Karriere im Fleischerhandwerk: Ein echter Aut...
Karriere im Fleischerhandwerk

Ein echter Autodidakt

Andreas Tonn
Wissbegierig: Nach längerer Suche hat Patrick Derylak seinen Traumjob gefunden.
Wissbegierig: Nach längerer Suche hat Patrick Derylak seinen Traumjob gefunden.

WILDESHAUSEN Manchmal sind große Umwege nötig, bis man seinen Traumjob findet. Patrick Derylak durchlief berufliche Etappen als Kfz-Mechatroniker, Tellerwäscher, Küchen-, Stall- und Schrottplatzhelfer. Dann ließ er sich von Andreas Tonn aus Wildeshausen zum Fleischergesellen ausbilden.

Patrick Derylaks berufliche Findungsphase verlief alles andere als schnurgerade. Aber letztendlich mündete sie in einer erfolgreich beendeten Fleischerlehre. In dem vielseitigen Handwerk, das der heute 32-Jährige bei Fleischermeister Andreas Tonn in Wildeshausen erlernte, ist er jetzt richtig „angekommen“.

Kein einziger in der Familie des gebürtigen Cuxhaveners hatte bis dato etwas mit Lebensmittelgewerken zu tun. Allerdings waren fast alle Handwerker – im Holz- und Metallbereich zum Beispiel, berichtet Derylak. Die Wertschätzung für die Arbeit mit den Händen war dem jungen Mann von der familiären Seite aus also vermittelt worden. Studieren kam für ihn nicht in Frage, dann schon lieber eine Tätigkeit, bei der es auf geschickte Finger und Köpfchen ankommt.

Die ersten Berührungspunkte mit dem Rohstoff, den er heute tagtäglich verarbeitet, hatte Derylak schon als elfjähriger Schüler. Damals radelte er mit seinem Onkel zu dessen Arbeit in einem Schweinestall mit geschlossenem System, half beim Ausmisten und Füttern der Tiere mit und verdiente sich etwas Taschengeld hinzu. Nach dem Besuch der Orientierungsstufe und seinem Hauptschulabschluss unterschrieb er einen Ausbildungsvertrag zum Kfz-Mechatroniker. Nach zweieinhalb Jahren warf er entnervt das Handtuch: „Ich habe in der Lehre nichts Relevantes gelernt. Vieles, was man mir dort vermitteln wollte, konnte ich bereits, weil ich schon immer gern an Autos und Motorrädern herumgeschraubt habe. Und nur fürs Putzen und als billige Arbeitskraft war ich mir einfach zu schade.“

Bewegte Findungsphase in mehreren Branchen

In den folgenden Jahren durchlief der damals 18-Jährige eine bewegte Findungsphase: Er jobbte in einem Fahrradgeschäft als Mechaniker, heuerte danach als Tellerwäscher in einem Restaurant an. „Nach knapp fünf Monaten war ich so fit, dass man mich beim Kochen mithelfen ließ. Mein Talent ist, mich recht schnell in neue Tätigkeiten einzuarbeiten.“ Das Problem waren die Arbeitszeiten: Derylak ist Frühaufsteher. „Ich bin ab vier, fünf Uhr munter, habe dann den Tag für mich“, erklärt er. Und weil es in der Küche frühestens um neun Uhr losgeht, dafür aber bis spät abends und auch an den Wochenenden permanenter Einsatz gefordert ist, sattelte der junge Mann erneut um und verdiente seine Brötchen auf einem Schrottplatz.

In Twistringen kam er seinem späteren Traumjob näher. Dort unterstützte er Heinrich Schmidt, der Lohnarbeiten bei Schweinemästern übernimmt. Als Stallhelfer fütterte und mistete Derylak die Tiere. Als sein Chef registrierte, dass sein Mitarbeiter interessiert ist und über eine rasche Auffassungsgabe verfügt, übertrug er ihm die Verantwortung für mehrere Stallungen. Derylak: „Irgendwann langweilte mich das, weil der Input fehlte und ich nichts mehr dazulernte. Das ist ein büschen mein Problem.“

Nach Zwischenstopps in einer Werkstatt und einem weiteren Schweinebetrieb landete er schließlich in einem kleinen Hofladen: „Dort habe ich erstmals ein Schwein zerlegt und gesehen, welche Teilstücke es gibt. Das hat mich derart fasziniert, dass meine Wissbegier geweckt war.“ Mit dem Hofladen-Betreiber vereinbarte er, an seinen ohnehin freien Montagen in der Fleischerei Tonn in Wildeshausen aushelfen zu dürfen. Derylak war rasch Feuer und Flamme für das Fleischerhandwerk, der Inhaber der Metzgerei, Andreas Tonn, gleichermaßen angetan vom Engagement des jungen Cuxhaveners.

Der Meister stellte ihn zunächst als Helfer und zum 1. August 2020 auf dessen nachdrücklichen Wunsch als Azubi ein. Lediglich die Finanzierung stand zunächst auf tönernen Füßen. Auf Bafög konnte Derylak wegen seiner abgebrochenen Lehre und seines fortgeschrittenen Alters von fast 30 Jahren nämlich nicht mehr hoffen. Sein Chef setzte alle Hebel in Bewegung und bekam schließlich vom Jobcenter in Delmenhorster Jobcenter eine Zusage, die Ausbildung zu fördern. „Deshalb war es für mich Ehrensache, ordentlich reinzuhauen“, kommentiert Derylak und lobt: „Mit Andreas kann man prima reden und auch mal lachen. Er kehrt den Chef überhaupt nicht raus.“

Weil er im zweiten Lehrjahr begann, stand bereits sieben Monate später die Zwischenprüfung an. Das „Intensivtraining“ beim Schlachten und Zerlegen übernahmen sehr kompetente Meister und ein Altgeselle. Auch Andreas Tonn war jederzeit ansprechbar – etwa wenn Derylak die optimale Temperatur bei der Brühwurstherstellung oder die korrekte Pökelsalzmenge wissen wollte.

Im gefundenen Traumjob schnell durchstarten

Nach anderthalb Jahren riet ihm sein Berufsschullehrer: „Willst Du nicht verkürzen? Mit Deinem Notendurchschnitt passt das wunderbar.“ Derylak, der ohnehin darauf brannte, schnell in seinem Traumjob durchzustarten, war das nur recht, denn: „Der Dienstag war nicht nur Schultag, sondern auch ein wichtiger Arbeitstag im Betrieb.“ Weil bei Tonn wöchentlich im Schnitt 50 Schweine plus bis zu 15 Stück Großvieh geschlachtet und zerlegt werden, wurde der junge Geselle mit Ausbildungsschwerpunkt Schlachten natürlich dringend gebraucht. Und das macht ihm im Beruf auch meisten Spaß. Er sagt: „Ich hatte schon immer eine enge Beziehung zu Tieren. Das klingt zwar etwas bizarr, weil ich sie ja töte. Aber ich gehe ordentlich und ruhig mit ihnen um, sodass sie keine Angst haben. Insofern habe ich bei meiner Tätigkeit ein reines Gewissen.“

Bedenken, dass ihn wie früher bald wieder die Langeweile überkommt, wischt er weg: „Das wird nicht passieren, denn ich hätte nie gedacht, dass es im Fleischerhandwerk so viel zu lernen gibt.“ Auch die Karriereperspektiven schätzt er und weiß, dass er nach der Meisterprüfung sogar noch ein Studium anhängen könnte. Vorher würde er gern noch seine Lücken in der Wurstherstellung stopfen. Er bleibt aber erst mal beim Schlachten, weil auch bei Tonn Mitarbeiter knapp sind. Das findet er schade, will das negative Branchenimage – obwohl er sich als recht privaten Mensch beschreibt – mit Interviews in Tages- und Fachzeitungen etwas aufmöbeln.

In seiner Freizeit angelt Derylak gern oder restauriert mit seinem Vater alte Motorräder. Ein schrottreifer Honda-Chopper ist mittlerweile fahrtüchtig – genauso wie die Simson Star, Baujahr 1963. Das zweisitzige Kleinkraftrad, eine echte Rarität unter Kennern, entdeckte er während seines Schrottplatzjobs eingeklemmt unter einem Auto, reparierte es und brachte es wieder zum Laufen.

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Informationen zu den Fleischerberufen sind hier abrufbar.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 30/2022

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