Karriere im Fleischerhandwerk: Erfolg im Verb...
Karriere im Fleischerhandwerk

Erfolg im Verbund

Einfeld
Brennt für ihren Beruf und ihre regionalen Produkte: Sina Einfeld-Tensfeldt.
Brennt für ihren Beruf und ihre regionalen Produkte: Sina Einfeld-Tensfeldt.

NEGENHARRIE Die engen Familienbande sind in der Fleischerei Einfeld im schleswig-holsteinischen Negenharrie ein echter Erfolgsfaktor. Das bekräftigt Sina Einfeld-Tensfeldt. Die 37-Jährige führt den Traditionsbetrieb gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder.

Ich erzähle gern über meinen Beruf, weil er etwas Schönes ist. Sina Einfeld-Tensfeldt schwärmt förmlich von ihrer Arbeit in der 1881 gegründete, traditionsreiche Familienfleischerei in der knapp 400 Einwohner zählenden Gemeinde Negenharrie in Schleswig-Holstein. „Meine Arbeit ist unglaublich vielseitig“, beschreibt die quirlige 37-Jährige.

Wer gern am Schreibtisch sitzt, kann sich ihrer Meinung nach im Fleischerhandwerk genauso austoben wie derjenige, der lieber mit Kunden arbeitet. Bis Einfeld-Tensfeldt zu dieser Erkenntnis kam, zog es sie nach dem Abitur 2004 für ein Jahr als Au Pair in einen New Yorker Vorort. Zurück in Deutschland setzte sie sich mit Berufsbildern wie Physiotherapeutin oder Hotelfachfrau auseinander. Schließlich kam aber doch eine Ausbildung zur Fleischerin oder Fachverkäuferin in die engere Wahl. Obwohl die Eltern Heinrich und Carmen Einfeld der Tochter nie in Sachen Beruf reinredeten und auch nie versuchten, sie ins Unternehmen zu drängen, gaben sie nun ein motivierendes Votum ab: „Mach‘ die Fleischerin. Das trauen wir Dir zu.“ Derartig motiviert unterschrieb Sina Einfeld-Tensfeldt ihren Lehrvertrag bei Hasch in Kiel-Friedrichsort und begann dort 2005 ihre zweijährige Fleischerlehre. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Matthias befand sich seinerzeit bereits im zweiten Lehrjahr.

Freundschaftlicher Umgang

„Ich bin relativ unbelastet in die Lehre gegangen“, erinnert sie sich. Mit vielen Arbeiten war sie von zu Hause aus vertraut, aber die ganz tiefen Einblicke in den betrieblichen Alltag fehlten ihr damals noch. Zerlegen, Wurstmachen und korrekte Kundenbedienung: all‘ das lernte sie bei Hasch. Den Umgang mit ihren beiden Lehrmeistern und den Kollegen empfand sie als gut und herzlich, erinnert sich gern an die Zeit zurück: „In den kleineren Betrieben, die ich kenne, geht man immer sehr freundschaftlich und familiär miteinander um.“ Dennoch war sie sich stets über Folgendes bewusst: „Ich mache hier meine Ausbildung, bekomme Dinge gezeigt und gesagt und muss das auch so annehmen.“ Zweifelsohne war das Zerlegen von Schweinen und Rindern für die zierliche Frau körperlich anspruchsvoll, sie relativiert aber: „Es gibt viele Bereiche, in denen man gefordert ist. Eine Kindergärtnerin, die täglich zig Kinder auf dem Arm herumträgt, weiß am Ende des Tages auch, was sie getan hat.“ Sina Einfeld-Tensfeldts Devise heißt daher: „Man muss auf sich und seinen Körper achten. Außerdem gibt es Hilfsmittel wie ergonomische Tische und Rohrbahnen, die die Arbeit erleichtern.“ Mit Krafttraining und Handball sicherte sie ihre körperliche Fitness und treibt auch heute noch regelmäßig Sport. „Man muss schauen, dass man nicht auf der Strecke bleibt – und wenn es täglich nur eine halbe Stunde Zeit ist, die man für sich selbst nutzt“, lautet ihr Credo.

Nach der Ausbildung bei Hasch kehrte sie im Jahr 2007 als Gesellin in den elterlichen Betrieb zurück. Ihr guter Lehrabschluss sicherte ihr die Teilnahme am Landesleistungswettbewerb, wo sie den zweiten Platz belegte – wie schon ihr Bruder Matthias im Jahr zuvor. Als Siegerprämie erhielt sie ein Stipendium, begann 2008 ein zweijähriges Vollzeitstudium am Lebensmittelinstitut KIN in Neumünster im Fach Prozesstechnik und schloss es als Lebensmitteltechnikerin ab. Obwohl das Thema Fleisch dabei nicht an vorderster Stelle stand, gewinnt Einfeld-Tensfeldt ihrer Zeit am KIN rückblickend jede Menge Vorzüge ab: „Wenn man sich weiterbildet, erweitert man seinen Horizont. Ich habe viel über Mikrobiologie und Laborarbeit erfahren, wie man Verfahrensanweisungen schreibt und HACCP-Konzepte entwickelt.“

Eingebunden in den Betrieb

2010 saß die junge Technikerin, damals Mitte 20 Jahre alt, gemeinsam mit ihrem Bruder mit am Planungstisch, als die Familie ihr Schlachthaus nach EU-Richtlinien neu baute. „Zwar machte unser Vater noch die Hauptarbeit. Aber es prägt und lässt einen reifen, wenn man eingebunden wird“, resümiert sie. Damals stand fest: Matthias und sie führen den Betrieb als nächste Generation weiter. Statt am Zerlegetisch zu stehen, kümmert sich Sina Einfeld-Tensfeldt heute um Buchhaltung, Personalplanung, Marketing, Social Media und Rechnungswesen. Sie bringt Etiketten, Zutatenlisten und Produktpässe auf den neuesten Stand, hilft im Laden und ihrer Mutter beim Partyservice. Die Betreuung der familieneigenen 30-köpfige Deutsch-Angus-Mutterkuhherde teilt sie sich mit ihrem Bruder: „Ich helfe aus, wo Not am Mann ist, bin Mädchen für alles.“

Seit 2012 ist Einfeld-Tensfeldt verheiratet. Ihre beiden Söhne Thore (9) und Tristan (6) wachsen gemeinsam mit den Töchtern ihres Bruders Matthias auf. Ein echter Glücksfaktor und ein tolles Erfolgsrezept, findet Einfeld-Tensfeldt: „Auch wenn es manchmal stressig ist, weil man den Kindern gerecht werden will. Familien, die zusammen arbeiten, können auch die Kinder gemeinsam großziehen. So bin ich aufgewachsen. Ich hatte als Kind immer eine Bezugsperson in der Nähe, bekam früh mit, dass die Eltern arbeiten müssen und ihnen das Spaß macht.“ Ohnehin arbeiteten bis vor Kurzem bei Einfeld sogar noch drei Generationen Hand in Hand. Großvater Werner, 97, war bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie noch mit im Betrieb tätig und genießt erst seit wenigen Monaten sein Rentnerdasein.
„Ich helfe aus, wo Not am Mann ist, bin Mädchen für alles.“
Sina Einfeld-Tensfeldt

Bürokratie als Ärgernis

Sina Einfeld-Tensfeldt macht ihre Arbeit mit Herzblut, Liebe und Leidenschaft, allerdings ärgert sie der ausufernde Aufwand für Verwaltung, Dokumentation und Bürokratie. Sie redet sich in Rage: „Ständig kommt etwas dazu. Seit Corona muss man jeden Kram abheften, kontrollieren, die Mitarbeiter daran erinnern, dass sie sich testen lassen und die Maske tragen. Dafür wendet man fast so viel Energie auf wie für die Herstellung unserer tollen regionalen Produkte.“ Darunter ist etwa der hausgemachte Landschinken, den in der Region fast jeder kennt und schätzt. Ärgerlich findet sie die Rufe der Verbraucher nach artgerechter Tierhaltung und tiergerechter Schlachtung: „Wenn sie im Discounter kaufen, unterstützen sie ein System, das sie eigentlich ablehnen.“ Sie wünscht sich mehr Wertschätzung, und die erhalten die Einfelds. Denn ihre Kunden müssen ganz gezielt nach Negenharrie fahren, kommen aus Kiel, Bad Segeberg und sogar aus Hamburg aufs platte Land.

Mit großem Engagement setzt sich Einfeld-Tensfeldt im örtlichen Gemeinderat sowie für das Fleischerhandwerk als Vorstandsmitglied in der Innung Holstein ein. Das Image des Berufs steckt derzeit im Wandel, registriert sie. „Es wird viel dafür getan, um der jungen Generation zu zeigen, dass es nicht angestaubt ist.“ Initiativen wie die Nationalmannschaft und Butcher Wolfpack tragen ihrer Ansicht nach dazu bei, aber: „Politik und Gesellschaft müssen ihr Schubladendenken aufgeben. Ohne Handwerk hat man weder Elektrizität noch vernünftige Lebensmittel.“

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Informationen zu den Fleischerberufen sind hier abrufbar.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 18/2022

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