Karriere im Fleischerhandwerk: Es wurde Zeit ...
Karriere im Fleischerhandwerk

Es wurde Zeit für was Neues

Schupp
Luca Schupp aus Flieden schneidet keine Haare mehr, dafür aber die Wurst aus dem eigenen Betrieb.
Luca Schupp aus Flieden schneidet keine Haare mehr, dafür aber die Wurst aus dem eigenen Betrieb.

FLIEDEN Beim „Metzger Paul“ im osthessischen Flieden geht es weiter: Zum Jahreswechsel 2021/2022 übernahmen Tochter Luca Schupp und ihr Mann Thomas den Familienbetrieb. Luca hat dafür ihrem früheren Metier den Rücken gekehrt und diese Entscheidung nicht bereut.

Aufschnittmaschine statt Friseurschere: Diesen Tausch wagte Luca Schupp aus Flieden, einer kleinen Gemeinde im osthessischen Landkreis Fulda. Die 36-Jährige stammt aus einer Fleischerfamilie, stieg vor gut sieben Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Thomas in den elterlichen Betrieb, den „Metzger Paul“ ein und übernahm ihn zum Jahreswechsel 2021/2022 als vierte Generation. Bis dahin wurde die Fleischerei von Luca Schupps Eltern Paul und Maria Müller geführt.

Für die junge Frau war es ein radikaler Umbruch: Denn nach ihrem Realschulabschluss 2002 begann sie zunächst eine Friseurlehre, schloss diese 2005 erfolgreich ab und sattelte anschließend noch eine Weiterbildung zur Make up-Artistin drauf. An einem Wochentag arbeitete sie in einem Fuldaer Salon, die übrige Zeit war sie selbstständig. Aber: „Obwohl ich dieses Handwerk nach wie vor toll finde und viele nette Menschen kennengelernt habe, konnte ich mir nicht vorstellen, noch mit 66 Jahren Haare zu schneiden.“

Die Übernahme gab Paul Müller einen Energieschub

Dann erkrankte ihr älterer Bruder Simon, der eigentlich als Nachfolger für die Metzgerei vorgesehen war. Obwohl ihn seine Eltern weiter unterstützt hätten, wollte er den Familienbetrieb nun doch nicht übernehmen. Zeitgleich kam es beim Arbeitgeber ihres Mannes zu diversen Umstrukturierungen. Thomas Schupp arbeitete seinerzeit als gelernter Handelsvertreter bei Bizerba, enge Berührungspunkte mit dem Fleischerhandwerk waren also vorhanden. Das junge Paar hatte damals zwei Kinder, die fünfjährige Paula und den sechs Monate alten Theo. Nach zwei, drei Monaten Bedenkzeit stand im Dezember 2014 schließlich fest: Luca und Thomas Schupp steigen in die Metzgerei ein. Paul und Maria Müller waren zunächst skeptisch, und es war in den Anfängen durchaus nicht immer alles rosarot. Grundsätzlich überwog aber bei der älteren Generation die Freude, dass es im Familienunternehmen weitergeht. „Zwischendurch hatte man sogar das Gefühl, dass der Papa einen richtigen Energieschub bekommen hat“, merkt die Tochter an. Ihr Ehemann ging bei seinem Schwiegervater in die Lehre, startete wegen seiner bereits abgeschlossenen Lehre bereits im zweiten Ausbildungsjahr. Ab September 2017 ging er drei Monate nach Kassel und erwarb dort seinen Meisterbrief. „Wir hielten es für geschickter, wenn er die ganze Woche in der Schule bleibt und sich ausschließlich auf die Weiterbildung konzentrieren kann“, berichtet Luca Schupp.

Sie selbst bezeichnet sich als echte Quereinsteigerin, machte es wie einst ihre Mutter, die bei einem Juwelier gearbeitet hatte. „Ich habe zwar keine Ausbildung zur Fleischerei-Fachverkäuferin gemacht, aber bei Null angefangen und gelernt: Stück für Stück, nach und nach.“ Die langjährigen Mitarbeiter nahmen die junge Frau unter ihre Fittiche, schonten sie jedoch nicht: „Wie andere Azubis auch, habe ich zunächst Maschinen geputzt und bei der Vorbereitung geholfen.“ Selbst heute noch gibt es Dinge, bei denen sie unsicher ist, gibt Luca Schupp offen und ehrlich zu. „Aber ich habe keine Hemmungen, in einem solchen Fall eine unserer Verkäuferinnen zu fragen. Viele sind lange Jahre bei uns und verfügen über viel mehr Erfahrung. Auch wenn der Betrieb mittlerweile meinem Mann und mir gehört: Ich muss nicht allwissend sein.“ Diese Einstellung entspricht ihrem Bedürfnis nach Harmonie, das sich Schupp zuschreibt. Sie ist bestrebt, dass „immer alles passt“ – sowohl für die anderen als auch für sich. Dennoch gehört zu denjenigen, die wissen, was sie wollen, und kein Blatt vor den Mund nehmen: „Wenn es Ungereimtheiten gibt, möchte ich darüber reden und sie schleunigst aus der Welt schaffen.“
„Obwohl ich dieses Handwerk nach wie vor toll finde, konnte ich mir nicht vorstellen, noch mit 66 Jahren Haare zu schneiden.“
Luca Schupp

Metzgerei ermöglicht junger Familie viel Flexibilität

Luca und Thomas Schupp sind heute mit ihrer Entscheidung sehr glücklich. Die Metzgerei bietet gerade der jungen Mutter und ihrer Familie viel Flexibilität. Wohnhaus und Laden des Paares sind fußläufig voneinander entfernt, so dass Arbeit und Privatleben räumlich getrennt sind. Bevor sie in die Fleischerei geht, bringt die junge Mutter Theo zur Schule und Paula zur Bushaltestelle. Das ist neudeutsch „Quality Time“ – Zeit, die Luca Schupp mit ihren Kindern genießt.

Kurze Zeit später steht sie im Laden und schwärmt: „Ich bin unwahrscheinlich gern im Laden. Unsere Kunden reagieren definitiv positiv, weil sie wissen, dass es bei uns im Geschäft weitergeht, wir extrem motiviert sind und voller Energie stecken.“ Auch die Arbeit im Team gefällt ihr viel besser als früher. Da war sie während ihrer Selbstständigkeit eine echte Einzelkämpferin. Neben dem Verkauf erledigt sie außerdem die Büroarbeiten.

Geschlachtet wird beim Metzger Paul noch selbst – wöchentlich zwischen 20 und 28 Schweinen und ein Stück Großvieh, die von langjährigen Lieferanten bezogen werden. Luca Schupp steht heute oft vor der Theke – staunend, was ihr Mann, ihr Vater und das Team in der Produktion Leckeres herstellen. Wenn’s ums Kreative geht, mischt sie gern mit: „Gerade haben wir eine neue Rollbratenfüllung für den Herbst getestet. Eine besondere Frischkäse-Variante gibt es im Fachgeschäft ebenfalls. Weil Tochter Paula das Rezept aus dem Schulunterricht mitbrachte, erhielt das Milchprodukt kurzerhand den Namen „Paulas“. Und weil Theo auch etwas mit seinem Namen in der Theke liegen haben wollte, kreierten die Eltern eine neue Bratwürstchensorte namens „Theo“.

Bei der Frage, wie man mehr junge Leute für eine Ausbildung im Fleischerhandwerk begeistern könnte, ist Luca Schupp ziemlich ratlos. Derzeit bildet ihr Mann zwar einen Fleischergesellen aus, aber sie kann sich nicht mehr daran erinnern, wann zuletzt eine Verkäuferin einen Lehrvertrag unterschrieben hat. „So lange ist das schon her“, sinniert sie und stuft das Desinteresse am Handwerk als gesellschaftliches Problem ein. „Es muss ein Umdenken stattfinden. Es können nicht alle Schulabgänger studieren“, lautet ihre Meinung. Natürlich rieche es in der Metzgerei an Schlachttagen nicht so blumig wie in einer Parfümerie. Das werde dem Fleischerhandwerk immer und immer wieder angekreidet, wogegen es von ihrem früheren Friseurberuf auch Unangenehmes zu berichten gibt. Schupp nennt als Beispiel: „Wenn man im Sommer schwitzt und abends die Haare fremder Menschen noch in der Unterwäsche findet.“

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Informationen zu den Fleischerberufen sind hier abrufbar.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 29/2022

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