Wilke Skandal mit Ansage

Dienstag, 22. Oktober 2019

Die Lebensmittelüberwachung gerät im Wilke-Fall immer mehr in den Fokus der Kritik. Foodwatch fordert zentrale Landesbehörden.
von Mareike Scheffer

Seit Anfang Oktober der Betrieb der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren in Twistetal-Berndorf wegen Listerienbefalls dichtgemacht wurde, schieben sich die Behörden die Verantwortung zu. Es geht um viel. Schließlich sollen die Produkte zum Tod von drei Personen geführt haben. Die Zuordnung der Keime zu dem Betrieb Wilke gilt seitens des Robert Koch-Instituts (RKI) als gesichert.

Einen „Skandal mit Ansage“, nennt das die Verbraucherorganisation Foodwatch. Auch für die Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen (AGA) ist der Fall nur die Spitze des Eisbergs. „Seit Jahren weisen wir darauf hin“, sagt Andreas Grede, Vorstand der Initiative. Grund der Kontamination der Wurstprodukte von Wilke: unhygienische Bedingungen im Betrieb. Behörden beschreiben Zustände, die in Deutschland für kaum möglich gehalten wurden.

Kriminelle Energie und Gier

Gegen den Wilke-Geschäftsführer Klaus Rohloff wird wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung ermittelt. Doch ist mit dem Fall auch eine Debatte über die Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung entbrannt, die diesem Treiben lange Zeit kein Ende zu setzen vermochte. Von den erheblichen baulichen Mängeln im Betrieb Wilke, die nach fachlicher Einschätzung bereits seit Längerem bestanden haben müssen, will das hessische Verbraucherschutzministerium erst nach der Schließung des Betriebs von der einberufenen Task-Force Lebensmittelsicherheit erfahren haben.
Hessen - Priska Hinz
(Bild: HSTK / HMUKLV)

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Skandal um Wilke Kontrollen haben versagt

Für Foodwatch ist klar, dass Behörden den Fall begünstigt hätten. „Wir sehen das Problem auf allen Ebenen“, erklärt Dario Sarmadi, Sprecher bei Foodwatch, und meint damit die Kreisverwaltung Waldeck-Frankenberg, aber auch das für die Fachaufsicht zuständige Regierungspräsidium Kassel sowie das hessische Verbraucherschutzministerium. Kern der Kritik: zu wenig Personal und zu viel Nähe zum kontrollierten Betrieb.

Zentrale Strukturen schaffen

Laut Foodwatch fiel 2018 jede zweite planmäßige Betriebskontrolle im Landkreis aus. Es könne nicht gut sein, wenn ein und dieselbe Behörde für Lebensmittelkontrollen und für die lokale Wirtschaftsförderung zuständig ist, hatte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker nach Bekanntwerden des Falls Wilke betont. In einem TV-Interview in der „Hessenschau“ hatte der zuständige Verbraucherschutz-Dezernent den Eindruck erweckt, als sei die „Schließung eines Unternehmens, in dem Freunde und Bekannte arbeiten“ ein größeres Problem als der Schutz der Verbraucher.

Auch daher insistiert Foodwatch, die Lebensmittelkontrolle zu zentralisieren. „Diesen Interessenkonflikt müssen wir auflösen, indem die Bundesländer die Kontrolltätigkeit an sich ziehen und auf Landesebene organisieren“, so Rücker.

Blaupause könnte Bayern sein. Seit 2018 unterstehen Bayerns überregional tätige Betriebe der eigens geschaffenen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV). Vorteile sieht Foodwatch bei Kontrollen, aber auch bei Produktrückrufen, da Informationswege deutlich kürzer wären als bisher.

Anders sieht man dies beim Bundesverband der beamteten Tierärzte, deren Mitglieder in der Aufsicht von fleischverarbeitenden Betrieben arbeiten. „Es geht nicht darum, wo wir die Verantwortlichkeit ansiedeln. Es geht darum, ausreichend Personal und Laborkapazitäten zur Verfügung zu stellen“, so Verbandspräsident Holger Vogel. Zudem sei ein unabhängiges Arbeiten vor Ort unabdingbar.

Zu wenig Kontrolleure

Im Landkreis Waldeck-Frankenberg kamen 2018 gerade mal 3,15 Kontrolleure auf knapp 3000 Betriebe. Für Foodwatch verstößt der Landkreis damit „in krasser Weise gegen Vorgaben zum Verbraucherschutz“. Ein Problem, das sich laut Holger Vogel gar noch verschärfen könnte. „Infolge einer neu gefassten Verwaltungsvorschrift soll die Kontrollfrequenz ausgedehnt werden, sodass die Kontrolleure noch seltener in die Betriebe gehen.“ Dabei ist sich Vogel sicher: „Nur Überwachung schützt Erzeuger vor der eigenen Gier.“
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