Afrikanische Schweinepest: Seuche grassiert w...
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Feste Zäune entlang der Staatsgrenze zu Polen sollen vor der Einschleppung der ASP nach Deutschland schützen.
Feste Zäune entlang der Staatsgrenze zu Polen sollen vor der Einschleppung der ASP nach Deutschland schützen.

BERLIN Das Friedrich-Loeffler-Institut bestätigt bis zum 8. April insgesamt 958 ASP-Fälle bei Wildschweinen in Sachsen und Brandenburg. Auf polnischer Seite wurden im ersten Quartal mehr als 1.000 Fälle verzeichnet. Die Interessengemeinschaften der ostdeutschen Schweinehalter beklagen erfolglose und unkoordinierte Seuchenbekämpfung und fordern, dass Bundeskanzlerin Merkel die Afrikanische Schweinepest zur Chefsache macht.

Im Fall der Afrikanischen Schweinepest (ASP) ist weder in den bisherigen Infektionszonen im Osten Deutschlands noch in Polen ein Abflauen der Seuche in Sicht. Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) waren bis zum 9. April in Sachsen und Brandenburg insgesamt 958 ASP-Fälle bei Wildschweinen bestätigt worden.

Auch in Polen ging die Zahl der offiziell festgestellten Fälle bei Wildschweinen weiter nach oben. Damit sind zwischen Anfang Januar und Ende März mehr als 1.000 Fälle der Seuche im polnischen Schwarzwildbestand registriert worden. Obwohl die Behörden im ersten Quartal 2020 mit etwa 1.800 ASP-Funden zwar deutlich mehr verzeichnet hatten, wollen die Fachleute dennoch nicht von einer Entspannung der Lage reden. Dagegen spricht das unvermindert intensive Seuchengeschehen in der Wojewodschaft Lebus, die im Westen direkt an Deutschland grenzt.

Staatssekretärin Anna Heyer-Stuffer vom Brandenburger Verbraucherschutzministerium hat vor diesem Hintergrund noch einmal die Bedeutung einer effektiven Seuchenprävention in den Grenzregionen von Deutschland und Polen betont. Nach ihrer Einschätzung tragen die Grenzländer die Hauptlast bei der Eindämmung der ASP in Deutschland und dem Ziel, die weitere Ausbreitung der Seuche nach Westen zu verhindern. Heyer-Stuffer zeigte sich deshalb am vergangenen Donnerstag bei einem Vor-Ort-Termin mit dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Uwe Feiler, erleichtert, dass die Errichtung eines festen Zauns entlang der brandenburgisch-polnischen Grenze fast abgeschlossen war. Sie wies auch darauf hin, dass derzeit ein stabiles Seuchengeschehen zu verzeichnen sei. Aus Sicht der ostdeutschen Interessengemeinschaften der Schweinehalter reichen die bisher ergriffenen Maßnahmen jedoch nicht aus. Sie appellierten deshalb vergangene Woche an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, die ASP-Prävention zur Chefsache zu machen.

Seuche gemeinsam bekämpfen

Feiler betonte bei dem Krisentreffen an den Deichanlagen in Lebus an der Grenze zu Polen die Bedeutung einer koordinierten Strategie für die ASP-Prävention. Die Seuche könne nur gemeinsam bekämpft werden. Der Bund unterstütze deshalb die betroffenen Bundesländer und stehe mit ihnen im ständigen Austausch, um sicherzustellen, dass auftretende Probleme klar adressiert würden. Dennoch müsse die Tierseuche von den zuständigen Behörden auch vor Ort bekämpft werden, unterstrich der Staatssekretär. Es gehe darum zu verhindern, dass sich die ASP weiter in Richtung Westen ausbreite.

Der Seuchendruck aus Polen sei weiterhin hoch, stellte Feiler klar. Deshalb werde derzeit geprüft, ob auf deutscher Seite ein sogenannter „weißer Bereich“ als Sicherheitszone eingerichtet werden könne. Dabei würde ein wenige Kilometer breiter Streifen, der auf beiden Seiten durch Wildschweinbarrieren begrenzt sei, eingerichtet. Hier könne man die Wildschweine über Bejagung entnehmen, so dass das Risiko einer Weiterverbreitung des ASP-Virus über Wildschweine Richtung Westen in bisher ASP-freie Gebiete verringert werde. Dazu müssten allerdings noch offene fachliche und rechtliche Fragen geklärt und auch die Europäische Kommission eingebunden werden.

Dramatische Situation

In einem offenen Brief, der auch an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und die Mitglieder des Ernährungsausschusses im Bundestag ging, betonen die Interessenverbände die dramatische Situation der Schweinehalter in den Seuchenregionen und das wirtschaftliche Risiko, das von einer weiteren Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest ausgeht. Sie werfen den politischen Akteuren in Sachsen und Brandenburg vor, bisher bei der Bekämpfung der ASP weitgehend erfolgslos geblieben zu sein. Das belegten die neuen Kadaverfunde, zusätzliche Restriktionsgebiete sowie die immer noch nicht fertiggestellten Zäune. Von einer Seucheneradikation kann nach ihrer Einschätzung keine Rede sein, da man weder die Ursachen noch die Auswirkungen angemessen angehe. Verantwortungen würden zwischen Bund, Ländern und Landkreisen hin- und hergereicht, und bis heute liege nicht einmal ein schlüssiges Eradikationskonzept vor, konstatieren die Verbände.

Vorschläge ignoriert

Die Interessengemeinschaften der ostdeutschen Schweinehalter haben eine eigene Strategie zur Bekämpfung der Seuche entwickelt, die unter anderem feste Zäune entlang der Staatsgrenze zu Polen, eine weitere Erhöhung der Erlegeprämie für Wildschweine von jetzt 100 Euro auf 150 Euro, Ausgleichszahlungen für betroffene Betriebe, das Verbot der Freilandhaltung und ein stärkeres Engagement der Bundesregierung umfasst. Darüber hinaus wird eine durchgreifende und zentrale Steuerung für die Seuchenbekämpfung gefordert. Die Interessenverbände stellen jedoch fest, dass sie bei den zuständigen Stellen damit auf „taube Ohren“ stoßen. Deshalb appellieren die Verbände in dem offenen Brief an Merkel, für eine funktionierende Koordination sowie schnelle Eradikation der Seuche zu sorgen.

Wildschweinbestand „radikal dezimieren“

Auch die Freien Bauern haben die Bundesregierung in der vergangenen Woche aufgefordert, die Afrikanische Schweinepest hierzulande entschiedener zu bekämpfen. „Unsere Mitgliedsbetriebe in den ASP-Gebieten leiden seit mehr als einem halben Jahr unter seuchenbedingten Restriktionen, ohne dass von Seiten der Veterinärverwaltungen geeignete Schritte zur Ausrottung der Seuche unternommen würden“, erklärte Georg Straller von der Bundesvertretung des Verbands. Er pocht insbesondere auf die „radikale Dezimierung“ des Schwarzwildbestandes. Benötigt werde außerdem eine zweite „Sicherheitslinie“, um ein weiteres Vordringen der ASP ins Landesinnere wirksam zu verhindern.

Quelle: fleischwirtschaft.de; AgE
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