Karriere: Vegan geht nicht für jeden
Karriere

Vegan geht nicht für jeden

Thomas Fedra
Entwickelt verbesserte Methoden für die Kultivierung von Fleisch: die junge Wissenschaftlerin und afz-Förderpreisträgerin Lisa Franke.
Entwickelt verbesserte Methoden für die Kultivierung von Fleisch: die junge Wissenschaftlerin und afz-Förderpreisträgerin Lisa Franke.

BERLIN Lisa Franke entwickelt in ihrer Promotion verbesserte Methoden für die Kultivierung von Fleisch. Für ihre Forschung wurde sie mit dem diesjährigen Förderpreis der Fleischwirtschaft in der Kategorie Wissenschaft ausgezeichnet.

Wie können wir Menschen künftig einen nachhaltigen Fleischgenuss ermöglichen? Diese Frage treibt Lisa Franke um. Kultiviertes Fleisch kann und sollte dabei eine große Rolle spielen, davon ist die 28-jährige Wissenschaftlerin überzeugt. Als sie 2013 ihr Studium der Lebensmitteltechnologie startete, machte die weltweit erste öffentliche Verkostung eines im Labor gezüchteten Burgers Schlagzeilen.

„Pflanzliche Alternativen können den Geschmack von Fleisch mittlerweile schon sehr gut nachbilden“, weiß Franke. „Aber der Geschmack ist eben nicht alles, was den Genuss von Fleisch ausmacht. Und in Sachen Textur hapert es häufig noch bei den pflanzlichen Lösungen. Hier kann kultiviertes, im Labor herangezüchtetes Fleisch den Konsumenten eine gute Alternative bieten.“

Allerdings hinke Deutschland bei diesem Thema bisher noch weit hinterher. Deshalb hat sich Lisa Franke entschlossen, sich in ihrer Promotion mit dem Thema der Kultivierung von Fleisch zu beschäftigen. Sie schreibt ihre Doktorarbeit an der Technischen Universität Berlin am Fachgebiet für Lebensmittelbiotechnologie und -prozesstechnik und ist Stipendiatin der Elsa-Neumann-Stiftung, der Promotionsförderung des Landes Berlin. Frankes Promotionsthema ist die Herstellung von komplexen, kultivierten Fleischstrukturen mit Hilfe von 3D-Biodruck und Extrusion. Mit ihrer Promotionsidee, die Mechanismen der Herstellung von kultiviertem Fleisch zu untersuchen, fand Lisa Franke das Interesse ihrer Fachbereichsleiterin Prof. Dr. Cornelia Rauh. Hierzu wurde zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch an keiner Universität oder Forschungseinrichtung gearbeitet.

Stützstrukturen für Muskelfleischzellen

Wenn sie beginnt, den Inhalt ihrer Arbeit genauer zu erläutern, wird es für den Laien schnell recht kompliziert, wie sie lachend einräumt. Im Wesentlichen geht es darum, dass sie an der Entwicklung von Stützstrukturen arbeitet, an denen die Muskelfleischzellen wachsen können. Während die Zellen selbst durch Mini-Biopsien von echten Tieren gewonnen werden, können für diese Strukturen auch pflanzliche Produkte eingesetzt werden. Das Endprodukt wäre dann ein Hybrid aus kultiviertem Fleisch und einer pflanzlichen Struktur.
„Fleisch ist für die Menschen oft mehr als ein Lebensmittel, es gehört zu vielen Kulturen und Identitäten der Menschen dazu.“
Lisa Franke
„Wir können nicht alle vegan leben.“ Davon ist Franke überzeugt. Diese Ernährungsform koste viel Zeit, weil man sich mit der optimalen Zusammensetzung von Mahlzeiten befassen und Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen müsse. Andernfalls entstünden schnell Mangelerscheinungen. „Außerdem ist Fleisch für die Menschen oft mehr als ein Lebensmittel, es gehört zu vielen Kulturen und Identitäten der Menschen dazu.“ Deshalb sei es wichtig, eine nachhaltige Alternative zu finden, die sowohl von der Zusammensetzung der Nährstoffe als auch sensorisch so nah wie möglich an konventionelles Fleisch herankomme.

Industriepartner in Produktion einbeziehen

Ein großes Problem für die Verbreitung von kultiviertem Fleisch in größerem Maßstab ist bisher die mangelnde Skalierbarkeit, ist Franke klar. Deshalb ist es ihr wichtig, dass die Verfahren, die sie entwickelt, nicht nur wissenschaftlich überzeugen, sondern auch den Praxistest bestehen können. „Ein großer Vorteil meiner Methode ist es, dass Industriepartner ohne viel Umrüstungsaufwand in die Produktion von kultiviertem Fleisch mit einbezogen werden könnten.“

Lisa Franke kann sich sehr gut vorstellen, nach dem Abschluss ihrer Promotionsarbeit – das wird in etwa zweieinhalb bis drei Jahren der Fall sein – erst einmal ins Ausland zu gehen. Vielleicht nach Israel oder auch in die Niederlande – diese beiden Länder sind derzeit führend in Sachen Fleisch-Kultivierung.

Reise- und abenteuerlustig war die junge Wissenschaftlerin schon als Jugendliche. Die gebürtige Berlinerin, aufgewachsen in Köln, absolvierte während ihrer Schulzeit einen dreimonatigen Aufenthalt in Argentinien und ein Auslandsjahr im US-Bundesstaat Minnesota. Da sie ein bilinguales Gymnasium besucht hat, schloss sie die Schule nicht nur mit dem deutschen Abitur, sondern ebenso mit dem französischen Baccalauréat ab.

Zum Studium der Lebensmitteltechnologie schrieb sie sich dann in ihrer Geburtsstadt Berlin ein. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie während eines Aufenthalts in Melbourne, wo sie mit der Forschungs-Organisation CSIRO zusammenarbeitete. Das Thema: Wie mit Hilfe von Ultraschall die Extraktion von Avocadoöl optimiert werden kann.

Promotionsthema ist eine echte Herzenssache

Über den Inhalt ihrer Masterarbeit will beziehungsweise kann Franke hingegen nur sehr wenig preisgeben, da sie diese in Zusammenarbeit mit Unilever mit einer Geheimhaltungsvereinbarung ausgearbeitet hat.

Umso auskunftsfreudiger ist sie beim Thema ihrer Promotion, das ihr auch persönlich sehr am Herzen liegt. „Ich habe mir in den vergangenen zwei Jahren ein großes Netzwerk im Bereich kultiviertes Fleisch aufgebaut und mit vielen Firmen und Forschungseinrichtungen erfolgreiche Kooperationen etabliert“, berichtet sie. Neben ihrer Forschungstätigkeit im Labor wirkt Lisa Franke bei dem Projekt „Social cohesion, food and health. Inclusive food system transitions“ des Berlin University Alliance Exzellenz-Clusters mit.

Neben ihrer Forschung im Labor widmet sich die 28-Jährige im Rahmen eines interdisziplinären Projekts der Geistes- und Politikwissenschaften den gesellschaftlichen und sozialen Fragen ihres Forschungsbereichs und ist Mitgründerin der gemeinnützigen Organisation CellAg Deutschland. Diese soll eine Plattform zur Aufklärung über zelluläre Landwirtschaft bieten. Und sie gründete an der Technischen Universität Berlin die Studierenden-Gruppe „The Berlin Alt. Protein Project“ in Kooperation mit dem Good Food Institute (GFI). „Mit der Gruppe möchte ich Studierenden die Möglichkeit bieten, sich über nachhaltige Proteinproduktion zu informieren“, erläutert sie.

Bleibt bei all diesen Engagements noch Zeit für private Aktivitäten? Durchaus, versichert Lisa Franke. Bouldern und Kochen gehören zu ihren Hobbys. Vor allem aber rennt sie gern – und zwar lange Strecken. „Ich bin leidenschaftliche Läuferin.“ Einen Marathon hat sie bereits absolviert, in der mehr als achtbaren Zeit von nur dreieinhalb Stunden. Im September will sie in Berlin erneut auf die lange Distanz gehen. Und natürlich hat die ehrgeizige junge Frau auch dabei nicht nur das Ankommen als Ziel: „Ich möchte mich gern für den Boston Marathon qualifizieren.“

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 38/2022

Newsletter-Service

Mit unseren kostenlosen Newslettern versorgen wir Sie auf Wunsch mit den wichtigsten Branchenmeldungen und nützlichen Praxistipps.

 
stats