Buchtipp: Billige Schnitzel schaden allen
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Billige Schnitzel schaden allen

imago / blickwinkel
DIe Bio-Branche ist abhängig von großen Schlachtkonzernen, um die Bedingung in der Haltung von Tieren deutlich zu verbessern. Auch beim Wiener Schnitzel.
DIe Bio-Branche ist abhängig von großen Schlachtkonzernen, um die Bedingung in der Haltung von Tieren deutlich zu verbessern. Auch beim Wiener Schnitzel.

FULDA Verflechtungen, Abhängigkeiten, Verbraucherverhalten: Jens Brehl diskutiert in seinem jetzt erschienenen E-Book, ob die Bio-Branche die Schlachtindustrie ökologisch nachhaltiger und sozial gerechter gestalten kann.

Die Produktionsschritte greifen wie Zahnräder ineinander.“ So beschreibt Autor Jens Brehl in seinem als E-Book-Edition vorliegenden Buch „Mitgefangen, mitgehangen – Bio und das große Schlachten“ das System der Fleischindustrie. In dem komplexen System mit seiner ausgeklügelten Effizienz ist vom Ferkelerzeuger über den Mastbetrieb, den Schlachthof, die Weiterverarbeitung bis hin zum Handel alles zeitlich aufeinander abgestimmt.
„Wenn wenige Großbetriebe nicht mit voller Leistung produzieren, implodiert das gesamte System. “
Jens Brehl
Die augenscheinliche Perfektion ist zugleich besonders störanfällig. Gerade die aktuelle Pandemie hielt dem System den Spiegel vor und bewies, dass seine Struktur nicht unbedingt krisensicher ist. Brehl schreibt: „Im Fall der Fleischindustrie reicht es, wenn wenige Großbetriebe nicht mit voller Leistung produzieren können, um das gesamte System implodieren zu lassen.“ Denn während man bei einer Schraubenfabrik die Produktion im Bedarfsfall per Knopfdruck stoppen kann, führten die coronabedingt zeitweisen Schließungen einzelner großer Schlachtbetriebe zu einem gigantischen Stau in deutschen Schweineställen.

Auch wenn es die Bio-Branche nicht gern zugibt: Sie ist eng mit den großen Schlachtkonzernen verwoben. Die aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen seit Jahren kritisierte Tönnies-Gruppe etwa ist Deutschlands größter Bio-Schweinefleischproduzent. Trotzdem lag der Marktanteil bei gerade mal 0,7 Prozent oder einer Produktionsmenge von 30.900 Tonnen. Corona befeuerte die Nachfrage nach Bio-Schweinefleisch kräftig – es erreichte einen Umsatzanteil von 3,4 Prozent.

Mitgefangen, mitgehangen – Bio und das große Schlachten.
jb
Mitgefangen, mitgehangen – Bio und das große Schlachten.
Folgende Fragen will Brehl in seinem Buch beantworten: Wie sieht die Situation der Bio-Schweinehalter aus? Stauen sich auch dort Tiere in den Ställen? Sind kleine und mittelständische Schlachtbetriebe noch zu retten? Wenn ja, wie lassen sie sich wirtschaftlich tragfähig führen und vor Übernahmen durch Konzerne schützen? Bricht gar eine Renaissance regionaler Strukturen an oder erweist sich der aktuelle Diskurs als Strohfeuer? Welche alternativen Wege kann die ökologische Landwirtschaft in puncto Schlachten beschreiten? Welchen Einfluss kann die Bio-Branche mit ihrem vergleichsweise geringen Marktanteil auf das System der Fleischindustrie nehmen? Kann und sollte sich die Bio-Branche von Großkonzernen emanzipieren?

Brehl beschreibt den Spagat, den die Bio-Branche in vielen Bereichen täglich vollführen muss. Dabei geht es nicht nur um die Abhängigkeiten von und Verflechtungen mit großen Schlachtkonzernen. Er schreibt ganz pragmatisch: „Bio muss sich mit den Gegebenheiten unseres Wirtschaftssystems arrangieren und sich dennoch bestenfalls die Ideale bewahren.“ Ihm sei es bewusst, dass es für einige Menschen nur schwer auszuhalten ist, dass ausgerechnet die Tönnies-Gruppe Marktführer bei Bio-Fleisch ist und eine tragende Rolle bei der ökologischen Agrarwende spielt. Clemens Tönnies sei zwar eine Symbolfigur aller Missstände seiner Branche, führe aber sein Unternehmen unter den Rahmenbedingungen, die Politik und Gesellschaft zulassen. Von ihm moralisches Verhalten zu fordern und dann selbst bei jedem Superbillig-Fleischangebot den Supermarkt oder Discounter zu stürmen, passe nicht zusammen.

Wer die gesamte Fleischbranche ökologisch und sozial gerecht gestalten will, darf, so Brehl, nicht allein auf die bewussten Konsumenten warten. Es brauche ebenso ehrliche Preise, weil das billige Schnitzel am Ende des Tages der ganzen Gesellschaft teuer zu stehen kommt. Denn die Kosten für Umweltschäden ökologisch nicht nachhaltiger Landwirtschaft trägt in der Regel die Allgemeinheit.

Brehls Erkenntnis und Fazit lauten: Wenn sich die Verbraucher tatsächlich flächendeckend mehr ökologische Landwirtschaft und Tierwohl wünschten, dann dümpele Bio-Fleisch nicht bei einem Marktanteil von wenigen Prozent herum.

Das Buch

  • Titel: Mitgefangen, mitgehangen – Bio und das große Schlachten
  • Autor: Jens Brehl
  • Preis: 4,99 Euro; erhältlich in allen E-Book-Stores

Der Autor

Jens Brehl, der Autor von „Mitgefangen, mitgehangen – Bio und das große Schlachten“ ist freier Journalist und Herausgeber des Onlinemagazins „über bio“. Darin widmet er sich der ökologischen Landwirtschaft und der Bio-Branche. Im Oktober 2020 erschien im Oekom-Verlag „Für unsere Zukunft – Wie Bio-Pioniere die Welt verändern“. Für sein Buch „Regionale Biolebensmittel – Gesundes und Köstliches aus Fulda, Rhön, Vogelsberg und Nordhessen“ erhielt er 2016 den Salus-Medienpreis in der Kategorie Sonderpreis.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 15/2021
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