Karriere im Fleischerhandwerk: „Ich lebe mein...
Karriere im Fleischerhandwerk

„Ich lebe meinen Traum“

Thomas Fedra
Ist von ihrem Handwerk total begeistert: Hanna Elsen.
Ist von ihrem Handwerk total begeistert: Hanna Elsen.

BARSSEL Die Faszination für das Fleischerhandwerk ist Hanna Elsen aus Barßel im Landkreis Cloppenburg deutlich anzumerken. „Ich lebe meinen Traum“, sagt die 25-Jährige, die in diesem Jahr den von afz - allgemeine fleischer zeitung und „Fleischwirtschaft“ vergebenen Förderpreis in der Kategorie Handwerk gewonnen hat.

Noch immer ist Hanna Elsen ganz begeistert von der feierlichen Preisverleihung im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengarten. „Es kamen so viele interessante und nette Leute aus der Branche auf mich zu. Ich habe gleich am Abend der Veranstaltung noch mehrere Praktika ausgemacht.“

Dass Hanna Elsen viele Menschen aus der Branche für sich begeistern kann, liegt sicher zum Teil an ihrer hohen Qualifikation und den vielen Kenntnissen, die sie bereits gesammelt hat. Aber ein wichtiger Faktor ist auch ihre überaus positive Einstellung. Und die ist keine Selbstverständlichkeit, denn das Schicksal hat sie schon in jungen Jahren vor eine ganz schwere Prüfung gestellt: Mit 16 Jahren erkrankte sie an Leukämie. Sie musste sich einer Stammzellen-Transplatation unterziehen. Die Krankheit konnte besiegt werden, doch als Folge der Behandlungen waren später noch mehrere Knie-Operationen nötig. Fast zwei Jahre war Elsen außer Gefecht gesetzt.

Mit Entschlossenheit und einem großen Kämpferherzen hat sie all das überwunden. Sie hat aus der äußerst schwierigen Zeit sogar noch Motivation gewonnen: „Durch die lange Krankheit bin ich sehr zielstrebig und ehrgeizig geworden.“

Eine Reise durch Fleischereien im In- und Ausland

Schon als Kind stand für Hanna Elsen fest: „Ich werde einmal Metzgerin und möchte den elterlichen Betrieb gern übernehmen und in die Zukunft führen.“ Deshalb entschloss sie sich, sobald die Krankheit überwunden war, eine Ausbildung zu beginnen. Das erste Jahr absolvierte sie wegen der zwischendurch anstehenden Knie-Operationen noch im elterlichen Betrieb, doch dann begann sie ihre Reise durch eine ganze Reihe von fleischerhandwerklichen Betrieben im In- und Ausland, die bis heute anhält und auch noch ein paar Jahre dauern wird.

Ihre weitere Ausbildung absolvierte sie in der Fleischerei Luers im niedersächsischen Westerstede. Die Berufsschule besuchte sie in Oldenburg. Die Lehranstalt unterhält eine Erasmus-Kooperation mit der Berufsschule Feldkirch im österreichischen Vorarlberg. Dank ihrer guten Leistungen ergatterte Hanna Elsen als einzige Auszubildende ihres Jahrgangs im Rahmen dieser Kooperation ein dreiwöchiges Praktikum bei der Metzgerei Schatz in Hohenems/Vorarlberg. Das sei eine fantastische Erfahrung gewesen, sagt sie. „Einerseits habe ich enorm viel Neues gelernt. Und andererseits hat sich eine herzliche, freundschaftliche Beziehung zur Familie Schatz entwickelt.“ Besonders interessant sei gewesen, dass in dem österreichischen Betrieb noch selbst geschlachtet und ausschließlich mit Rohgewürzen gearbeitet werde.

„Die drei Wochen waren viel zu kurz, um alle Betriebsabläufe richtig kennenzulernen“, erklärt Elsen. Deshalb – und wegen der freundschaftlichen Beziehungen zur Inhaberfamilie – ging sie nach Abschluss ihrer Ausbildung zurück nach Hohenems. Geplant war zunächst ein Vierteljahr, schließlich wurden es fast neun Monate. „In Österreich habe ich nicht nur meine Fähigkeiten als Fleischerin verbessert, sondern den Beruf wirklich lieben gelernt und eine große Leidenschaft dafür entwickelt“, schwärmt Elsen.

Nach ihrem Abschluss arbeitete sie eine Zeit lang im elterlichen Betrieb. Doch für sie stand bereits fest, dass sie noch einige weitere auswärtige Stationen ansteuern wollte, um ihre beruflichen Kenntnisse auf möglichst breite Füße zu stellen. „Gott sei Dank stehen meine Eltern dabei voll und ganz hinter mir“, erklärt sie. „Sie haben nur gesagt, mit 30 sollte ich dann vielleicht schon wieder in den heimischen Betrieb zurückkehren“, ergänzt sie lachend. Da hat die 25-Jährige ja noch reichlich Zeit zur Wanderschaft.

Im Jahr 2021 legte sie an der Fleischerschule Augsburg ihre Meisterprüfung ab. Und zwar mit Auszeichnung: Sie erhielt den Meisterpreis der Bayerischen Staatsregierung. Sie habe während des Meisterkurses sehr viel Neues lernen können, berichtet Elsen: „Neben einem Überblick über die umfangreiche Fleischbranche hat mich fasziniert, dass dort alte Handwerkskunst an die nächste Fleischergeneration weitergegeben wird.“

Im Januar 2022 absolvierte sie dann, ebenfalls in Augsburg, den Kurs zum Fleischsommelier. Dabei profitierte sie nicht nur von den fachlichen Informationen. Zwei Referenten boten ihr spontan an, in ihren Betrieben Praktika zu machen. Und so ging es für Hanna Elsen erneut in die Berge, die sie spätestens nach ihren Aufenthalten in Vorarlberg lieben gelernt hatte. Von März bis Juli dieses Jahres arbeitete sie bei der Metzgerei Weber im oberbayerischen Lenggries. Dort habe sie einmal mehr äußerst positive Erfahrungen gemacht, sowohl beruflicher als auch privater Art. „Die gesamte Familie Weber arbeitet mit großer Hingabe im Betrieb und stellt viele mehrfach ausgezeichnete Produkte her.“

Seit Anfang August ist Elsen auf der nächsten Station ihrer Wanderschaft – und erneut von Bergen umgeben. Bis Dezember arbeitet sie bei der Metzgerei Endrass in Bad Hindelang (Landkreis Oberallgäu). Auch dort wird sie wieder viel Neues lernen können, ist Elsen überzeugt. „Matthias Endrass war mein Dozent im Fleisch-Sommelierkurs. Er ist sowohl Fleischermeister als auch Gewürzsommelier und tritt als Mitglied des Butcher Wolfpack bei der World Butcher Challenge an.“ Als weiteres Standbein der Metzgerei habe er ein Kursangebot aufgebaut, unter anderem mit Tastings und Grillkursen. „Die Planung und Durchführung dieser Kurse mit dem Hintergrund eines Gewürz-Sommeliers stelle ich mir sehr aufschlussreich vor.“
„Die Fleischbranche ist so unfassbar vielfältig.“
Hanna Elsen

Interessante und lehrreiche Praktika

Und wie soll es dann ab Januar 2023 weitergehen? Hanna Elsen hat schon wieder viele Pläne. Sie möchte den Kurs zum Gewürzsommelier besuchen – und später auch in Augsburg die Fortbildung zur Betriebswirtin absolvieren. Aber vorher hat sie noch einige weitere Praktika auf der Agenda – die guten Kontakte knüpfte sie ja auf der Preisverleihung. Dort bot ihr der Gewürzspezialist Avo ein mehrmonatiges Praktikum samt Aufenthalt in Kanada an. „Das möchte ich auf jeden Fall machen. Ich denke, das wird ebenso interessant wie lehrreich.“

Die Eltern werden die Metzgerei in Barßel wohl also tatsächlich noch eine ganze Weile selbst betreiben müssen. Aber all die Praktika und Fortbildungen sollen letztlich dazu dienen, den Familienbetrieb einmal so gut wie möglich in die Zukunft zu führen, betont Hanna Elsen. Sie hat schon ganz konkrete Pläne. So möchte sie beispielsweise später einmal die eigene Wertschöpfungskette verlängern und die Schlachtung wieder aufnehmen, die ihr Großvater noch betrieben hatte. Dass ihr die Begeisterung für das Handwerk einmal abhanden kommen könnte, steht bei Hanna Elsen nicht zu befürchten: „Die Fleischbranche ist so unfassbar vielfältig. Immer wenn ich davon erzähle, fange ich direkt an zu schwärmen. Ich liebe und lebe den Beruf der Fleischerin.“

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 31/2022

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