Kommentar von
Jörg Schiffeler

Reizthema Verpackung Mehr Mut und weniger Symbolpolitik

Dienstag, 10. September 2019
Die Bilder von Müllteppichen in den Weltmeeren und die Reaktionen darauf werden uns nicht mehr loslassen. Die Bewegung „Fridays-for-Future“ hat es geschafft, den Umweltschutz zurück in das Bewusstsein der Menschen zu holen. Vor allem wird es kein „Weiter so“ geben. Die breite Öffentlichkeit duldet weder Phrasen noch Symbolpolitik. Das „Handelsblatt“ glaubt, die „Wirtschaft ist bereit für Klimaschutz“. Das wäre gut.

Allerdings gehört die Debatte um Umweltbilanzen, Fußabdrücke und Treibhausgase versachlicht. Damit ist keinesfalls gemeint, die Hände in den Schoß zu legen oder auf andere Wirtschaftszweige und Staaten zu verweisen. Auch wenn die Bundesrepublik am globalen CO2-Ausstoß nur einen winzigen Anteil trägt, muss unsere Gesellschaft einen messbaren Beitrag zur Verbesserung leisten. Daher widmete sich unser „Forum der Fleischwirtschaft“ dem Reizthema Verpackung: Produktschutz oder Plastikflut?

Thomas Reiner von Berndt + Partner appellierte in Quakenbrück an die Verantwortung der Lebensmittelhersteller, wenn sie Produkte ans andere Ende der Erde liefern. Für den Consultant ist es zwingend erforderlich, Lösungen für eine umweltgerechte Entsorgung und Recyclingfähigkeit der Verpackungen in petto zu haben. Das sei ein Muss, um dem Hass auf Plastik zu begegnen. Ich bin sicher: Wer das verstanden hat, wird auch künftig gut im Geschäft bleiben. Wer den Kampf gegen die Vermüllung aufnimmt, wird wirtschaftlich davon profitieren. Ein ähnliches Beispiel macht in diesen Tagen Schule: Die Textilwirtschaft bekennt sich mit dem „Grünen Knopf“ zu sozial- und umweltverträglich produzierter Kleidung. Bei aller Kritik ist das immerhin ein Anfang.

Forum der Fleischwirtschaft 2019 - Ausstellung
(Bild: Hermann Pentermann)

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Im Ernährungssektor ist die Lage anders. Hier ist allen Experten klar: ohne schutzgebende Hüllen und Folien gibt es keine sicheren Lebensmittel. Was wiegt schwerer? Der Gesundheitsaspekt oder der Umweltschutz? Bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen. In unserer globalisierten Welt ist der freie Warenverkehr eine Selbstverständlichkeit. Und wer weder im Fachgeschäft noch im Supermarkt das gewünschte Produkt findet, greift durchaus im Web zu – und das immer öfter. Bereits jede Suchanfrage bei Google & Co. verursacht einen CO2-Fußabdruck.

Was aber ist zu tun, wenn mit Blick auf den Ausstoß von Treibhausgasen die Verpackung das geringste Problem ist? Wir benötigen mehr Investitionen und Forschungsmittel, um beispielsweise Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Hierbei können neuartige Systeme helfen. Damit weniger Produkte verschwendet werden, muss auch die Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums überdacht werden. Außerdem sollten Packungseinheiten und -größen geprüft werden. Ebenso können die Folienstärke reduziert und die Anzahl der verwendeten Materialien beschränkt werden, damit die Recyclingfähigkeit weiter optimiert wird. Das ist notwendig, weil bereits Lebensmittelhändler Druck auf die Fleischverarbeiter ausüben und der Gesetzgeber in Kürze deutlich höhere Wiederverwertungsquoten vorschreibt.
„Die Debatte um Umweltbilanzen, Fußabdrücke und Treibhausgase muss versachlicht werden. Und jeder einzelne muss sich besinnen und seine Einkaufsgewohnheiten und Konsummuster überdenken.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Wir sollten mehr Mut entwickeln und die Vielfalt der Natur nutzen: Beispielsweise Algen, Bagasse, Bambus, Hanf, Naturdarm, Pilze und Zuckerrohr für die Verpackung der Zukunft verwenden, die vielleicht sogar essbar ist und zum Genuss wird.

Doch zuvor kann sich jeder besinnen und seine Einkaufs- und Konsumgewohnheiten überdenken. Was löse ich mit einer Onlinebestellung im Internet aus – wohlwissend, dass die Umverpackung viel Luft umhüllt und die Bewältigung der letzten Meile zusätzlichen Zustellverkehr bedeutet. Kaufe ich das, was ich auch verzehren werde oder füttere ich die Mülltonne? Präferiere ich die regionale Wertschöpfungskette und stille meinen Bedarf ortsnah beim Metzger meines Vertrauens? All das fließt mit in den gesamten Fußabdruck ein. Den kann jeder Einzelne für sich steuern.

Impressionen vom „Forum der Fleischwirtschaft“ finden Sie hier.

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