Frischelogistik: Weniger Durst durch geringer...
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Das Heckflügelsystem am Trailer des Vion-Lastzugs öffnet sich automatisch bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h.
Das Heckflügelsystem am Trailer des Vion-Lastzugs öffnet sich automatisch bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h.

HILDEN Mit verbesserter Aerodynamik lässt sich Treibstoff einsparen. Vion will den Ausstoß von Kohlendioxid seiner Fahrzeugflotte um bis zu acht Prozent senken.

Der Fleischkonzern Vion will gemeinsam mit dem Aerodesign-Spezialisten Betterflow den Treibstoffverbrauch und den CO2-Ausstoß seiner Fahrzeugflotte um bis zu acht Prozent senken. Die dafür nötige Reduktion des Dieselverbrauchs ermöglicht eine umweltschonende Optimierung der Sattelzug-Auflieger. Vor kurzem wurde das erste umgerüstete Fahrzeug ausgeliefert.

Seit der Gründung des Unternehmens Betterflow beschäftigen sich dort unter anderem Luft- und Raumfahrtingenieure mit der Verbesserung des Luftwiderstands von Sattelzügen. Zwar wird dieser von verschiedenen Faktoren beeinflusst, wie viel Diesel ein Fahrzeug verbraucht – ob im Stadtverkehr, auf der Landstraße oder der Autobahn. Doch während die Einflüsse von Reifen, Antriebsstrang und weiteren Treibstoff-Verbrauchsfaktoren in der Vergangenheit kontinuierlich verbessert wurden, blieb die Aerodynamik der Trailer lange Zeit ein Stiefkind.

Windschlüpfrige Lösung

„Jedoch wird der Verbrauch eines Sattelzugs“, so Sven Janßen, Director Logistics bei Vion, „nicht unerheblich durch die aerodynamischen Eigenschaften seines Trailers bestimmt: Je besser die Aerodynamik, desto geringer der Luftwiderstand und im selben Moment auch Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß der Zugmaschine“. Mit dieser Rechnung ergriffen Katharina Schweiger und Michael Schippler von der Logistiktochter Vion Move des Lebensmittelproduzenten die Initiative und nahmen Kontakt mit Betterflow auf.

Um den Durst der Zugmaschinen in Abhängigkeit von Fahrzyklus, Beladung und Fahrzeugkonfiguration zu reduzieren, boten die Aachener Ingenieure Vion konkret drei Komponenten an: eine Unterbodenverkleidung (LowFlow), einen Vorflügel für die Stirnwand des Trailers (HighFlow) sowie ein Heckflügelsystem (RearFlow), das sich automatisch bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h öffnet. Als weitere Partner, um die windschlüpfrige Lösung aus der Luft- und Raumfahrttechnik via Truck und Trailer erstmals in der Fleischbranche auf die Straße zu bringen, entschied sich Vion für Daimler Trucks und den Nutzfahrzeugbauer Schmitz Cargobull.
„Eine perfekte Strömung fließt parallel ohne große Verwirbelungen.“
Dirk Sieprath, Betterflow
Doch wo konkret liegen die aerodynamischen Schwachstellen heutiger Sattelzüge? „Eine perfekte Strömung fließt parallel ohne große Verwirbelungen“, erklärt Betterflow-Geschäftsführer Dirk Sieprath. „Schwachstellen befinden sich überall dort, wo die Strömung nicht frei fließen kann oder eine Abrisskante vorliegt. An den oberen und unteren Lücken zwischen Zugmaschine und Trailer zum Beispiel“. Vor allem am Heck erzeugen Verwirbelungen einen Unterdruck und damit eine Kraft, die der Fahrtbewegung entgegenwirkt – und die die Zugmaschine zusätzlich überwinden muss. Im Ergebnis verbraucht ein Sattelzug auf der Autobahn auch heute noch etwa 13 Liter je 100 Kilometer – nur um den Luftwiderstand zu überwinden.

Nachrüstung möglich

Untersuchungen des NACFE (North American Council for Freight Efficiency), des Umweltbundesamts (UBA) und der von der EU-Kommission beauftragten IDIADA zufolge wird der Luftwiderstand von Sattelzügen mit aerodynamischen Komponenten stark reduziert. Betterflow hat in einem Flottentest über vier Mio. Kilometer die Wirksamkeit seiner Aeropakete im Fernverkehr nachgewiesen: Das Einsparpotential liegt bei 1,8 l / 100 km und entspricht damit 6,4 Prozent des Referenzverbrauchs von 28 l / 100 km. Und nach einem Constant Speed Test gemäß Vecto-Anforderungen (Vehicle Energy Consumption calculation Tool) ist die cw-Verbesserung des Betterflow Aeropakets seit 2019 auch offiziell von externen Gutachtern bestätigt.

„Bedurften unsere Komponenten HighFlow und LowFlow schon zuvor keiner zusätzlichen Genehmigung, ist RearFlow ab Werk typgenehmigt und kann inzwischen nach der EU-Verordnung (EU) 2019/1892 als selbstständige technische Einheit auch nachgerüstet werden“, erklärt Sieprath. Und – für den grenzüberschreitenden Fernverkehr wichtig – die Betriebserlaubnis in allen angrenzenden Ländern der EU ist ebenfalls geklärt, inklusive Schweiz und Großbritannien.

Um Treibstoffverbrauch und Emissionsausstoß seiner Züge zu reduzieren, setzt Vion auf einen Trailer der „EcoGeneration“ von Schmitz Cargobull. „Dieses Trailer-Konzept ist für sich schon ein Beitrag zu mehr Kraftstoffeinsparung und CO2-Reduktion im Straßengüterverkehr“, so Frank Reppenhagen, Vertriebsleiter Westeuropa Schmitz Cargobull.

Die MirrorCams des Actros von Daimler ersetzen die klassischen Rückspiegel. Sie tragen mit bis zu 1,5 Prozent zur gesamten Verbrauchsersparnis bei.
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Die MirrorCams des Actros von Daimler ersetzen die klassischen Rückspiegel. Sie tragen mit bis zu 1,5 Prozent zur gesamten Verbrauchsersparnis bei.
Für Thomas Schmitt, Key Account Manager bei Daimler für Mercedes-Benz Trucks, ist es daher „nur konsequent, dass auch die Zugmaschine, für die Vion sich entschieden hat – ein Mercedes-Benz Actros 1848 LS Fuel Champ – auf Effizienz getrimmt ist“. Das spiegeln unter anderem die windschlüpfrigen MirrorCams des Fahrzeugs wider. „Am Dachrahmen montiert ersetzen sie die klassischen Rückspiegel und tragen mit bis zu 1,5 Prozent zur gesamten Verbrauchsersparnis des Actros bei“, so Schmitt. Zusätzlich optimieren konkave Endkantenklappen am Fahrerhaus den cw-Wert und damit den Verbrauch des Zuges.

„Mit unserer Erstauslieferung werden wir nun Erfahrungen sammeln mit dem Ziel, nach und nach unsere komplette Flotte umzurüsten“, so Geschäftsführer Sven Janßen von der Vion Move GmbH. Bei einer jährlichen Durchschnittsleistung der etwa 300 Trailer von jeweils 100.000 Kilometer würde das Unternehmen in seiner Fleischlogistik in Deutschland und den angrenzenden Niederlanden mehr als eine halbe Million Liter Diesel weniger verbrauchen.

Zugleich erwartet der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA), dass ein Effizienzsprung von fünf bis 15 Prozent der Sattelzüge bei der anstehenden Novellierung der Euro-Vignetten-Verordnung mit einer um zwei Cent reduzierten Maut belohnt wird. Das ergäbe bei 100.000 mautpflichtigen Kilometer eine zusätzliche Ersparnis von 2.000 Euro pro Jahr.

Beteiligte Unternehmen

  • Betterflow GmbH Betterflow entwickelt, produziert und vertreibt Aerodynamik-Pakete für Auflieger.
  • Vion N.V. Die Vion Holding N.V. ist ein internationales Lebensmittelunternehmen mit Produktionsstandorten in den Niederlanden, in Belgien und in Deutschland sowie Vertriebsunterstützungsbüros in 13 Ländern weltweit.
  • Schmitz Cargobull AG Die Schmitz Cargobull AG ist Europas führender Hersteller von Sattelaufliegern, Trailern und Motorwagenaufbauten für temperierte Fracht, General Cargo sowie Schüttgüter.
  • Daimler Truck AG Der Nutzfahrzeug-Hersteller Daimler Trucks & Buses arbeitet daran, das emissionsfreie, das automatisierte und das vernetzte Fahren in Serie zu bringen.
Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 15/2021
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