Kommentar von
Steffen Bach

In-vitro-Fleisch Clean Meat darf man nicht ignorieren

Donnerstag, 14. Februar 2019
Durch Zellvermehrung produziertes Fleisch entfacht schon heute eine Debatte, obwohl noch nicht absehbar ist, ob oder wann die ersten Produkte auf den Markt kommen.

Befürworter sehen in der Technologie von Clean Meat die Chance, aus der heute praktizierten Schlachtung von Nutztieren komplett auszusteigen. Skeptiker glauben, dass die neuen Produkte – wenn überhaupt – nur eine weitere kleine Nische füllen werden. Welche Chancen und Risiken das In-vitro-Fleisch bietet, lässt sich bisher nicht seriös vorhersagen. Weltweit arbeiten zahlreiche Unternehmen daran, ein Verfahren zu entwickeln, um große Mengen zu einem vertretbaren Preis zu produzieren. Sollte dies gelingen, könnte es die Fleischwelt komplett umkrempeln. Manch einer meint, den Fleischproduzenten könnte es gehen wie den Herstellern von Kleinbildfilmen nach dem Durchbruch der digitalen Fotografie. Ob sich die Verbraucher für das künstlich erzeugte Fleisch ähnlich schnell begeistern lassen, hängt davon ab, wie es produziert wird. Aus verständlichen Gründen geben die Firmen dazu noch keine Details preis.

„Es gibt das Bedürfnis, sich nachhaltig mit gesundem Fleisch zu ernähren, ohne dass Tiere getötet werden. Auch Verarbeiter finden das interessant. “
Unklar ist deshalb, ob neben den zu vermehrenden Zellen andere tierische Rohstoffe benötigt werden. Auch über die Ausgangsstoffe der Nährmedien, den Einsatz von Antibiotika und gentechnischen Verfahren, den Energieverbrauch und Produktionsabfälle weiß man bisher kaum etwas. Zudem besteht die Furcht, dass wenige Unternehmen eine gewaltige Marktmacht erlangen. All diese Themen könnten die Kauflust der Konsumenten bremsen. Andererseits gibt es ein großes Bedürfnis, sich nachhaltig mit gesundem Fleisch zu ernähren, ohne dass Tiere getötet werden. Wenn das In-vitro-Fleisch diese Sehnsucht bedient und für breite Massen erschwinglich ist, könnte es zum Kassenschlager werden. Erstes Opfer könnte dabei die Biobranche werden, denn warum teures Ökofleisch kaufen, wenn man das Gewissen auch mit billigerem Laborfleisch beruhigen kann?
In-vitro-Fleisch - Fotolia
(Bild: tilialucida/Fotolia)

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Doch völlig stillstehen werden die Schlachtbänder auch in Zukunft nicht. Für Milch und Eier werden Tiere benötigt. Auch die Erhaltung der Graslandschaften ist ohne Rinder nicht möglich. Und Traditionalisten werden weiter ein echtes Stück Fleisch auf den Grill legen wollen.

Für manchen Fleischverarbeiter könnte das Laborfleisch jedoch eine verlockende Alternative sein. Einem Wiener Würstchen sieht man nicht an, ob das Fleisch am Knochen oder im Reaktor gewachsen ist. Warum soll man mit dem Schlachthof um den Preis feilschen, wenn man seine Rohstoffe selbst herstellen kann – in der Menge und Qualität, die benötigt wird? Auch die Tierhalter sollten sich auf die neue Lage einstellen. Das Argument, für die Ernährung von zehn Milliarden Menschen im Zweifel der Effizienz Vorrang vor dem Tierwohl zu geben, scheint wenig stichhaltig, wenn der Proteinbedarf auch auf andere Art gedeckt werden kann.

Wer zu den Gewinnern und Verlierern zählen wird, lässt sich heute nur erahnen. Man kann In-vitro-Fleisch als Chance oder Bedrohung sehen – ignorieren sollte man es nicht.
Aleph Farms - Clean Meat
(Bild: Aleph Farms)

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