Karriere: Aus Liebe zur Heimat
Karriere

Aus Liebe zur Heimat

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Will sich für seine Heimatstadt als künftiger Bürgermeister engagieren: Philipp Eichler.
Will sich für seine Heimatstadt als künftiger Bürgermeister engagieren: Philipp Eichler.

ROTHENBURG Fleischermeister Philipp Eichler, der jüngste Spross einer echten Fleischerdynastie, kandidiert in der Oberlausitzer Kleinstadt Rothenburg für das Amt des Bürgermeisters. Die Wahl findet am 12. Juni statt.

Feste Stimme, selbstbewusstes Auftreten, klare Aussagen: Philipp Eichler erfüllt im Kern alle Erwartungen, die man an einen potenziellen Bürgermeister stellen würde. Wäre da nicht ein Detail, das auf den ersten Blick etwas aus dem Rahmen fällt: seine erst 25 Lebensjahre. Der Fleischermeister aus der Oberlausitzer Kleinstadt Rothenburg (Landkreis Görlitz/Sachsen) sieht in seinem Alter keinen Widerspruch zu seinem ambitionierten Plan, der kommende Bürgermeister seiner Heimatstadt zu werden. Aus seiner Sicht ist die persönliche Einstellung wichtiger für das Amt als das Geburtsjahr.


Eichler ist der jüngste Spross einer echten Fleischerdynastie. Die Wurzeln des familiären Unternehmens lassen sich lückenlos bis ins Jahr 1777 zurückverfolgen. Knapp 250 Jahre, in denen die Eichlers das Leben in der Neißestadt mit geprägt haben. Nicht nur durch ihre Handwerkskunst, sondern auch in der Kommunalpolitik. Ab 1986 führte Philipp Eichlers Vater Christoph das Familienunternehmen souverän und erfolgreich durch die turbulente Wendezeit. Sowohl er als auch sein Bruder Robert, der die Fleischerei in achter Generation führt, waren beziehungsweise sind Mitglieder des Stadtrats. „So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich nachziehe“, sagt Philipp Eichler mit einem Schmunzeln. Warum es nun direkt das Amt des Stadtoberhaupts sein soll, liegt für den Fleischermeister auf der Hand: „Aus Liebe zu Rothenburg!“

Eichler steht gern für mehrere Amtszeiten bereit

„Die Stadt braucht jemanden, der für das Amt brennt“, sagt er und man nimmt es seiner leidenschaftlichen Art direkt ab. In der östlichsten Kleinstadt Deutschlands – wie Rothenburg sich selbst vermarktet – sieht Eichler noch erhebliches Entwicklungspotenzial, das er gern als Bürgermeister ausschöpfen würde. Zusätzlicher Wohnraum für junge Familien und Senioren gleichermaßen, die Schaffung neuer Arbeitsplätze oder die Belebung des lokalen Tourismus – in diesen und weiteren Bereichen sieht der Sachse verstärkten Handlungsbedarf. „Mir geht es nicht darum, ein tolles Amt zu begleiten. Ich will die Stadt tatsächlich voranbringen und biete den Bürgern mit meinem jungen Alter eine Perspektive, die kein anderer Kandidat bieten kann.“ Eichler spielt damit auf Kommunalpolitiker an, die das Amt entweder als letzte ruhmreiche Etappe vor dem Ruhestand sehen oder als Sprungbrett für eine Karriere in höheren Politikkreisen. Mehrere aufeinanderfolgende Amtszeiten seien für ihn durchaus vorstellbar. Schließlich benötigen nachhaltige Veränderungen Zeit, mitunter mehr als die sieben Jahre bis zur nächsten Wahl.

Die wichtigste formelle Hürde für sein Vorhaben hat der ambitionierte Fleischer bereits erfolgreich gemeistert. So schickte ihn der Rothenburger CDU-Stadtverband im Februar mit 100-prozentiger Zustimmung als Kandidat für die Bürgermeister-Wahl ins Rennen. „Das Ergebnis mag erstaunlich klingen, doch die Entscheidung fiel ja nicht einfach so über Nacht. Alles in allem war es ein rund zweijähriger Prozess, der schlussendlich in meiner Kandidatur gemündet ist.“ Obwohl Eichler auf der CDU-Liste steht, ist der bekennende Christ selbst parteilos: „Als Bürgermeister muss ich ohnehin mit allen Fraktionen agieren, sodass ein bestimmtes Parteibuch nur eine untergeordnete Rolle spielt.“

In vielen Vereinen seiner Heimatstadt engagiert

Die mit dem Amt einhergehende öffentliche Präsenz scheut er nicht. So sei er als Spross einer renommierten Handwerksfamilie ohnehin stadtweit bekannt. Auch außerhalb der Fleischerei nimmt er aktiv am kommunalen Leben teil. Bereits seit der Jugend kickt er für den 1.Rothenburger SV, engagiert sich im städtischen Kleinbahnverein und singt im Männergesangsverein Rothenburg. „Seit der Verein 1845 gegründet wurde, war stets mindestens ein Eichler dabei“, betont der vielseitige Fleischer. Fachlich gerüstet sieht sich der Rothenburger aufgrund seiner Meisterausbildung und der betriebswirtschaftlichen Erfahrungen ebenso.

Gleichwohl würde ein Wahlerfolg das – zumindest vorübergehende – Ende der Fleischerkarriere bedeuten. Auch wenn Rothenburg lediglich rund 4400 Einwohner zählt, ist der Bürgermeister der Kleinstadt hauptamtlich tätig. „Grundsätzlich sehe ich viele Parallelen zwischen der Wirtschaft und der Politik. Der größte Unterschied liegt wahrscheinlich im erforderlichen Netzwerk. Ohne gute Kontakte zum Landrat oder zur Landesregierung kann man auf lokaler Ebene nur sehr wenig bewegen“, sagt Eichler. Drum hat er in den vergangenen Jahren peu à peu Kontakte zu den entsprechenden Stellen geknüpft.
„Mir geht es nicht darum, ein tolles Amt zu begleiten. Ich will die Stadt tatsächlich voranbringen.“
Philipp Eichler

Wehmut könnte den Weg ins Rathaus begleiten

Trotz des großen Ziels, auf das er akribisch hinarbeitet, wird vermutlich etwas Wehmut den erhofften Wechsel aus dem Familienunternehmen ins städtische Rathaus begleiten: „Wahrscheinlich werde ich die handwerkliche Arbeit schon etwas vermissen.“ Um die Firma selbst macht er sich indes keine Sorgen. Sie liegt bereits seit 2007 in den Händen seines Bruders Roberts. Und sollte tatsächlich einmal große Not am Mann sein, würde Eichler sich jederzeit nach Dienstschluss die Fleischerschürze umbinden.

Die Stunde der Wahrheit schlägt am 12. Juni, wenn die Rothenburger zur Wahlurne schreiten. Der Oberlausitzer glaubt fest daran, als parteiloser CDU-Kandidat in der seit vielen Jahren von der SPD geführten Neißestadt die Bürger mehrheitlich auf seine Seite bringen zu können. Zum Zeitpunkt des Gesprächs standen die weiteren Kandidaten jedoch noch nicht fest, ebenso war offen, ob die amtierende Bürgermeisterin Heike Böhm eine dritte Amtszeit in Erwägung zieht. „Meine Hoffnungen beruhen darauf, dass sich die Rothenburger nicht einfach nur für eine Partei entscheiden, sondern für eine Person, die das Amt mit Herz und Engagement ausfüllen will.“ Im Blick hat er zudem die Stimmen der jüngeren Wählerschaft, die aufgrund der stagnierenden Stadtentwicklung eine gewisse Politikverdrossenheit entwickelt hätte.

Ganz gleich wie die Wahl auch ausgehen mag, einer Sache möchte Eichler in jedem Fall treu bleiben: der Fleischer-Nationalmannschaft. Auch als möglicher Bürgermeister möchte er gern das Handwerk, das er erlernt hat, als Repräsentant vertreten. „Gleichzeitig bieten mir die Aktivitäten mit der Nationalmannschaft die Möglichkeit, mein persönliches Netzwerk weiterzuentwickeln“, sagt er. Und einmal mehr zeigt sich, dass der Fleischermeister seinen Beruf geschickt mit seinen lokalpolitischen Zielen zu verknüpfen weiß.

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Informationen zu den Fleischerberufen sind hier abrufbar.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 22/2022

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