Das beste Stück: Zwischen Völlerei und Darben
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Gutschein für Wurst und Wecken – darum reißen sich die Kinder zum Beispiel in Bad Säckingen bis heute.
Gutschein für Wurst und Wecken – darum reißen sich die Kinder zum Beispiel in Bad Säckingen bis heute.

FRANKFURT Über Essensvorlieben und -verbote rund um die Fastnacht und die nachfolgende Fastenzeit sollte so erzählt werden, dass manche Zusammenhänge klarer werden. Viele Mythen und Halbwahrheiten ranken sich um diese Verordnungen.

von Irene Krauß

Eine von Papst Gregor dem Großen im Jahr 590 eingeführte Weisung zur Fastenzeit ist in dieser Hinsicht wunderbar eindeutig: Untersagt wird in Erinnerung an den Fleischestod Jesu in erster Linie der Genuss von warmblütigen Tieren wie überhaupt die mehrmalige Sättigung am Tag. Und rund 200 Jahre später hieß es anlässlich der Synode von Paderborn (um 785) ganz ähnlich: „Wer die 40-tägige Fastenzeit aus Verachtung des Christentums nicht hält und Fleisch isst, soll sterben“. Schmalz, Butter, Eier, Käse und Milch waren als tierische Produkte ebenfalls verboten – sie galten als „flüssiges Fleisch“.

„Fleisch, leb wohl“

Im Laufe der Jahrhunderte milderte sich die Strenge des kirchlich verordneten Fastens zwar, der Verzicht auf Fleisch jedoch blieb bis in die jüngere Gegenwart das zentrale Element der 40-tägigen Fastenzeit. Bevor also die alltäglichen Speisegewohnheiten derart radikal beschnitten wurden, empfahl sich in den Fastnachtstagen noch einmal der Genuss von deftigen Würsten und fettem Fleisch. Volkstümliche Redensarten aus dem schwäbisch-alemannischen Raum wie der sehnsüchtige Seufzer „wenn nur Fasnacht in meiner Küche ist“ lassen erkennen, dass die Fastnachtstage neben Ostern und Weihnachten eine Zeit des Tafelns darstellten.

Auch das in Deutschland seit 1699 bezeugte Wort „Karneval“ bezieht sich auf dieses bestimmende Fastenelement. Das Kirchenlatein kennzeichnete den Eintritt in die Fastenzeit mit dem Begriff „carnislevamen“, was so viel wie „Fleischwegnahme“ bedeutet. Im 10. Jahrhundert entwickelte sich daraus das leichter auszusprechende „carnelevare, was scherzhaft mit „Fleisch, leb wohl“ übersetzt wurde.

Es geht um die Wurst

Der Brauch, die Tage vor der vorösterlichen Fastenzeit mit Schlemmen fettreicher Speisen zu feiern, lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Neben eierreichen Schmalzgebäcken durften vor allem fette Würste und Fleisch nicht fehlen. Dass es während der närrischen Tage im wahrsten Sinne des Wortes „um die Wurst geht“ brachte anno 1590 einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter, Johann Fischart, mit seinem Fastnachtsruf: „Hie immer Würst, Nimmer Hering!“ auf den Punkt.

Schlachttermin, Feiertag und Umzüge

Vor diesem Hintergrund galten die Fastnachtstage bis in die Neuzeit als letzter Termin vor der langen Periode der Enthaltsamkeit, um zu schlachten und die verschiedenen Arbeitsgänge der Wurst- und Fleischherstellung zu bewerkstelligen. Bei der (ländlichen) Bevölkerung war die Freude über den Schlachttermin zur Fastnacht groß, denn frisches Fleisch, Innereien und Würste, vor allem die schweinernen Bratwürste, waren in früheren Jahrhunderten keine Selbstverständlichkeit und erfreuten sich größter Wertschätzung. Auch wenn sich heute kaum einer mehr im Klaren darüber ist, dass die Speisegewohnheiten der Fastnacht im großen Zusammenhang mit dem Jahresbrauchtum stehen, so reißen sich doch Klein und Groß immer noch um „Wurst und Wecken“, die vielerorts im Zeichen des Narrenbaums verteilt werden.

„Wer kein Fleisch verträgt, lobt das Fasten“

Solche volkstümlichen Redensarten aus dem schwäbisch-alemannischen Raum verdeutlichen kulinarisch ganz konkret, was die auf die Fastnacht folgende vorösterliche Fastenzeit in früheren Jahrhunderten bedeutet haben mag. Vor allem der Verzehr von Fleisch wurde schmerzlich vermisst, wobei man einschränken muss, dass Fleischwaren je nach Region und sozialen Verhältnissen in früheren Jahrhunderten ohnehin nicht beliebig oft auf dem Tisch standen. Fasten dürfte den Ärmeren also leichter gefallen sein.

Natürlich herrschten nicht allerorten bescheidene Verhältnisse. Um gut essen zu können, hat man sich viel einfallen lassen, wie die Vielzahl an wohlschmeckenden Fisch-, Schnecken- und Krebsspeisen aus Klosterküchen belegt. Auch in Schlössern und in gutbürgerlichen Häusern stellt so manche Speisenzusammensetzung nicht eben eine triste Einschränkung dar, obschon den Buchstaben nach den Vorgaben Folge geleistet wurde: kein Fleisch auf dem Tisch. Allerdings machen volkstümliche Redensarten in allgemeingültiger Form deutlich, dass so manchem Fastenden vor allem Alkohol und Fleisch nicht aus dem Sinn gingen. „Jetzt kann die Fasten kommen, die Fässer sind alle voll“, ließ der Abt von Murbach offenbar einst vernehmen oder „ich kreuzige mein Fleisch, sagte der Pfaff, und legte Schinken und Wildpret kreuzweise aufs Butterbrot“.

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Quelle: Fleischwirtschaft 3/2021
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