Karriere im Fleischerhandwerk: Vom Kollegen z...
Karriere im Fleischerhandwerk

Vom Kollegen zum Juniorchef

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Blickt mit froher Erwartung in die Zukunft der Fleischerei Bellendorf: Metzgermeister Hendrik Tiemann.
Blickt mit froher Erwartung in die Zukunft der Fleischerei Bellendorf: Metzgermeister Hendrik Tiemann.

DORSTEN Hendrik Tiemann (26) aus Dorsten-Lembeck hat für sein Berufsleben einen klaren Plan: die Übernahme der elterlichen Metzgerei Bellendorf. Im Gespräch mit der afz erzählt er, wie er sich als Junior seinen Platz im Betrieb erarbeitet.

Bereits als Kind wusste Hendrik Tiemann, was er mal werden wollte. Und nach Lehre, Meisterprüfung und Betriebswirt des Handwerks steht nun die Generationennachfolge in der Lembecker Metzgerei Bellendorf auf dem Plan.

Warum sind Sie Metzger geworden?

Hendrik Tiemann: Mein Vater hat mich als Kind früh mit in die Wurstküche genommen. Das ging los, als ich laufen konnte. Ich habe viele Dinge einfach gern und spielerisch erlernt. Dann war da mein Großvater, der einen Schlachthof betrieb, und für mich als großes Vorbild galt. Und ich erinnere mich sehr positiv an meinen Großvater mütterlicherseits, der eine Metzgerei im Schwarzwald führte. Zusammen mit meinem Vater waren da gleich zwei Männer in der Familie, beide Metzger und beide Vorbilder. Als Kind denkt man nicht darüber nach, was ein Vorbild ist. Aber auch ein kleiner Junge spürt, wenn der Großvater und der Vater Erfolg haben, ihre Sache gut machen und Ansehen erlangen.
Wie war Ihr bisheriger beruflicher Lebensweg?

Tiemann: 2011 startete ich meine Ausbildung in der Metzgerei Gronau in Essen. Es war eine gute, anstrengende und harte Lehre in einer erstklassigen Metzgerei. Mein Ausbildungsmeister fragte mich gleich am Anfang, ob er mich auch richtig anpacken dürfte. Ich war jedenfalls nie das „Meistersöhnchen“. Aber im Nachhinein betrachtet: Gerade deswegen war es gut. Danach war ich noch ein halbes Jahr bei der Fleischerei Laschke im Münsterland, die vor allem für ihren westfälischen Knochenschinken bekannt ist. Dann ging es 2014 nach Augsburg: Meisterprüfung, Ernährungsberater im Fleischerhandwerk, Betriebswirt des Handwerks. Augsburg war eine superinteressante Zeit. Zum einen war es fachlich ein großer Gewinn, zu sehen, wie die süddeutschen Kollegen arbeiten. Das war lehrreich und hat meinen Horizont erweitert. Zum anderen habe ich da auch erlebt, wie schön Kollegialität ist – wir haben oft nächtelang gemeinsam für die Prüfungen gelernt. Vor allem aber ist mir in Augsburg eines bewusst geworden: Ich will einmal den Betrieb meines Vaters übernehmen.

Wo ist heute schwerpunktmäßig Ihr Arbeitsplatz in der Metzgerei?

Tiemann: Meine Heimat ist die Produktion. Meine wichtigsten Aufgabengebiete sind die Organisation in der Wurstküche, die Kontrolle am Endprodukt und das Herausfinden von Verbesserungen. Enorm wichtig finde ich auch die Kontrolle der Hygienemaßnahmen.

Was macht Ihnen in Ihrem Beruf am meisten Freude?

Tiemann: Wenn ich ein sauber geschlachtetes Stück Vieh im Kühlhaus sehe oder ein Kochpökelprodukt frisch anschneide. Dann weiß ich, warum ich morgens gern früh aufstehe. Den meisten Ehrgeiz setze ich in die Rohwurstherstellung. Ich will viele Dinge einfach selbst herstellen, etwa meine Edelschimmel-Salami. Ich möchte mit Salami noch viel mehr Experimente machen.
Weil ich seit vielen Jahren Ihren Vater kenne, frage ich Sie sehr direkt: Wie fühlt man sich als Juniorchef neben einem so starken Vater?

Tiemann: Es ist ein Wirken und Arbeiten aus dem Schatten heraus. Ich kann mich nur über Fleiß und Präsenz überhaupt sichtbar machen. Das ist gerade neben einem relativ jungen und starken Vater bestimmt nicht einfach. Der Weg wird nicht der sein, dass mein Vater zur Seite rückt und Platz macht, sondern dass ich mich in der Produktion profiliere und mir meinen Platz schaffe. Gleichzeitig arbeite ich mich ins Büro ein. Ich muss wissen, was in den betriebswirtschaftlichen Auswertungen und Bilanzen steht.

Ihr Vater zeigt, dass das Glück im Leben in der Arbeit liegt, in der man voll und ganz aufgeht. Wird das auch Ihr Lebens- und Arbeitsmodell sein?

Tiemann: Das stimmt. Mein Vater arbeitet sehr viel. Er ist das absolute Vorbild. Und ich will ihm entsprechen. Gleichzeitig will ich, wenn ich selbst einmal Kinder habe, für diese Kinder Zeit haben. Ich habe mehrere Freunde, die einen landwirtschaftlichen Betrieb haben. Mit denen tausche ich mich öfter darüber aus, wie man die Freude an der Arbeit und die Freude an der eigenen Familie in der Selbstständigkeit unter einen Hut bringt.

Gibt es Konflikte zwischen dem Juniorchef und den älteren Mitarbeitern?

Tiemann: Natürlich gibt es die. Da sind langjährige Gesellen und dann komme auf einmal ich. Man muss dann als Sohn vorsichtig sein. Lang gediente Mitarbeiter haben manchmal Sorge, dass sie verdrängt werden könnten. Ich überlege oft, wie würde ich das an deren Stelle sehen. Damit kann ich das besser verstehen. Ich bin mitten in dem Prozess, mir den Respekt zu erarbeiten. Ich weiß genau: Diesen Respekt erhalte ich nicht, weil ich Sohn bin, sondern nur über vorbildliches Verhalten. Die Kollegen in der Produktion merken, wenn man voranschreitet, einen Gedanken oder einen Arbeitsschritt voraus ist. Dann merke ich: Da kommt der Respekt. Vielleicht bin ich deshalb morgens gerne der, der das Licht anmacht und abends der, der nochmal die Rauchanlage kontrolliert.

Bei allem großem Respekt vor Ihrem Vater. Was wollen Sie einmal anders machen?

Tiemann: Mein Vater macht ziemlich alles richtig, etwa den Aufbau unserer Fleischmarke „Du Bell“. Ich bin sehr stolz auf dieses Fleisch. Und ich würde es eins zu eins genauso machen. Ich würde nur einige Prioritäten anders setzen, etwa mehr zugunsten der Metzgerei und weniger für Catering-Großaufträge. Ich arbeite gern in allen Bereichen unseres Berufs. Arbeiten ist keine Schande, auch von früh bis spät. Daher denke ich über andere Vertriebswege nach, etwa die Belieferung von Supermärkten in der Region.

Wie läuft die Übergabe von Verantwortung?

Tiemann: Ich bin jetzt seit drei Jahren im Betrieb. Mein Vater bindet mich langsam immer mehr in die Verantwortung ein. Ich sehe das als Anerkennung. Denn mein Vater selbst wurde bei der Übergabe sozusagen ins kalte Wasser geworfen.

Was sind Ihre Gedanken für die Zukunft?

Tiemann: Meine Entscheidung für die Übernahme des Betriebs steht. Gleichzeitig beschäftigt mich etwa die Standortausrichtung: Wir haben an unserem Hauptgeschäft weniger Laufkundschaft als früher. Und mich beschäftigt der Erhalt der Arbeitsplätze. Mehr und mehr wird mir die wirtschaftliche Verantwortung bewusst, die einmal auf mich zukommt. Und manchmal denke ich über meine eigenen Schwächen nach. Dann wird mir klar, dass mein Vater mindestens genauso viel Metzger-Herzblut hat, vielleicht sogar noch etwas mehr.

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Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 49/2020
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