Krisenstimmung Corona stigmatisiert Fleischsektor

Dienstag, 23. Juni 2020
Das gab es bisher noch nicht in Deutschland: Die Bundeswehr bezieht Stellung auf dem Tönnies-Firmengelände und unterstützt den Katastrophenschutz des Landes Nordrhein-Westfalen bei den Reihentestungen der Schlachthof-Mitarbeiter auf das Coronavirus.
Foto: imago images / Noah Wedel
Das gab es bisher noch nicht in Deutschland: Die Bundeswehr bezieht Stellung auf dem Tönnies-Firmengelände und unterstützt den Katastrophenschutz des Landes Nordrhein-Westfalen bei den Reihentestungen der Schlachthof-Mitarbeiter auf das Coronavirus.

Massenhafte Ausbreitung des Virus wird für Tönnies zum Fiasko. Höchste Priorität für Ursachenforschung. Empörung und Wut im Landkreis.
Der schwere Ausbruch des Coronavirus im Tönnies-Stammwerk Rheda-Wiedenbrück entwickelt sich zu einem Desaster für den Familienkonzern und die gesamte Fleischwirtschaft.

Seit Wochen stehen die großen Schlachtbetriebe im Fokus der Öffentlichkeit. Erste Infektionen unter Beschäftigten von Müller-Fleisch im April dieses Jahres ließen die Öffentlichkeit bereits aufhorchen. Nachdem weitere Virus-Nachweise bei Westfleisch in Coesfeld und Oer-Erkenschwick sowie bei Wiesenhof in Straubing und Vion in Bad Bramstedt folgten, schaltete sich Bundeskanzlerin Angela Merkel ein und machte die Vorfälle zur Chefsache. 

Am Pranger stehen die Schlachter wegen prekärer Arbeitsbedingungen und fragwürdiger Wohnsituationen ihrer Beschäftigten. Viele der Mitarbeiter sind im Werkvertrag über Subunternehmer angeheuert. Während das Konstrukt Werkvertrag und Zeitarbeit in vielen Branchen scheinbar nahezu reibungslos funktioniert, fordern Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Freddy Adjan, ein Verbot dieses Beschäftigungsmodells. 

Der Nachweis des Coronavirus unter 1.553 Beschäftigten des Tönnies-Konzerns von bisher 6.650 untersuchten Proben (Stand: afz-Redaktionsschluss 23.06.2020 / 13:58 Uhr) markiert vorerst einen neuen Höhepunkt. Entsprechend heftig fällt die Reaktion im Kreis Gütersloh aus. Eltern demonstrierten in den vergangenen Tagen vor der Zentrale des ostwestfälischen Fleischkonzerns. Landrat Sven-Georg Adenauer und der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sowie Ministerpräsident Armin Laschet (alle CDU) stehen unter einem enormen Druck, weil sie zunächst keinen vollständigen Lockdown im Kreis Gütersloh angeordnet hatten.
Lockdown - Laschet
(Bild: imago images / Revierfoto)

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Tönnies stoppt Schlachtung

Die Unternehmensgruppe Tönnies hatte im Mai eigene Corona-Tests bei den Mitarbeitern durchgeführt. Seinerzeit waren bei mehr als 11.000 Analysen nur 43 positiv auf das Virus getestet worden. Seit vergangenem Mittwoch ist alles anders: Die enorme Ausbreitung des Erregers SARS-CoV-2 im Fleischwerk Rheda-Wiedenbrück führte zu Schließungen von Kindergärten und Schulen. Der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer ordnete neben der Quarantäne für alle Tönnies-Mitarbeiter am Standort Rheda umfangreiche Reihentestungen an und rief die Bundeswehr zur Unterstützung hinzu. Der Katastrophenschutz des Landes Nordrhein-Westfalen ist mit zahlreichen Kräften aus ASB, DRK, Malteser Hilfsdienst und Technischem Hilfswerk im Einsatz. Polizei und Soldaten kontrollieren die Einhaltung der Quarantäne in den Unterkünften der Beschäftigten. Zusätzlich wurden Zäune aufgestellt, um den „Hausarrest“ sicherzustellen.

Schweinemarkt im Corona-Schock

Mit dem Lockdown von Deutschlands größtem Schlachthof müssen nun täglich mehr als 20.000 Schweine auf andere Schlachtstätten verteilt werden. Eine logistische Herausforderung, denn anders als in Rheda-Wiedenbrück ist die Infrastruktur andernorts kaum für ein so hohes Aufkommen an Anlieferverkehr ausgelegt. Tönnies versucht, die Tiere in Betrieben des eigenen Produktionsnetzwerks an die Haken zu bringen – beispielsweise im niedersächsischen Sögel oder im sachsen-anhaltinischen Weißenfels. Als Reaktion auf den Schlachtstopp im Stammwerk setzte die dänische Tönnies-Tochter Tican Fresh Meat die Verarbeitung von Sauen aus. Das hat Folgen für dänische Schweinehalter, die bis auf weiteres keine dänischen Sauen sowie Schweine aus der Ökohaltung an Tican liefern können.

Danish Crown (DC) mutmaßt, dass es durch den Wegfall der Zerlegekapazitäten weniger schieres Schweinefleisch geben könnte. Dagegen dürfte das Angebot an Fleisch mit Knochen zunehmen, weil andere Schlachthöfe in Deutschland mehr schlachten und bei begrenzten Zerlegekapazitäten Ware zum Entbeinen anderswohin verkaufen wollen. Auch Belgien ist von Abbestellungen von Schlachtschweinen betroffen, die für Tönnies vorgesehen waren. Diese Tiere muss nun größtenteils der dortige Lebendmarkt aufnehmen. Unterdessen sperrte die Volksrepublik China die Einfuhr von Schweinefleisch von Tönnies aus dem Fleischwerk Rheda-Wiedenbrück vorübergehend. Das berichten der niederländische Online-Informationsdienst „Boerenbusiness“ und die Nachrichtenagentur „Reuters“. 

Laumann will Ursachen erforschen

Gesundheitsminister Laumann kündigte an, den Ursachen des Ausbruchs am Tönnies-Zentralstandort in Rheda auf den Grund gehen zu wollen. „Wir müssen untersuchen, wie die Corona-Ausbrüche in der Fleischindustrie entstehen“, sagte der CDU-Politiker der „Frankfurter Allgemeinen“. Bereits am vergangenen Samstag führte die Abteilung Arbeitsschutz der Bezirksregierung Detmold eine detaillierte technische Kontrolle zur Ursachenermittlung durch. Ebenfalls involviert sind das Kreisgesundheitsamt, das von Mitarbeitern des Robert Koch-Instituts (RKI) unterstützt wird, sowie Wissenschaftler der Universität Bonn. Die Experten des Uniklinikums arbeiteten bereits die Corona-Fälle im Kreis Heinsberg auf.

Laschet verhängt Lockdown

Kurz vor Redaktionsschluss ordnete die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen einen Lockdown über die gesamten Kreise Gütersloh und Warendorf bis zum 30. Juni an. Damit gelten wieder umfangreiche Kontaktbeschränkungen.

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Das Corona-Dossier

Die wichtigsten Branchen-Nachrichten zur Corona-Krise haben wir hier für Sie in einem Dossier zusammengestellt. Das Coronavirus setzt der Wirtschaft weltweit zu und macht weder vor Länder- noch vor Branchengrenzen halt. Deshalb bündeln die Top-Titel der dfv Mediengruppe, zu der auch afz - allgemeine fleischer zeitung, „Fleischwirtschaft“ und fleischwirtschaft.de gehören, fortan die wichtigsten Berichte aus verschiedenen Branchen in einem „Corona-Dossier“ - von der Lebensmittelindustrie über Gastronomie und Hotellerie bis Touristik, von Agrarwirtschaft und Fleischwirtschaft über Verpackung und Finanzen bis hin zu Marketing und Fashion. Hier geht es weiter.

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