Clean Meat & fleischfreie Alternativen: Des F...
Renate Kühlcke
Clean Meat & fleischfreie Alternativen

Des Fleischs neue Kleider

Freitag, 14. Mai 2021

FRANKFURT Wandel und Fortschritt gelingt nur mit einem ehrlichen Angebot.

Als jetzt Marktführer Tönnies seine Tiere vom Dach nahm, war das für nicht wenige mehr als ein symbolischer Akt. Die über die Grenzen bekannte, fröhliche Tiergruppe aus Schwein, Kuh und Ochse auf dem Tiefkühllager hat als von weitem sichtbares Logo einer heilen Fleischwelt ausgedient. Die Zeichen stehen auf Erneuerung, nicht nur in Rheda-Wiedenbrück.

Keine Frage, die deutsche Fleischbranche ist im Umbruch. Es wird weniger Schlachtschweine geben, das zwingt über eine Anpassung bei den Schlachthaken und über neue, tiefere Kooperationen mit Erzeugern und Händlern nachzudenken und Geschäftsfelder neu abzustecken. Tierwohl und Regionalität haben wohl jetzt die Kraft, den bisherigen Exporthype abzulösen, das suggeriert zumindest die auf zahlreiche Umfragen gestützte gesellschaftliche Großwetterlage.
Und dann ist da noch der Tanz ums „neue“ Fleisch. Kein Tag vergeht, an dem es nicht in den Medien auf den Sockel gehoben wird. Dabei sind nicht (mehr) die pflanzlichen Alternativen, sondern die Fleischzellen aus der Retorte die aktuellen Stars der Investmentszene. Gerade eben holte sich das Start-up Orbillion aus dem Silicon Valley im ersten Anlauf vier Millionen US-Dollar Startkapital allein mit dem Versprechen, Fleisch des Wagyu-Rinds in der Petrischale heranzüchten zu wollen.

Nichts scheint unmöglich. Eine niederländische Unternehmensberatung zeigt den Ausweg aus dem bislang ungelösten Dilemma, dass die Erzeugung von In-vitro-Fleisch um den Faktor 100 bis 10.000 teurer als die Produktion herkömmlicher Ware ist. Um das Kunstfleisch konkurrenzfähig zu machen, müssten die Erzeugungskosten erheblich gesenkt werden. Dazu könnte ein Teil der Investitionskosten beispielsweise mit EU-Subventionen im Rahmen des Green Deal finanziert werden. So der ernstgemeinte Vorschlag der Unternehmensberater.
Neue Wege der Lebensmittelproduktion entstehen meist im Verborgenen. Denken wir an die etablierte Gemüsezucht auf Nährlösung, ist die derzeit in einem ehemaligen Londoner Luftschutzbunker in 33 Meter Tiefe zu besichtigende Anbauform von Pflanzen auf Wollmatten unter LED-Röhren, die das Sonnenlicht ersetzen, die konsequente technische Weiterentwicklung. Aber ist das die vom Verbraucher akzeptierte Zukunft unserer Lebensmittelproduktion?

Gerade im digitalen Zeitalter sehnt sich doch besonders die Generation Z nach einem alternativen Lebensstil, der langsamer und bewusster ist. Ein Lebensstil, der eher eine Abkehr von Technik und ständiger Verfügbarkeit darstellt. Die Antwort darauf liegt für Viele in einem Rückzug in die Natur und einem ursprünglicheren Leben. Auch das sagen Meinungsforscher. Die sich wandelnde Fleischbranche kann und wird in diesem fordernden Umfeld auf jeden Fall nur mit ehrlichen Angeboten punkten. Die neuen Kleider passen nämlich nicht jedem.

Quelle: Fleischwirtschaft 5/2021
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