhielt Wiener Unterstützung von Dr. Martin Scholten von der Uni Wageningen. „Nur eine verantwortungsvolle Landwirtschaft hat Zukunft“, unterstrich der Niederländer und betonte zugleich die Rolle der Tiere im Nährstoffkreislauf: Tiere fressen Pflanzen, ihr Dung wiederum dient als Dünger. Spannend sei in dem Zusammenhang die Frage, wie man die Lebensmittelerzeugung nutzen kann, um Stickstoff oder Kohlendioxid einzufangen. Hier zog Scholten den Vergleich zur ebenfalls geschundenen Autobranche: „Wir wissen, dass Autos die Luft verpesten. Trotzdem verbannen wir sie nicht gänzlich, sondern wir entwickeln eine neue Generation von Automobilen, die die Umwelt schonen.“ 

Sarah Wiener zeigte sich als wahrer Fan des Fleischerhandwerks. Dabei fühle sie sich selbst als Lebensmittelunternehmerin, berichtete sie. Ihr Gut Kerkow am Rande der Uckermark schlachtet ebenfalls und produziert Fleisch und Wurst. „Wir haben sogar wieder mit der Warmfleisch-Verarbeitung begonnen“, erlaubte die Mitinhaberin des Guts den anwesenden Fleischern einen Einblick in „ihre Metzgerei“.

Sarah Wiener
(Bild: th)

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Den Metzgern riet die Fernsehköchin, der Welt zu berichten, was sie Tolles tun. Die Handwerker sollten sich ihren Stolz zurückholen, und sich das gut bezahlen lassen. Der Wissenschaftler Scholten sieht es ebenso: Als Bindeglied zwischen der Produktion und dem Verbraucher könnten die Fleischer am besten erklären, was warum gut schmeckt und gut ist. „Das ist Ihr Vorteil gegenüber dem anonymen Fleisch aus dem SB-Regal.“ Gute Geschichten könnten das Lebensmittel mit mehr Wert aufladen. Mehr Wertschätzung für das Lebensmittelhandwerk und seine Produkte vor allem in der politischen Debatte wünschte sich auch Martin Fuchs, Hauptgeschäftsführer des DFV und Generalsekretär des IMV, in der anschließenden Diskussion.

Der Nachfrage der Moderatorin, ob bei der Aufwertung des Lebensmittels Fleisch in der Gesellschaft nicht auch die Wissenschaft helfen könne, erteilte Prof. Dr. Frédéric Leroy von der Uni Brüssel (VUB) eine vornehme Absage: Nonsens verbreite sich in der Bevölkerung immer schnell. Dagegen mit wissenschaftlichen Argumenten durchzudringen sei jedoch deutlich schwieriger. „Die Menschen wollen den Wert des Lebensmittels begreifen“, ist sich auch der Technologe sicher. Da könne die Wissenschaft nur im Hintergrund wirken. 

„Der Reichtum Europas besteht unter anderem in der Vielfalt der Produkte.“ Mit diesen Worten wandte sich die Schirmherrin der Veranstaltung, Dr. Anne Sander, gegen eine ernährungsphysiologische Kritik an Fleisch und Wurst und das daraus resultierende Bestreben, durch weniger Salz und Fett aber mehr Füllstoffe gesündere Produkte zu kreieren. Es gelte, diese Vielfalt zu erhalten. Hierbei und in der Frage der weiteren Ausrichtung der Landwirtschaft hofft die französische Abgeordnete (EVP) in der neuen Legislatur auf Vernunft und einen ausgeglichenen politischen Diskurs statt Hysterie.

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