Karriere im Fleischerhandwerk: Ein echter Fam...
Karriere im Fleischerhandwerk

Ein echter Familienmensch

Meyer
Schätzt die kreativen Herausforderungen, die ihr Beruf bietet: Lisa Meyer aus Völklingen kann sich gut vorstellen, den Familienbetrieb ihrer Eltern, Eric und Henni Hachenthal, in einiger Jahren weiterzuführen.
Schätzt die kreativen Herausforderungen, die ihr Beruf bietet: Lisa Meyer aus Völklingen kann sich gut vorstellen, den Familienbetrieb ihrer Eltern, Eric und Henni Hachenthal, in einiger Jahren weiterzuführen.

VÖLKLINGEN Ein Einser-Abi muss nicht zwangsläufig ins Medizinstudium führen. Lisa Meyer aus Völklingen ist das beste Beispiel dafür, dass ein mit Liebe und Leidenschaft ausgeübter Beruf mehr Erfüllung bringt als Geld.

In keinem Beruf der Welt schadet es, wenn man ein bisschen clever ist.“ Diese Auffassung vertritt Lisa Meyer. Dabei ist ihre eigene Cleverness deutlich größer als das angedeutete „bisschen“. Denn die 35-jährige, die in der 40.000 Einwohner zählenden saarländischen Mittelstadt Völklingen zu Hause ist, legte 2005 ihr Abitur mit einer glatten Eins ab. „Damit standen mir alle Türen offen“, kommentiert sie die Traumnote. Und darauf wies sie auch ihr Umfeld so vehement hin, dass Meyer zunächst nicht auf die eigentlich naheliegende Idee kam, in den fleischerhandwerklichen Betrieb ihrer Eltern Henni und Eric Hachenthal einzusteigen. Während der Schulzeit half sie – wenn Not am Mann war– zwar dann und wann in der Metzgerei aus und fand die Arbeit auch toll. Ihr Vater ermunterte sie sogar zur Mithilfe – „aber ohne jeglichen Hintergedanken“, stellt die Tochter klar.

Nach gutem Start ins Studium kam die Sinnkrise

Schließlich hörte Lisa Meyer bei ihrer Berufswahl auf diejenigen, die ihr Glauben machen wollten, dass man mit einem solch brillanten Abi-Zeugnis unbedingt studieren müsse. Dafür gab es aber einen Hinderungsgrund: „Ich konnte mir nicht vorstellen, fünf oder sechs Jahre lang von zu Hause wegzugehen.“ Das wäre beispielsweise bei Tiermedizin der Fall gewesen. Dieses Fach hätte ihr zwar gut gefallen, wird aber nur von weiter entfernten Unis angeboten. Deshalb entschied sie sich für Zahnmedizin, schrieb sich an der Universität des Saarlandes ein und pendelte mit dem Zug zum Campus Homburg. „Das hat wunderbar geklappt, und nach zwei Semestern machte ich mein Vorphysikum“, erinnert sich die junge Frau. Obwohl alles so prima lief und sie nie Bedenken hatte, den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen zu sein, geriet sie nach dieser ersten Prüfung in eine echte Sinnkrise.

Sie grübelte über die Frage nach, ob sie der angestrebte Beruf tatsächlich für den Rest ihres Lebens glücklich macht. „In mir reifte die Erkenntnis, dass ich froh wäre, zu Hause mit meinen Eltern arbeiten zu können“, lautete ihre Schlussfolgerung. Vater und Mutter waren von dem Entschluss erst gar nicht so begeistert. „Sie hatten mir immer zu einem Beruf geraten, in dem ich nicht so viel arbeiten muss wie sie selbst“, sagt Lisa Meyer. Die Hachenthals merkten rasch, wie gründlich ihre Tochter nachgedacht und wie ernst es ihr war. Und auch ihre engsten Freunde stärkten ihr den Rücken, rieten ihr dazu, dass zu machen, woran ihr Herz hängt. „Fremde Menschen fanden stattdessen, es sei ‚Perlen vor die Säue geworfen‘, wenn man so gut in der Schule ist und sich trotzdem in eine Fleischerei stellt“, bedauert die ehemalige Studentin.

Theoretischen Lernstoff selbstständig erarbeitet

2006 begann die damals 20-Jährige ihre Ausbildung zur Fachverkäuferin im Nahrungsmittelhandwerk, Fachrichtung Fleischerei, im 1919 gegründeten Betrieb ihrer Eltern. Der fachtheoretische Unterricht in der Berufsschule stellte für Lisa Meyer keine Hürde dar – sie einigte sich mit den Lehrern sogar darauf, sich den Stoff eigenständig zu Hause anzueignen, fühlte sich aber nie unterfordert. Eine Schulpflicht bestand für sie aufgrund ihres Alters ohnehin nicht.

Die gewonnene Zeit nutzte sie, um praktische Fähigkeiten zu trainieren und ihren Eltern im Betrieb zur Hand zu gehen. 2008 schloss die Völklingerin die Lehre als Landesbeste ab und löste damit ihr Ticket für die Teilnahme am Bundesleistungswettbewerb in Bremen. Mit viel Lampenfieber reiste sie in den Norden, schwärmt noch heute von den tollen Erfahrungen und dem Gemeinschaftserlebnis mit jungen Kolleginnen und Kollegen. Und die Resonanz im Saarland war riesig, als sie in Bremen den dritten Platz belegte.

Lisa Meyer: „Für unser Bundesland, das bei diesem Wettbewerb meist unter ‚ferner liefen‘ rangierte, war das ein toller Erfolg.“ Auch die Innung war aus dem Häuschen und engagierte das junge Nachwuchstalent sofort als Landeslehrlingswartin und Mitglied im Prüfungsausschuss für Fachverkäuferinnen. Dieses Ehrenamt übt Lisa Meyer noch heute mit großem Spaß aus, während sie ihr übriges, jahrelanges Engagement in der Innung nach der Geburt ihrer Tochter Sophia im Jahr 2017 weitestgehend eingeschränkt hat.

Nächster Karriereschritt: der Verkaufsleiterinnenkurs

Das seinerzeit gute Abschneiden im Bundesleistungswettbewerb ermöglichte es ihr, eine Begabtenförderung bei der Handwerkskammer zu beantragen. Mit dem Geld finanzierte sie ihren nächsten Karriereschritt mit: Sie schloss 2009 einen Lehrgang zur Verkaufsleiterin an der Frankfurter Fleischerschule Heyne an, und beendete ihn als eine von drei Besten. „Unter Umständen hätte ich noch den Betriebswirt des Handwerks machen können, habe aber dann irgendwie nicht mehr so recht die Kurve bekommen“, gibt Meyer zu und findet, dass sie bisher auch gut ohne zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen klargekommen ist.
„Wenn ich will, kann ich jeden Tag etwas Neues erfinden.“
Lisa Meyer

Kreativität contra bürokratischen Aufwand

Die 35-Jährige schätzt es sehr, dass sie in ihrem Beruf ihre Kreativität ausleben kann: „Wenn ich will, kann ich jeden Tag etwas Neues erfinden.“ Der Familienbetrieb ist prima durch die Krise gekommen, auch wenn der Partyservicebereich etwas eingebrochen ist. Stattdessen erzielen die Völklinger mit ihrem fahrbaren Mittagstisch eine höhere Resonanz. Ihr täglich angebotenes Mittagsmenü, das Henni Hachenthal und ihre Tochter gemeinsam zubereiten und portionieren, kann entweder im Laden abgeholt werden oder wird im Stadtgebiet an derzeit rund 40 Haushalte ausgeliefert. Ärgerlich und ermüdend findet Lisa Meyer den wachsenden bürokratischen Aufwand: „Man könnte es im Leben so leicht haben, wenn man nicht über alles und jeden eine Liste führen müsste.“

Für das Fleischerhandwerk wünscht sich Meyer ein besseres Image. Der saarländische Betrieb bildete zwar erst kürzlich zwei engagierte Verkäufer aus, Mangel an qualifizierten Azubis gebe es aber trotzdem. „Oft haben wir es mit Verzweiflungstätern zu tun, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen oder vom Arbeitsamt geschickt werden.“ Diese kärglichen Voraussetzungen genügten nicht für einen verantwortungsvollen Beruf, in dem es um Lebensmittel geht. Deshalb hält die Verkaufsleiterin die Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks für eine tolle Idee: „Wenn man diese engagierten Teammitglieder werbewirksam für unsere Sache einspannt, könnte das Interesse junger Leute geweckt werden.“

Lisa Meyer hat es nie bereut, das Studium an den Nagel gehängt zu haben. Sie genießt es täglich, mit ihrem Mann, der Lebensmittelingenieur ist, den Eltern und der Großmutter in einem klassischen Mehrgenerationenhaus zusammen zu sein und möglichst viel Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen. „Wir essen jeden Abend gemeinsam und sind alle sehr glücklich mit dieser Konstellation“, sagt sie. Ihr größtes Hobby ist ihre Familie. Und die bekommt im Mai „tierischen“ Zuwachs: Alle freuen sich bereits auf einen niedlichen Australian-Shepherd-Welpen.

Weblink. www.metzgerei-hachenthal.de
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Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 16/2021
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