Lebensmittelsicherheit: Besser aufdecken stat...
Jörg Schiffeler
Lebensmittelsicherheit

Besser aufdecken statt verunsichern

Dienstag, 29. August 2017

FRANKFURT Am verbotenen Einsatz von Fipronil gibt es nichts zu verharmlosen. Eine Überreaktion, die zu neuen Reglements führt, brauchen wir allerdings nicht. Bestehende Gesetze und Verordnungen sollten einfach nur Anwendung finden. Und dennoch will die Warnung vor Produktrückrufen gut überlegt sein.

Die Rückrufe der Eier sind nicht wegen einer Gesundheitsgefährdung erfolgt. Die Aktion wurde viel mehr mit dem Verbot der Anwendung von Fipronil bei lebensmittelliefernden Tieren begründet. Fipronil darf in der Europäischen Union als Pflanzenschutzmittelwirkstoff eingesetzt werden, nicht aber als Tierarzneimittelwirkstoff oder als Biozidwirkstoff in Desinfektionsmitteln. Deshalb ist die strafrechtliche Ahndung auch die logische Konsequenz.


Der wirtschaftliche Schaden ist bei zahlreichen Geflügelhaltern immens, weil der Lebensmittelhandel schnell Eier aus den Regalen nahm und die Behörden eine Lebensmittelwarnung absetzten. War das nötig? Das werden andere Institutionen zu entscheiden haben. Vor der Aufklärung steht erst einmal die nachhaltige Verunsicherung. Das hat Methode, das ist vielleicht auch einfach nur eine reflexartige Reaktion von Menschen – als Verbraucher, als Medienmacher, als Politiker.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) versuchte die Gefährdungslage schnell zu beurteilen. Das ist eine Herausforderung, denn Laboranalysen inklusive Probennahme kosten Zeit. Die wissenschaftlich unabhängige Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bewertete vergangene Woche die Situation. Danach ist eine gesundheitliche Gefährdung durch den Verzehr von Fipronil-haltigen Hühnereiern und Hühnerfleisch, inklusive aller daraus zubereiteten Lebensmittel unwahrscheinlich.

Zur Begründung führt die Behörde an, dass die duldbare tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake, ADI) durch den Verzehr von mit Fipronil belasteten Produkten erreicht oder überschritten wird. Laut BfR-Präsident Andreas Hensel hätte ein Erwachsener täglich sieben belgische Eier ohne Risiko verzehren können. Sind also verkehrsfähige Lebensmittel vom Markt genommen worden? Daraus ergibt sich die Frage, wer für diesen Schaden aufkommt oder ob wir uns den leisten.

Um eins vorweg zu nehmen: Wer trickst und betrügt, begeht eine Straftat. Sie darf nicht folgenlos bleiben und muss lückenlos aufgeklärt werden, damit den Handlangern das Handwerk ein für alle Mal gelegt werden kann. Wie schwierig das ist – insbesondere bei Banden, die grenzüberschreitend agieren – zeigt der Pferdefleischskandal. 2013 entdeckt hoben spanische Polizeikräfte erst vor wenigen Wochen den Fleischhändlerring aus. Welche Schlüsse sollten wir ziehen? Mehr selbst kontrollieren? Mehr überwachen lassen durch Behörden? Neue Gesetze für mehr Lebensmittelsicherheit benötigen wir in Deutschland ebenso wenig wie in der EU. Der Verzehr von Nahrungsmitteln endet hierzulande nicht tödlich.

Landwirte und Lebensmittelhersteller müssen noch unkonventioneller denken. Neben der Gefährdungsanalyse entlang der Kette der Fleischwirtschaft – von der Erzeugung über die Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung – müssen die Unternehmen mögliche Betrugsszenarien entwickeln, um sie frühzeitig aufzudecken.

Lieferanten und Dienstleister müssen vielleicht noch genauere Spezifikationen erhalten, die auch regelmäßig überwacht werden müssen. So ist jetzt beispielsweise auch der Zeitpunkt gekommen die Desinfektionsmittel auf Fipronil zu überprüfen. Könnten Reinigungsdienstleister das Pestizid auch in Schweineställen zur Desinfektion eingesetzt haben?

Die Lebensmittelüberwachung muss so aufgestellt sein, dass sie ihre Aufgaben erfüllen kann. Dazu zählt auch die Ausstattung mit einer ausreichenden Personaldecke.

Quelle: afz 35/2017
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