Lebensmittelverschwendung: Warum eine ehrlich...
Lebensmittelverschwendung

Warum eine ehrliche Mengenlehre fehlt

IMAGO / viennaslide
Viele Lebensmittel landen im Müll.
Viele Lebensmittel landen im Müll.

FRANKFURT Das Thema Lebensmittelverschwendung ist zu wichtig, um es zur Profilierung oder Schuldzuweisung zu nutzen. Realistische Zahlen, Maßnahmen und Erfolgskontrollen wären nach zehn Jahren Diskussion an der Zeit.

Wer in ein Frankfurter Würstchen beißt, isst Lebensmittelabfall. Nicht in der Wurst, sondern mit der Pelle. Das kleine Stück Naturdarm ist nämlich vielleicht schon mitgezählt in einer Statistik der weggeworfenen Lebensmittel. Wer also in ein Würstchen beißt, ist Lebensmittelretter. Konkret nur für ein, zwei Gramm, aber die Summe macht‘s.

Auch wer in veganen Zeiten noch Lederschuhe statt Plastik-Sneakers trägt, rettet Lebensmittel. Denn er gibt der Tierhaut, einem Schlachtnebenprodukt, das vom Schlachthof nicht zum menschlichen Verzehr freigegeben ist, einen Sinn. Nach heutiger Meinung keinen höheren, wie das essbare Filet, aber einen sehr nützlichen. Und wer seinen Kompost aus der örtlichen Biomüllanlage bezieht, gibt weggeworfenen Lebensmitteln in seinem Garten einen neuen Zweck.

Aus ihnen entsteht neues Leben, um es mal ganz pathetisch auszudrücken. Auch wer bei einer Blutgerinnungsstörung Heparin einnehmen muss, sollte den Fleischproduzenten dankbar sein, denn aus den Därmen Millionen toter Schweine wird der Schleim herausgefischt und zu Heparin konzentriert, zu mehr als 30.000 Euro das Kilo.

Moralisch überladen

Das alles zählt nicht, wenn die Diskussion auf das moralisch überladene Thema Lebensmittelverschwendung kommt. In der skandalträchtigen und seit zehn Jahren prominent wiederholten Behauptung, ein Drittel aller Lebensmittel werden weggeworfen. Doch dabei sind Tierdärme, die zu essbaren Wursthäuten werden, Schlachtabfälle, die als Haustierfutter Verwendung finden, und Knochen für die kosmetische Industrie einfach eingerechnet. 

Auch wenn solche Produkte nach der EU-Abfallrichtlinie als Lebensmittel gelten, werden sie niemandem schmecken oder genießbar sein. Die bürokratische und wissenschaftliche Definition hat ihre Berechtigung, widerspricht aber dem Alltagsverständnis von Verbrauchern. Und dennoch wird damit Politik gemacht.

Zwar gilt sicher jedem Konsumenten die ganze Banane als Lebensmittel, die Schale wird aber jeder als unvermeidbaren Verlust empfinden und sich für deren Wegwerfen nicht entschuldigen. Gleichwohl dürften heute fast alle Menschen ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie die essbare Banane selbst wegwerfen, aus welchen Gründen auch immer. Nur darum dürfte es gehen in einer Diskussion, die an die Verantwortung der Menschen, ihr Verhalten zu ändern, appelliert.

Alle Anteile von Tieren und Pflanzen, die nicht vom Menschen verzehrt werden, als Abfall zu bezeichnen, ist ein reichlich anthropozentrischer, also allein auf Nützlichkeit für den Menschen reduzierter Ansatz. Futter für Millionen Haustiere, Soja- und Weizen-Kraftfutter für Millionen Nutztiere, staatlich geförderte Maismengen für Biogasanlagen: Alles kommt in die Lebensmittelstatistik die zum Beispiel der WWF, der dieses Drittel immer wieder nennt, als Abfall bezeichnet. Nur so kommt die riesige Menge von 18 Millionen Tonnen in Deutschland zustande. 

Einen Hinweis gibt das Verwertungshierarchie-Dreieck: Lebensmittel - Tierfutter - Kompost - Energie.

LZ Grafik

In dieser Reihenfolge sollte alles verwertet werden, was als Lebensmittel angedacht war. Eine andere Nutzung als Essen ist philosophisch betrachtet vielleicht weniger wertvoll. Aber sie ist weitgehend sinnvoll und deutlich besser als Wegwerfen. "Abfall ist Rohstoff am falschen Ort. Wirklich von Abfall sprechen kann man nur, wenn ein Stoff nicht aufbereitet werden kann und seine Entsorgung Kosten verursacht. Sogar altes Fritieröl kann als Biodiesel verwendet werden", heißt es beim Portal delikatessen.ch.

Jedes gerettete Kilo, jede gerettete Tonne echtes Lebensmittel zählt. Punkt. Aber was ist gerettet und was ist denn ein Lebensmittel? Was ist Abfall, was ist Verschwendung? Was ist Bio-Energie, was ist Kompost? Wie das alles zusammenhängt, wird immer noch sehr unterschiedlich interpretiert. Nämlich von der jeweiligen Definition und Interessenlage des Betrachters. Viele Branchenprofis fordern seit Langem eine differenzierte Herangehensweise

Viele Studien - wenig Erfolge

Lebensmittelverschwendung ist seit dem eindrucksvollen Film "Taste the Waste" von Valentin Thurn 2010 medial sehr präsent, das Thema hat vielleicht schon ganze Wälder für einschlägige Broschüren verzehrt. An den Zahlen hat sich in zehn Jahren offenbar wenig geändert. Von substanziellen Verbesserungen kann niemand erzählen, immer wieder werden vor allem verfeinerte Erhebungsmethoden und Maßnahmen gefordert.

Als Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner im März 2021 eine Zwischenbilanz der vor zwei Jahren verkündeten "nationalen Strategie" zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ziehen wollte, sprach ihr Ministerium wie seit Jahren schon von 12 Millionen Tonnen Lebensmitteln, die in Deutschland weggeworfen werden. Thurn hatte seinerzeit 15 Millionen Tonnen genannt. Eine Studie der Universität Stuttgart 2012 nannte 11 Millionen Tonnen. Zwischenzeitlich hatte sich die Lebensmittelindustrie-kritische Community auf ein Drittel weltweit geeinigt, wie auch die Weltagrarorganisation FAO 2011 in globalen Zahlen – dann allerdings inklusive sämtlicher Ernteverluste.
Zahlenwirrwarr
Ein Blick ins benachbarte Ausland bestätigt die verworrene Lage bei den Foodwaste-Daten. Die Problemanalyse des französischen Umweltamtes Ademe von 2015 veranschlagte 10 Millionen Tonnen "Gaspi alimentaire", rechnete davon aber 14 Prozent, also 1,4 Millionen Tonnen, der Handelsstufe zu. Das führte 2016 zu einer gesetzlichen Verpflichtung für alle Super- und Hypermarktbetreiber ab 450 Quadratmeter, ihre brauchbaren Reste zu spenden. Offizielle Erkenntnisse über Erfolge sind jedoch dort Mangelware. Angesichts sehr ähnlicher Handelsstrukturen in den beiden Ländern Frankreich und Deutschland ist aber kaum nachvollziehbar, dass französische Händler das 3,5-Fache wegwerfen. Genauso wenig wie die Rechnung, dass in Frankreich die Haushalte nur 20 Prozent der Verschwendung verursachen – gegenüber 52 Prozent hierzulande. In England erhebt WRAP, das Waste and Resources Action Programme, etwas regelmäßiger die Daten. Das Programm stellte Anfang 2020 einen Rückgang der Verschwendung um 7 Prozent fest. Aber auch dort dominieren die politischen Aussagen und Selbsterklärungen, was man alles unternehme, gegenüber den realen Erfolgen. Noch einmal anders rechnen die Dänen. In der in diesem Mai veröffentlichten Studie "Madavfalld 2018" geht es um die Primärproduktion und die Verarbeitung. Dort fallen insgesamt 590.000 Tonnen an. Für die Landwirtschaft und die Fleischbranche wird dort der Abfallanteil mit fast Null angegeben, denn Schlachtabfälle sind Nebenprodukte. Allerdings rechnen die Dänen die Trockenverluste bei der Milchpulverherstellung als Abfall, so dass in der Industrie 5 Prozent der Menge als Abfall gelten.

Für Deutschland wären das 18 Millionen Tonnen, eine Zahl, die auch der WWF seit zehn Jahren nennt. Damit nicht genug, der WWF erhöhte kürzlich sogar auf global 40 Prozent, einfach indem sämtlicher Futterweizen und Biogas-Pflanzen zum Abfall hinzugezählt werden. Damit wären es 2,5 Milliarden Tonnen weltweit, umgerechnet auf die Köpfe der Weltbevölkerung also 333 Kilogramm pro Jahr. 

Diese Zahl stinkt wie der Abfall. Weder reflektiert sie ausreichend die gewaltigen Unterschiede, die zwischen reichen und ärmeren Nationen bestehen, noch, dass das meiste davon noch gar kein Lebensmittel ist und für Menschen nicht essbar. So werden die essbaren und die nicht essbaren Pflanzenbestandteile, die in der Dritten Welt mangels landwirtschaftlicher Kapazitäten erst gar nicht geerntet werden, gleichberechtigt mitgerechnet. So ein Unsinn. Der WWF definiert dies dennoch als "produced food". Da ist die FAO mit ihrer Schätzung, dass von den wirklich "produzierten" Lebensmitteln 17 Prozent weggeworfen werden, realistischer. Das ist ein Sechstel und dürfte immer noch zum Skandal reichen.

Weitere Fakten: Knapp 55 Millionen Tonnen geerntete Pflanzen und produzierte Milch- und Fleischprodukte kommen laut Destatis in den deutschen Lebensmittelkreislauf. Ein Drittel davon wären die genannten 18 Millionen Tonnen. Darin sind alle landwirtschaftlichen Abfälle, die auf dem Acker liegen bleiben, eingerechnet, Destatis hat Letztere aber in der Gesamtzahl gar nicht drin. Ein sauber arbeitender Statistiker müsste die 6 Tonnen Differenz dann auch auf die 55 Millionen Tonnen aufschlagen.

Ohne solche Spitzfindigkeiten kommt das Heinrich-von-Thünen-Institut in der 2015 im Auftrag des Bundesernährungs- und Landwirtschaftsministeriums (BMEL) erhobenen Baseline-Studie auf 11,9 Millionen Tonnen. Diese Berechnung ist in Deutschland inzwischen breit anerkannt. Aber wer dort bis zur Seite 2 vordringt, liest, dass der "vermeidbare Anteil" an der Abfallmenge nur 6,7 Millionen Tonnen beträgt. Dies wäre nur ein Achtel der in Deutschland erzeugten Lebensmittel. Ist es nicht politisch fahrlässig und unredlich, immer wieder vom "Drittel" zu sprechen? Denn davon kann nicht die Hälfte eingespart werden.

Sinnvoll wäre es, einfach zwischen den Begriffen zu trennen: Lebensmittelverluste umfasst alles. Lebensmittelverschwendung bezieht sich  nur auf essbare Waren. Lebensmittelabfall ist alles nicht Essbare, das entsorgt oder verwertet wird. 6,7 Millionen Tonnen Verschwendung, das ist die laut Thünen-Institut theoretisch zu rettende Menge. Wobei das voraussetzen würde, dass alle hundertprozentig sauber arbeiten. Wofür es in der Menschheitsgeschichte leider noch kein Beispiel gibt.

Die unzureichende Datenlage kritisiert auch die WWF-Expertin Tanja Dräger de Teran. Sie fordert schon seit Langem valide Daten. "Wir wissen es einfach nicht genau", klagt sie. Alle Werte spiegeln nur den bestmöglichen Kenntnisstand wider. Wenn sie vom Retten spricht, meint sie als WWF-Sachverständige nur den vermeidbaren Anteil, wie ihn das Thünen-Institut definiert. "Um zukünftig Reduktionserfolge darzustellen, ist es notwendig, die anfallenden Mengen nachvollziehbar zu bilanzieren", sagt sie. Den Unterschied zu den vom WWF genannten 18 Millionen Tonnen lässt sie aber stehen. Wie Thünen-Expertin Felicitas Schneider sieht auch Dräger den Verzehr als höchste Form der Nutzung, deshalb müsse mehr an der Vermeidung von Lebensmittelverlusten gearbeitet werden. 

Einschränkungen im Kleingedruckten

Einig sind sich alle Beteiligten deshalb im pragmatisch propagierten Ziel: Möglichst bald soll die Verschwendung um 50 Prozent reduziert werden. Bis 2030, sagen die Vereinten Nationen, die EU und Frau Klöckner. Und sie schränken im Kleingedruckten realistischerweise ein: auf Handels-, Gastronomie- und Verbraucherebene. Damit ginge es dann noch um gut 4 Millionen vermeidbare Tonnen von den oben genannten Mengen. Das meiste davon auf Haushaltsseite. Denn dort, das ergeben alle Studien, fällt mehr als die Hälfte des insgesamt vermeidbaren Abfalls an.

Zwischenfazit: Gerettet werden können und sollen in Deutschland 50 Prozent, das entspricht dann noch möglichen 2 Millionen Tonnen. Der Widerspruch zu den großen Zahlen und Ansprüchen ist offensichtlich.

Der deutsche Lebensmittelhandel hatte es schnell verstanden. Wurde er doch seinerzeit durch zahlreiche Fernsehaufnahmen, unter anderem von den "Food-Tauchern", als großer Verschwender angeprangert. Die Bilder von kompletten Warentrays mit Joghurt oder ganzen Obststeigen in den Containern waren allzu kompromittierend. Großes Aufatmen aber, als ein genaueres Nachrechnen ergab, dass der Handel nur für 4 Prozent der Lebensmittelverluste (bezogen auf 12 Millionen Tonnen) verantwortlich war. Und seitdem hat er seine Hausaufgaben gemacht.
Kaum eine Branche ist so aktiv und zieht alle Maßnahmenregister. Größter Hebel ist die eigene optimierte Warenwirtschaft, zweitgrößter  die inzwischen steuerlich befreite Spende an die Tafeln. Rewe war schon 1996 Vorreiter, heute machen alle mit. Von den rund 500.000 Tonnen Abfall, die beim Handel anfallen, bekommen die Tafeln nach eigenen Angaben 240.000.

Da hat der Handel seine 50 Prozent schon fast erreicht. Für Christian Böttcher, Geschäftsführer des Bundesverbandes Lebensmitteleinzelhandel, zeigt das, dass die Maßnahmen aus dem Katalog des unter Klöckners Strategieplan initiierten Dialogforums wirken.

Partnerschaft mit Lebensmittelrettern

Dank rechtzeitiger Preissenkung von Waren mit kurzer Restlaufzeit sei beim Handel fast nichts mehr in echten Restmüllcontainern zu finden. Die nicht mehr verschenkbaren Reste an Brot und Backwaren sowie Obst und Gemüse, und die Schnipsel aus der Eigenproduktion von Convenience werden professionell in den Öko-Kreislauf entsorgt, bestätigen die großen Händler auf LZ-Nachfrage.

Auch kommunikativ sieht sich der Handel gut aufgestellt. Alle unterstützen das Projekt "Zu gut für die Tonne" des BMEL und haben mit dem Dialogforum ein regelmäßiges Monitoring über die Art der Inventurverluste gestartet. Zudem arbeiten viele Händler mit den Lebensmittelrettern Foodsharing und Too Good To Go.

Auf den Vorstufen Landwirtschaft und Industrie sieht das Thema für die Fachleute, die regelmäßig Daten erheben und austauschen, weniger dramatisch aus, als es die veröffentlichten Zahlen zeigen. Ein Verursacher von Lebensmittelverlusten soll die Landwirtschaft sein. Bei Kartoffeln sieht das Gartenbauportal Gabot.de Rodungs- und Lagerverluste bei 7 bis 9 Prozent der Menge, bei Weizen sind es 3,3 Prozent, bei Möhren 4,2 Prozent. Bei Behr, einem der größten Gemüsebaubetriebe in Deutschland, bleiben im Schnitt ungefähr 10 Prozent der Pflanze auf dem Acker liegen. Das schätzt Birger Exner, Nachhaltigkeitsmanager bei Behr, und nennt als Beispiel die Umblätter des Salates und weitere nicht essbare Teile.
„Auf dem Acker liegengebliebene Früchte und Blätter kann man nicht mit weggeworfenen verarbeiteten Lebensmitteln vergleichen.“
Birger Exner, Nachhaltigkeitsmanager bei Behr Gemüse


Nur zum kleinen Teil, so Exner, blieben Früchte liegen, die zu klein oder beschädigt sind. Aber das "ist keine wirkliche Lebensmittelverschwendung". Vielmehr werde dieses Grün untergepflügt, die Nährstoffe und mit ihnen Regenwürmer und Insekten sorgten für eine bessere Bodenstruktur und ersetzen dadurch tausende Tonnen sonstigen Dünger. "Das kann man nicht mit weggeworfenen verarbeiteten Lebensmitteln gleichsetzen", kritisiert Exner. Und in der Lagerhaltung fallen kaum Verluste an, weil ja gerade die Effizienz der tagesgenauen Ernte nach den Aufträgen des Handels diese Stufe kurz hält.

Ganz so will WWF-Expertin Tanja Draeger das nicht stehen lassen. Bei Kartoffeln und auch bei Zitrusfrüchten in Spanien würden schon sehr große Mengen allein wegen der Optik ausgemustert – weil Handel oder Verarbeiter das forderten. Diese Reste würden viel zu oft nicht mehr sinnvoll genutzt, kritisiert sie aus eigenen Beobachtungen. Hier würde sie von Handel und von den Verbrauchern mehr Verständnis für die krummen Früchte erwarten. "Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Ernten optimal zu nutzen und für den menschlichen Verzehr geeignete Produkte nicht wegzuwerfen."

Streitfall Ernteverluste

Der Bauernverband sieht das naturgemäß anders: "Generell kann davon ausgegangen werden, dass Landwirte, Erfassungshandel und Erzeugerorganisationen versuchen, ihre Erzeugnisse bestmöglich zu verwerten." Bei Obst und Gemüse könne es durch die Normen zwar zu Problemen beim Verkauf kommen, doch würde die Ware dann über andere Verwertungsschienen genutzt. So würden zu kleine Äpfel, die der Lebensmitteleinzelhandel nicht abnehme, zu Saft, Apfelmus und Dosenprodukten verarbeitet.

Nicht absetzbare Erdbeeren im Einzelhandel gingen in die Marmeladenherstellung. Gemüse, das witterungsbedingt schnell heranwachse und für das es zu wenig Nachfrage gebe, verbleibe nachhaltig im Kreislauf Boden-Pflanze. Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft gehöre bei Landwirten zur täglichen Praxis. So würden auch Reststoffe, wie die aus der Zuckerherstellung anfallenden Rübenschnitzel, in der Tierfütterung verwendet, ähnlich wie Molke aus den Molkereien. 

Manchmal steht die reine Betriebswirtschaft dem Wunsch nach umfassender Nutzung alles Gewachsenen entgegen. Es wäre schlicht aufwändig und kaum bezahlbar, alle Mini-Kartoffeln oder Möhren zu ernten und zu verarbeiten, sagen die Gartenbauer. Der Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie schlägt hier zu. Was kostet es, die letzten Prozent an Pflanzen zu retten, um sie nutzbar zu machen, wieviel zusätzliche Energie ist dafür nötig? Nicht jeder Aufwand lohnt.
„Bei uns wird nichts weggeworfen. Aus unseren Schlachtnebenprodukten entstehen 185 verschiedene Produkte.“
Gereon Schulze Althoff, Leiter Qualitätsmanagement und Veterinärwesen


Auch im tierischen Bereich sprechen die Akteure nicht gern von Lebensmittelabfällen, sondern von Schlachtnebenprodukten. Gereon Schulze Althoff, Leiter Qualitätsmanagement und Veterinärwesen bei Tönnies, hält die absichtliche Begriffsverwirrung für eine unfaire Politisierung. "Bei uns wird nichts weggeworfen", hält er gegen.  Auf weniger als rund 2 Prozent schätzt er die im gesamten Tierverarbeitungsprozess anfallenden Verluste, die nur noch thermisch verwertet werden können, sprich verbrannt. Immerhin wird Energie daraus. Alles andere außer Fleisch wird höchst sinnvoll in anderen Branchen genutzt, wie das Schaubild am Beispiel Schwein zeigt. 185 verschiedene Produkte gibt das Schwein her.

LZ

Weniger Verschwendung versus weniger Verpackung

Aus der Ernährungsindustrie kommen auch keine dramatischen Daten. Olivier Kölsch, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE), betont, dass bei vielen Unternehmen weniger als 0,2 Prozent Abfälle anfielen. Die Prozesse sind auf Verwertung und nicht auf Abfall ausgerichtet. Im Dialogforum Verarbeitung werden dennoch Optimierungsmaßnahmen erarbeitet. Dabei geht es auch um den Zielkonflikt weniger Verschwendung versus weniger Verpackung. So haben Startups gute Ideen, Produktionsreste von Schokolade, Eis oder Nudeln zu retten. Ein vom Deutschen Tiefkühlinstitut mit dem Zentrum für nachhaltige Unternehmensentwicklung (ZNU) entwickeltes Tool soll nun helfen, die entstehenden Verluste zu erfassen.

Während Profis effiziente Verwertungskanäle für Millionen Tonnen Materialien aufgebaut haben, sind in den meisten Kommunen Biomüll-Systeme installiert, die echte und unechte Lebensmittelabfälle sammeln und verwerten. All das findet im Verborgenen statt, mit neutralen Fahrzeugen und weit draußen am Stadtrand. Außerhalb der Wahrnehmung vieler, die Verluste beklagen, aber die Verwertung nicht sehen. (Umsetzung: Marco Hübner)

Dieser Text erschien zuerst auf der fleischwirtschaft.de Schwesterplattform www.lebensmittelzeitung.net.

Quelle: lebensmittelzeitung.net, fleischwirtschaft.de; dfv Mediengruppe

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