Buchtipp: Zwischen Idealen und Preisdruck
Buchtipp

Zwischen Idealen und Preisdruck

jb
Ein echter Bio-Pionier: Günter Sippel, Gründungsmitglied von Bioland auf dem Cover des neuen Buchs von Jens Brehl.
Ein echter Bio-Pionier: Günter Sippel, Gründungsmitglied von Bioland auf dem Cover des neuen Buchs von Jens Brehl.

FULDA Der Journalist Jens Brehl ist durch die Republik gereist und hat einige Wegbereiter der Bio-Lebensmittelbranche besucht. Die dabei entstandenen Porträts von vier „Bio-Pionieren“ sind nun als E-Book erschienen.

Mit der Pandemie entwickelten die Konsumenten ein gestiegenes Bewusstsein für nachhaltige Lebensmittel und ließen sich den kleinen Luxus guten Essens – das zunächst nur noch am eigenen Herd stattfinden konnte – gern etwas mehr kosten. 2020 stieg die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln um 22 Prozent, und auch im folgenden Jahr konnte die Branche Zuwächse verbuchen. Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine fand dieser Siegeszug jedoch ein jähes Ende. Steigende Energiekosten und eine hohe Inflation ließen die Kunden sparsamer werden. Insbesondere bei Lebensmitteln wird wieder vermehrt zu konventionellen Produkten oder der günstigeren Bio-Discounterware gegriffen.

Von den Anfängen bis heute

In dieser schwierigen Zeit hat sich Jens Brehl, freier Journalist und auf nachhaltige Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel spezialisiert, auf eine kleine Deutschlandreise begeben, deren Ergebnis nun in seinem aktuellen E-Book „Für unsere Zukunft. Wie Bio-Pioniere eine lebenswerte Welt gestalten“ nachzulesen ist. Hier skizziert er die Anfänge und heutigen Herausforderungen der hiesigen Bio-Branche und besuchte hierfür unter anderem Günter Sippel, der auch auf dem Buchcover zu sehen ist. Im Gespräch mit dem mittlerweile 84-jährigen Mitbegründer von bio gemüse e.V., dem Vorläufer des Anbauverbands Bioland, wird klar, wie viel Herzblut und Idealismus „Bio-Pioniere“ wie Sippel und viele andere investiert haben und nach wie vor investieren.

Das zeigen auch die anderen Stationen auf Brehls Reise: Er blickte einem fränkischen Bio-Getreidespezialisten ebenso über die Schulter wie Klaus Gaiser, der im Stuttgarter Raum bereits Wurst aus Sojabohnen oder Weizeneiweiß herstellte, als andere noch nicht einmal wussten, was Tofu, Seitan & Co überhaupt sind.

Bio-Eier und Bruderbroiler

Brehls letzter Halt ist der hessische Mustergeflügelhof Leonhard Häde, wo seit den 1920ern Hühner gezüchtet und Eier produziert werden. Der Autor umreißt die interessante Geschichte des Hofs, der heute in dritter beziehungsweise vierter Generation bewirtschaftet wird und schon viele Herausforderungen meistern musste. Aktuell sind das die neuen Vorgaben zum Thema Bruderhähne: Um deren unrentable Aufzucht zu vermeiden, habe die Familie Häde eigentlich komplett auf Zweinutzungsrassen umstellen wollen, doch Kunden wie Handel seien noch nicht bereit, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen, analysiert Brehl. Und so bleibe es hier vorerst bei einem kleineren Bestand. Die Zweinutzungshähne werden im Ganzen oder zerlegt in Brust und Keule angeboten, außerdem als Fertiggerichte im Glas. Die Produkte gibt es nicht nur im Hofladen, sondern auch online. „Einen Wurstproduzenten zu finden, der das Fleisch verarbeitet, wäre eine weitere Lösung“, appelliert Brehl abschließend.

Markt ist umkämpft

So unterschiedlich die vorgestellten Unternehmen sind, sie alle mussten sich angesichts des immer härter umkämpften Bio-Markts auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, dennoch flexibel bleiben und Kooperationen eingehen. Denn Bio-Ware unterliege mittlerweile den gleichen wirtschaftlichen Mechanismen wie andere Lebensmittel: Durch die gestiegene Nachfrage seien immer mehr Player mit großer Marktmacht ins Bio-Geschäft eingestiegen, und preisbestimmend seien heute nicht mehr Hofläden und Reformhäuser, sondern der konventionelle LEH und Discounter. Und das bedeute: möglichst niedrige Preise, Marktkonzentration, spezialisierte Großbetriebe.

Der Autor bringt es auf den Punkt: „Die Bio-Branche ist in der Realwirtschaft angekommen und muss jeden Tag den Spagat vollbringen, Ideale zu erhalten und gleichzeitig ökonomisch zu bestehen.“

Brehl legt hier ein kurzweiliges E-Book vor, das vier interessante Produzenten von Bio-Lebensmitteln vorstellt und dabei Einblicke in die Branche, ihre Geschichte und Perspektiven gibt. Es ist weniger umfangreich (als PDF: 62 Seiten) als das Vorgängerbuch „Für die Zukunft. Wie Bio-Pioniere die Welt verändern“, aber nicht weniger informativ.
Über den Autor

Jens Brehl, 1980 im hessischen Fulda geboren, berichtet als freier Journalist über ökologische Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel und gibt das Onlinemagazin „über bio“ heraus. Er veröffentlichte bereits das E-Book „Mitgefangen, mitgehangen. Bio und das große Schlachten“ (2021 im Selbstverlag, E-Book), außerdem den Vorgänger seines aktuellen Buchs „Für unsere Zukunft. Wie Bio-Pioniere die Welt verändern“ (2020 im Oekom Verlag) und „Regionale Biolebensmittel. Gesundes und Köstliches aus Fulda, Rhön, Vogelsberg und Nordhessen“ (2016, Parzellers), das mit dem Salus-Medienpreis ausgezeichnet wurde.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 3/2023

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