Kommentar von
Birgit Winterhalder-Spee

Karriere im Fleischerhandwerk In der Berufsbildung bewegt sich was

Dienstag, 29. November 2016
Wenn der Bundesleistungswettbewerb der Fleischerjugend das noch immer in den meisten deutschen Köpfen bei 65 Jahren verankerte Rentenalter erreicht, soll er in den Ruhestand geschickt werden.

Bis dahin bleiben gerade mal knapp zwei Jahre Zeit, um einen geeigneten Nachfolger zu finden und zu installieren. Die gewünschten Eigenschaften für das Anforderungsprofil des Newcomers sorgten beim 2016-er Finale in Freiburg für reichlich Gesprächsstoff unter den Juroren. Diese sind als Landeslehrlingswarte nicht für das Betreuen der Teilnehmer und die Beurteilung von deren Wissen und handwerklichem Können zuständig, sondern im entsprechenden DFV-Gremium für die Berufsbildung insgesamt zuständig.

Und dieses Ressort steht seit Kurzem unter neuer, deutlich verjüngter Leitung. Vizepräsidentin Nora Seitz verfügt wie keiner ihrer Vorgänger über eine Menge von Merkmalen, mit denen sie punkten kann, wenn sie sie geschickt ausspielt: Sie hat schon genug Erfahrung, ist aber altersmäßig näher dran an der Klientel der Jugendlichen, die es für eine Ausbildung im Fleischerhandwerk zu begeistern gilt. Sie verkörpert das krasse Gegenteil des unsäglichen Fleischer-Klischees. Sie ist eine Frau, die sich in einer Männer-Domäne behauptet. Sie ist in ihrem neuen Ehrenamt hochmotiviert und weiß, dass die Rekrutierung von ausreichend Nachwuchskräften sowohl für ihre Branche als auch für sie persönlich eine zukunftsentscheidende Bedeutung hat, schließlich liegt noch ein langes Berufsleben vor ihr. Und schließlich ist ihr der Rückhalt der übrigen Verbandsfunktionäre gewiss.

Bundesleistungswettbewerb 2016 - Gruppenbild
(Bild: wi)

Mehr zum Thema

Bundesleistungswettbewerb 2016 Bayern und NRW stellen Spitzen-Duo

Ein Indiz für Letzteres offenbarte sich beim reibungslosen Ablauf des diesjährigen Bundesleistungswettbewerbs, den sie als größtes öffentliches Ereignis ihres Ressort erstmals verantwortete. Den Einstieg erleichterten ihr die Freiburger Berufsschule und das Backoffice des Verbands mit einer perfekten Organisation und, nicht zu vergessen, die tatkräftige Unterstützung durch den DFV-Ehrenpräsidenten Heinz-Werner Süss, der – wie seit vielen Jahren gewohnt – die Beschaffung eines Großteils des Materials übernommen hatte.

Und die mit dem neuen hessischen Landeslehrlingswart Stefan Stolle ebenfalls verjüngte Truppe der Juroren ließ sich vom Enthusiasmus der aus den eigenen Reihen stammenden Chefin anstecken. Jedenfalls wurde am Rande bei jeder Gelegenheit mit Leidenschaft und sichtlicher Vorfreude über das kommende Format nach einer grundlegenden Änderung des Bundesleistungswettbewerbs debattiert. Mal sehen, ob mit der beabsichtigten Reform der große Wurf gelingt.

Frischzellenkuren in der Finalrunde gab es im Lauf der mehr als 60-jährigen Historie bereits mehrmals. Die einschneidendste Modifizierung war die Streichung der bei jedem Praktiker ungeliebten schriftlichen Theorie. Die Abschaffung von Fachrechnen und Fachfragen brachte mehr Kapazität für praktische Arbeiten.

Aber auch bei denen erfolgten in unregelmäßigen Abständen zeitgemäße Anpassungen. Bei den Fachverkäuferinnen fielen beispielsweise die Sülzen weg, bei den Fleischern die Fleisch-Dekorplatte. Hinzu kamen nach und nach die Grillplatte bei den Gesellen und die Käseplatte in der Verkaufsgruppe sowie – als einzige für die Teilnehmer aus beiden Ausbildungsberufen identische Disziplin – das Hauptgericht mit Fleisch, bei dem jedes Jahr das vorgegebene Teilstück wechselt, um die enorme Bandbreite der Kreativleistungen besser darstellen zu können.

Dieses Ziel wurde in diesem Jahr mit dem Austausch der antiquierten Kanapees zugunsten von Fingerfood erreicht. Denn in der betrieblichen Praxis ist die Wandlung in der Häppchenkultur schon längst vollzogen. Und der Wettbewerb der jeweiligen Jahrgangselite orientiert sich an der Wirklichkeit, weshalb sich immer etwas bewegen muss – künftig wohl eine ganze Menge.

Das könnte Sie auch interessieren
stats