Digitalisierung: Kürzere Wartezeit, längere K...
Digitalisierung

Kürzere Wartezeit, längere Kundenliste

Julian Funke, Julian Funke
Elke und Michael Funke: Der Aufwand hat sich gelohnt.
Elke und Michael Funke: Der Aufwand hat sich gelohnt.

OLSBERG Im Herbst als Bestellservice gestartet, schätzen Elke und Michael Funke inzwischen die Marketingpower der App für ihre Fleischerei.

Die heimische Couch an einem trüben Nachmittag im Sauerland ist nicht unbedingt das, was man gemeinhin für ein kreatives Umfeld hält. Doch bei Familie Funke wurde sie zum Think Tank, wie man neudeutsch sagt. Denn auch den Familienbetrieb in dritter Generation stellte Corona vor besondere Herausforderungen. „Selbstständige sind ja in Gedanken immer beim Betrieb. Und so sprachen wir mit unseren Söhnen über das bevorstehende Weihnachtsgeschäft unter Corona-Bedingungen und wie wir die Kundenschlange vor unserem Geschäft verkürzen könnten, auch wegen der kalten Witterung“, erinnert sich Elke Funke, die mit ihrem Mann Michael die Fleischerei Funke-Schnorbus in Olsberg betreibt.


Heraus kam die Idee einer Bestell-App. „Wir hatten schon mal vor zwei, drei Jahren mit Innungskollegen über eine App gesprochen, aber waren von den damaligen Lösungen nicht überzeugt. Die waren noch nicht ausgereift.“ Nun aber wollten die Funkes der Idee noch einmal eine Chance geben – und dann ging alles ganz schnell. Michael Funke kramte den alten Kontakt heraus, rief dort gleich an, gelangte so zu Raphael Feldmann, Geschäftsführer des Berliner App-Anbieters Appceleration, und legte los. „Etwa fünf Tage haben wir gemeinsam an dem Gerüst gebastelt und sind dann schon am darauf folgenden Wochenende an den Start gegangen“, berichtet die Fleischer-Fachverkäuferin, die den Bestellservice per App am PC umgesetzt hat. Die Fleischer-App von Funke-Schnorbus finden die Kunden in den Stores von Apple und Google, können aber die Bestellungen auch bequem vom heimischen Computer aus aufgeben. „Wir haben in unserem Geschäft noch ein Abholfenster eingerichtet und dies auch auf Facebook und Instagram mit einem selbst erstellten Video verbreitet“, erläutert Elke Funke. Zudem bewarben die Funkes die neue App mit Plakaten, haben Tüten mit Etiketten beklebt und anfangs eine habe Fleischwurst für diejenigen Kunden ausgelobt, die die App auf dem Handy vorzeigen.

Um bei der Abholung die Wartezeiten vor dem Geschäft für die Smartphone-Besteller zu verkürzen, hat die App zudem den Telefonbutton „VIP-Service Olsberg“. Klickt der Kunde darauf, bringt ein Funke-Mitarbeiter die Bestellung raus. Zudem gibt es bereits seit vergangenem Frühjahr einen Lieferservice, der nun in die App eingebunden wurde.

Neben dem normalen Sortiment stellt die Firma Funke auch Angebote und Aktionen sowie den Menüplan für den Mittagstisch in die App ein. Unter dem Button „News“ finden sich neben „Elkes App News“ für den Übergang auch noch die Facebook-Posts der Fleischerei. Sie informiert über Neuigkeiten im Sortiment wie aktuell Blätterteigtaschen „Hawaii“ und „Pizza“ und über kurzfristige Aktionen wie „T-Bone Steaks außer der Reihe“. Daneben gibt es auch technische Hilfe, etwa bei Benachrichtigungseinstellungen („Wann soll’s klingeln?“).

Die Kunden nahmen die App von Anfang an gut an. „Eine 82 Jahre alte Dame hat ihr komplettes Weihnachtsmenü über die App bestellt. Und ich sehe jetzt im Laden oft Neukunden, die wir nur wegen der App gewonnen haben“, berichtet Elke Funke aus dem App-Alltag.

„Die App musste natürlich mit Leben gefüllt werden. Das habe ich total unterschätzt“, sagt die Technik-Expertin wider Willen. Die Pflege der App beanspruche schon Zeit und Mühe. „Ich hatte mir vorgestellt, dass man die Print-Menüpläne eins zu eins übernehmen kann. Das geht aber nicht, die muss man schön in die Formate packen, die die App gerne hätte“, nennt sie ein Beispiel. „Sonst ist das wie ‚Internet zu Fuß‘, sagt mein App-Coach. Eine App ist nicht zum Anschauen, sondern zum Interagieren.“

Was anfangs nur eine Bestell-App werden sollte, offenbart nun ungeahnte Möglichkeiten. „Ich hätte nie gedacht, dass eine App so eine Marketingpower entwickeln kann“, berichtet Elke Funke. „Bisher dachte ich, Facebook reicht für den Online-Kundenkontakt. Aber die App ist eine völlig andere Dimension. Es ist jetzt schon so: Wenn ich etwas über die App veröffentliche, merke ich es sofort, nicht nur im Onlineshop, sondern auch im Laden. Unser Koch hatte zum Beispiel richtig Stress nach dem Blätterteigtaschen-Post.“

Dabei stehe sie ja noch ganz am Anfang und lerne jeden Tag dazu. „Über Kundenreaktionen und wie unser Marketing funktioniert. Wir haben tatsächlich jetzt schon eine Liste über zehn Marketingprojekte, die wir über die App laufen lassen wollen“, so Elke Funke.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 6/2021
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