Rohstoffsicherung Glückliche Schweine aus Hessen

Freitag, 22. November 2019
Start-up Rhein-Main Schwein: Gründer Christopher George (links) und Thomas Flechel kredenzen Kräuter der „Grie Soß“.
Foto: Daniel Esswein
Start-up Rhein-Main Schwein: Gründer Christopher George (links) und Thomas Flechel kredenzen Kräuter der „Grie Soß“.

Die Borstenviecher von Christopher George und Thomas Flechel haben „Schwein gehabt“. Die Unternehmer setzen auf biologische Produktion und verfüttern Kräuter.

von Andrea Möller

Grüne Soße schmeckt nicht nur Menschen, sondern auch Schweinen. Der beste Beweis dafür sind die Borstentiere von Christopher George und Thomas Flechel. Die Inhaber des 2017 gegründeten Unternehmens „Rhein-Main Schwein“ verfüttern die hessische Spezialität regelmäßig vier Wochen vor der Schlachtung. „Unsere Tiere sind total verrückt danach“, beobachtet George. Ihr Fleisch vermarkten die Kompagnons mit Firmensitz in Neu-Isenburg als „Kräuterschwein aus Hessen“.

Den Anfang machte Bärbel

Den Anstoß dazu gab Bärbel aus Bentheim. Das Ferkel lebte auf dem Bio-Hof von Bauer Etzel in Wehrheim (Hochtaunuskreis). Außerdem hatte es einen Paten – namens Thomas Flechel. „Ich verdiene meine Brötchen als selbstständiger Mediengestalter, produziere Image-, Industrie-, Messefilme“, berichtet dieser. „Einmal jährlich schicke ich meinen Kunden ein cooles Dankeschön.“ 2015 wollte er mit dem Geschenk verdeutlichen, welche Wertschöpfung in seiner Arbeit steckt. Gleichzeitig wollte er veranschaulichen, dass Film nicht gleich Film ist. Es braucht einen guten Kameramann, Tontechniker und Cutter. Deren Leistung erfordert eine angemessene Bezahlung. In diesem Zusammenhang fiel Flechel die Fleischwirtschaft ein.

Immerhin wird dort ein ähnlich großer Aufwand betrieben. Zumindest von Bauern, die nicht auf intensive Haltungsformen setzen. Also wandte sich Flechel kurzerhand an Werner Etzel, übernahm die Patenschaft für ein Ferkel und taufte es auf den Namen Bärbel. „Danach informierte ich meine Auftraggeber per Newsletter, warum ich das Tier gekauft habe. Zudem erklärte ich ihnen, wie Bio-Schweine leben und was sie fressen“, so der Mediengestalter. Als das Tier eines Tages „from Nose-to-tail“ zerlegt wurde, waren alle Kunden dabei, halfen mit und stellten gemeinsam frisches Hackfleisch und andere Leckereien her. Aus der Aktion entstand zwei Jahre später die Idee, die ökologisch hergestellten Produkte weiteren Städtern zugänglich zu machen. Doch zuvor wollten Flechel und sein Partner George ihre Wertschöpfung um einen besonderen Aspekt ergänzen – und zwar mit den sieben Kräutern der Frankfurter Spezialität „Grüne Soße“. 
„Wir wussten nicht, wie die Schweine auf Pimpinelle & Co. reagieren.“
„Weil wir nicht wussten, wie die Schweine reagieren, wenn Borretsch, Pimpinelle, Petersilie, Sauerampfer, Kresse, Kerbel und Schnittlauch auf ihrem Speiseplan stehen, haben wir Prof. Dr. Josef Kamphues vom Institut für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) kontaktiert“, berichtet George. Der Experte für die alternative Ernährung von Mastschweinen erklärte den beiden, dass sie den Tieren nicht mit homöopathischen Dosen kommen dürften. Außerdem empfahl er, die Kräuter erst dann zuzufüttern, wenn sich intramuskuläres Fett bildet, das für den Geschmack eine wichtige Rolle spielt. 
Die sieben Kräuter der Grünen Soße: Borretsch, Pimpinelle, Petersilie, Sauerampfer, Kresse, Kerbel und Schnittlauch
Foto: Daniel Esswein
Die sieben Kräuter der Grünen Soße: Borretsch, Pimpinelle, Petersilie, Sauerampfer, Kresse, Kerbel und Schnittlauch
Borretsch, Pimpinelle und Co. beziehen die beiden Gründer von Mulke Topfkräuter in Wiesbaden. Der Gartenbaubetrieb mit Bio-Zertifikat hat sich als einziger in Hessen auf ökologisch erzeugte Grüne Soße-Kräuter spezialisiert. „Unsere Schweine sollen den Frankfurtern natürlich nicht ihre geliebte ‚Grie Soß‘ wegfuttern“, bekräftigt George. „Deshalb verfüttern wir nur die Kräuter, die sich ohnehin nicht verkaufen lassen, weil zum Beispiel der Borretsch schon Blüten getrieben hat.“ Dank dieser Win-Win-Situation landen die Kräuter nicht im Abfall, und die Jungunternehmer profitieren von einem ordentlichen Preisnachlass. In der Regel verteilen sie zehn Kilo an die Schweine, bevor diese zur Schlachtung kommen.

Deutlicher Qualitätsunterschied

Sven Elzenheimer, Inhaber der gleichnamigen Metzgerei in Frankfurt-Unterliederbach, schlachtet aktuell zwei bis drei dieser Kräuterschweine pro Woche. Und deren Fleisch unterscheidet sich deutlich von dem konventionell gemästeter Tiere. Das bewies ein Schweinerücken, den die Geschäftspartner nach Hannover geschickt haben, um ihn dort auf Tropfsaftverlust und andere Faktoren testen zu lassen. „Aber letzten Endes ist das Fleisch weder grün noch schmeckt es nach Grüner Soße“, merkt Flechel augenzwinkernd an. „Vielmehr zeichnet sich durch eine tolle Qualität aus, die wir auf die Haltung und Fütterung zurückführen.“ 
Ein Kotelett vom Rhein-Main-Schwein.
Foto: Daniel Esswein
Ein Kotelett vom Rhein-Main-Schwein.
Das vom Start-up angebotene Sortiment umfasst Haxen, Krustenbraten, Pulled Pork und eine Bratwurstvariante. An den weniger gefragten Teilstücken meldeten schon japanische Köche ihr Interesse an. „Einer von ihnen erkundigte sich nach Schweinehirn, das sehr frisch sein und aufwändig verpackt werden muss“, erzählt George. „From Nose-to-tail ist uns zwar sehr wichtig. Wir achten aber darauf, nicht so kleinschrittig zu werden, dass wir mehr Versandmaterial verwenden, als es für das Produkt angemessen ist.“

Webshop wieder dicht gemacht

Weil sie zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit beitragen wollen, machten die Beiden ihren Webshop wieder dicht – obwohl er sehr gut lief. Der Startschuss für den Internethandel fiel im April 2018. Seinerzeit berichtete der Hessische Rundfunk (hr) über das Kräuterschwein. Dem sechsminütigen Beitrag folgten rund 800 Anfragen. Am Ende des Tages war das Fleisch aller Kräuterschweine verkauft.

Um trotz des großen Erfolgs Verlusten vorzubeugen, erhielten die Schweine nur noch auf Vorbestellung eine Kräuterration. „Die vierwöchige Wartezeit hat viele Kunden gestört“, sagt Flechel. „Zudem erhielten wir Bestellungen aus ganz Deutschland. Wir hatten also zwar streng regionale Produkte kreiert, verschickten sie aber per UPS-Boten durch die halbe Republik.“ Das fanden die Gründer weder umweltfreundlich noch wirtschaftlich. Denn wenn nur ein einziges Paket zu spät ausgeliefert wird, ist das Fleisch „reif für die Tonne“.

An die Stelle des Onlineshops trat ein Gastro-Betrieb: Bei „Frau Rauscher in Frankfurt-Sachsenhausen steht das Kräuterschwein jetzt exklusiv auf der Karte. Überdies planen die Kompagnons, ihre Produkte an lokalen Frischetheken anzubieten. George: „Wir sind mit Anna Satvary von der Metzgerei Else Kalbskopp in der Frankfurter Kleinmarkthalle im Gespräch. Sie will unser Fleisch vielleicht als saisonale Spezialität anbieten.“ Ein Gewinn wären die hessischen Bio-Schweine, die mit hessischen Bio-Kräutern gefüttert werden, auf jeden Fall. Denn regionaler geht’s einfach nicht.

Das Rhein-Main-Schwein

Mediengestalter Thomas Flechel tat sich 2017 mit Eventmanager Christopher George zusammen, um „Rhein-Main Schwein“ zu gründen.

Das regionale Kräuterschwein mit Bio-Zertifizierung wird zum Mastende mit den Kräutern der Frankfurter Grünen Soße (Borretsch, Pimpinelle, Petersilie, Sauerampfer, Kresse, Kerbel und Schnittlauch) gefüttert.

Die Tiere leben auf einem Bio-Hof im Taunus in geräumigen Ställen, die neuen Aspekten einer artgerechter Tierhaltung entsprechen.

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