Currywurst Kult-Bräter vom Imbiss

Freitag, 16. März 2018
Schon Herbert Grönemeyer machte ihr eine Liebeserklärung: „Gehste inne Stadt, wat macht dich da satt, ‘ne Currywurst.“
Foto: Mischau
Schon Herbert Grönemeyer machte ihr eine Liebeserklärung: „Gehste inne Stadt, wat macht dich da satt, ‘ne Currywurst.“

Die Currywurst soll noch in diesem Jahr als Berliner Original europaweit geschützt werden.

von Torsten Holler

Mit dem Markenrecht dürfte der bekennende Bochumer Herbert Grönemeyer wohl keine Probleme bekommen. Denn wohlweislich widmete er vor rund drei Jahrzehnten seine Liebeserklärung einer Currywurst: „Gehste inne Stadt, wat macht dich da satt, ‘ne Currywurst. Kommste ‚vonne‘ Schicht wat schönret gibt et nich als wie Currywurst“ reimte der Barde ganz neutral ohne Bezug auf eine Region.

Ihm war schon damals klar: das Recht auf die Bratwurst mit Curry und einen Curry-Ketchup reklamierten die Berliner für sich, egal ob im ummauerten Westberlin oder in Ostberlin. Letztere hatten da schon ihren Kult-Bräter ausgemacht: die Firma Konnopke unter den gigantischen U-Bahnbögen im Szenebezirk Prenzlauer Berg, die auch in der wiedervereinigten Bundeshauptstadt nahtlos zu einem Touristenmagnet wurde. Im Westteil der Stadt sind es heute der Kurfürstendamm 195 in Charlottenburg und „Curry36“ auf dem Mehringdamm in Kreuzberg, die es zur überregionalen Bekanntheit geschafft haben. Seit Jahren gibt es in der deutschen Hauptstadt auch das „Deutsche Currywurst Museum“. 

Seit 1962 ist die Rezeptur ebenso unverändert wie ihre Popularität: mehr als 800 Mio. Currywürste pro Jahr werden deutschlandweit gegessen, allein in Berlin werden rund 200 Tonnen jährlich hergestellt.
Foto: Mischau
Seit 1962 ist die Rezeptur ebenso unverändert wie ihre Popularität: mehr als 800 Mio. Currywürste pro Jahr werden deutschlandweit gegessen, allein in Berlin werden rund 200 Tonnen jährlich hergestellt.
In diesem Jahr soll es soweit sein: ein EU-weiter Schutz für die Bezeichnung „Berliner Currywurst“. Seit mehreren Jahren bemüht sich die Interessengemeinschaft Berliner Traditionswurstwaren e.V. in ehrenamtlicher Tätigkeit um den Schutz der Marke mit allen bürokratischen Formalien, die dazugehören.

Angeführt wird die Interessengemeinschaft von Richard Mischau, dessen Traditionsbetrieb mittlerweile zur Nummer zwei in der Region aufgestiegen ist und den er gemeinsam mit seiner Schwester Britta Mischau in der dritten Generation führt. Rund zwölf bis 15 Tonnen Fleischwaren werden täglich in dem Werk im Berliner Bezirk Spandau verarbeitet, wo sich das 7.700 Quadratmeter große Firmengelände befindet. Im Jahr 2000 hatten die beiden Geschwister den elterlichen Betrieb übernommen.

Typisches Schnellgericht der Nachkriegszeit

Das Fleischer-Fachgeschäft Mischau wurde 1933 in Breslau gegründet, nach dem Krieg flüchtete der Großvater aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin, wo er 1955 sein erstes Fachgeschäft eröffnete. 1962 wurde dann die Produktionsstätte in Spandau eröffnet. Immer im Angebot: die Currywurst, deren Rezept bis heute im Tresor der Familie lagert.

Die dazu gehörige Sauce erfand die Berlinerin Herta Heuwer im Jahr 1949. Sie rührte seinerzeit in einer Berliner Imbissbude geschnittene Paprika, Paprikapulver, Tomatenmark und Gewürze zusammen und goss das Ganze über die Brühwurst. Das Gemisch meldete sie umgehend beim Münchner Patentamt an und schuf so die Grundlage, dass die Currywurst heute als Berliner Original gilt.

Ein solcher Nachweis fehlt den Hamburgern oder den Ruhrpottlern, die ebenfalls kurz nach dem Krieg eine ähnliche Sauce entwickelten. „Die Currywurst war ein typisches preisgünstiges Schnellgericht der Nachkriegszeit. Die Idee der Wurstproduzenten war, das Brät direkt mit den Gewürzen und Curry im Kessel zur verarbeiten, ohne Därme zu verwenden“, weiß Richard Mischau.
Die Idee der Wurstproduzenten war, das Brät direkt mit den Gewürzen und Curry im Kessel zur verarbeiten, ohne Därme zu verwenden, weiß Richard Mischau.
Foto: Mischau
Die Idee der Wurstproduzenten war, das Brät direkt mit den Gewürzen und Curry im Kessel zur verarbeiten, ohne Därme zu verwenden, weiß Richard Mischau.
„Ein weiteres Merkmal ist, dass die Currywurst nicht rund ist wie andere Bratwürste, sondern walzenförmig. Produziert wird sie ausschließlich aus Schweinefleisch. Seit 1962 ist die Rezeptur ebenso unverändert wie ihre Popularität: mehr als 800 Mio. Currywürste pro Jahr werden deutschlandweit gegessen, allein in Berlin werden rund 200 Tonnen jährlich hergestellt.

Mischau erfand den „Zillebraten“ und die „Hauptstadtsalami“

Doch nur mit Currywurst ist Mischau nicht zum zweitgrößten Wurstproduzenten der Hauptstadtregion avanciert. Das Spandauer Unternehmen mit 80 Mitarbeitern beliefert große Handelsketten wie Edeka, Kaufland oder Penny, ist aber auch in allen Hauptstadtkantinen – sei es bei Siemens oder der Stadtreinigung – präsent.

Darüber hinaus beliefert Mischau Caterer wie Dussmann oder Sodexo. „Mit der Gemeinschaftsverpflegung lasten wir unsere Kapazitäten zu 50 Prozent aus, 25 bis 30 Prozent liefern wir an den LEH“, erklärt der Chef. Außer einem Werksverkauf unterhält er zwei Filialen.

Kreativ bleibt man bei der Entwicklung von Fleischwaren, die einen Bezug zur Hauptstadt haben. Neben der „Berliner Schinkenknacker“ gibt es den „Zillebraten“, einen ofengebackenen Schweinebraten. Zuletzt entwickelte Mischau die „Hauptstadtsalami“. Diesen Namen hat er sich auf jeden Fall schützen lassen, damit es nicht so lange wie bei der Currywurst dauert, bis sie zum Berliner Original wird.

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