Kommentar von
Jörg Schiffeler

Produktsicherheit Kontrolle des eigenen Betriebs ist eine Lebensversicherung

Dienstag, 05. November 2019
Ein weiteres Mal wurden in der vergangenen Woche sowohl die Verbraucher als auch die Behörden durch Listerien-Funde aufgeschreckt.

Im aktuellen Fall brachten Eigenkontrollen des niedersächsischen Fleischwarenproduzenten Fleisch-Krone den Nachweis von Listeria monocytogenes ans Tageslicht. Dieses Beispiel zeigt, dass Warnungen und Produktrückrufe funktionieren – und das ist in den weitaus meisten Fällen die Normalsituation.

Welche Lehren sind aus dem Wilke-Skandal um keimbelastete Wurst zu ziehen? Während die Politik berät, welche Konsequenzen für die Lebensmittelüberwachung folgen müssen, kritisiert die Verbraucherorganisation Foodwatch die angekündigten Maßnahmen als unzureichend. Je tiefer man in die Komplexität der Kontrolle durch Veterinärbehörden eintaucht, desto deutlicher werden die Fehler im System der Lebensmittelsicherheit. Und dennoch sind Lebensmittel in Deutschland sicher.

Das in den vergangenen Wochen indirekt gescholtene Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) führt eine exakte Statistik über die Entwicklung der Probenkontrollen. Die Zahlen der untersuchten Proben, der festgestellten Verstöße sowie die Beanstandungsquoten blieben in den letzten fünf Jahren in ihrer Dimension nahezu konstant. Der aus Teilen von Verbraucherschützern, Wirtschaftsvertretern und Politikern erfolgte Ruf nach einer Bundesbehörde ist obsolet, da diese mit dem BVL seit 2002 aktiv ist. Die Vernetzung von Informationen in einem föderalen Staatssystem ist dagegen zweifelsohne eine gewaltige Herausforderung.

Im Kern wünscht sich eine Gruppe von Lobbyisten, Mandatsträgern und Verbandsvertretern mehr Personal, um die Kontrollhäufigkeit in lebensmittelverarbeitenden Betrieben zu erhöhen. Andere dagegen beklagen die Abhängigkeit der handelnden Personen vor Ort. Amtsveterinäre und Lebensmittelkontrolleure sind nicht wirklich frei von Einflüssen, wie sich auch im nordhessischen Twistetal zeigte. Unternehmen sind sowohl Arbeitgeber als auch Steuerzahler und damit wertvoll für Bürgermeister, Landräte und Finanzämter. Hier kommt es zwangsläufig zu Interessenkonflikten, die schnell gelöst werden müssen. Nur dann werden die Behörden ihre Aufgaben im Sinne des Verbraucherschutzes bewältigen können. Andernfalls verlieren die Bürger ihr Vertrauen in den Staat.

„Eigenkontrollen sind eine clevere Einrichtung, denn die Schwachpunkte muss der Unternehmer selbst aufdecken und nicht der Lebensmittelkontrolleur. “
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Was aber sagt eigentlich die Branche selbst zum Listerien-Problem? In der aktuellen Debatte hält sie sich zurück. Dazu muss man daran erinnern, dass die pathogenen Mikroorganismen ubiquitär vorkommen und nichts ungewöhnliches sind. Erst recht nicht bei der Verarbeitung von Lebensmitteln. Die Pleite des oberbayerischen Fleischverarbeiters Sieber in Folge von Listeriennachweisen im Jahr 2016 alarmierte seinerzeit den Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF) wie auch den Deutschen Fleischer-Verband (DFV). Beide sorgten für mehr Aufklärung und Fachinformation unter den Mitgliedern. Schließlich werden die Bakterien über das Fleisch in die Unternehmen eingetragen. Deshalb muss jeder Verantwortliche genau Bescheid wissen, wo die Listerien sind.

Experten betonen immer wieder – wie zu Beginn dieser Woche bei der LAFF-Tagung in Lemgo – wie wichtig ein Monitoring ist. Verordnungen sowie Leitfäden – beispielsweise vom Prüfsystem Qualität und Sicherheit (QS) – sind vorhanden. Jedes fleischverarbeitende Unternehmen und jeder Handwerksbetrieb sollte dringend seine Eigenkontrollsysteme einem sorgfältigen Check unterziehen. Wer Maßnahmen ergriffen hat, sollte ihre Wirksamkeit überprüfen. Das scheint mit größter Dringlichkeit geboten, denn in einigen Bundesländern werden die verantwortlichen Landesminister bereits aktiv. Dabei stehen die betrieblichen Eigenkontrollen im Fokus der zu erwartenden Regulierungen. Gut gewappnet sind alle, die ihre Betriebshygiene im Griff haben – auch in Ecken abseits der Produktion.

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