Kommentar von
Sybille Roemer

Contra Mehrwert durch Unterlassung

Mittwoch, 10. Juni 2020
Zur allgemeinen Belebung der Wirtschaft senkt die Bundesregierung den Mehrwertsteuersatz befristet für ein halbes Jahr. Das soll den Konsum anregen. Für die Betriebe des Fleischerhandwerks stellt sich nun die Frage: Den steuerlichen Vorteil weitergeben oder nicht? Keinesfalls, findet afz-Redakteurin Sybille Roemer.

Durch die Mehrwertsteuersenkung will die Bundesregierung einen Nachfrageimpuls setzen. Deshalb erwarten die Politiker, dass die Unternehmen die Einsparung an die Konsumenten weitergeben – auch wenn man den Aufwand, der mit der zweimaligen Umstellung der Kassen und der Buchhaltung verbunden ist, noch gar nicht abschätzen kann. Dank des großen Medienechos dürften allerdings auch die Kunden eine gewisse Erwartungshaltung haben, dass der Metzger die Preise senkt.

Eine Verpflichtung dazu gibt es selbstverständlich nicht, jeder Unternehmer darf jederzeit selbst über die (Brutto-)Verkaufspreise seiner Waren bestimmen. Und das ist gut so, denn es gibt gewichtige Gründe, warum man die Mehrwertsteuersenkung nicht weitergeben sollte.

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Qualitätsfleisch gibt es nicht zum Dumpingtarif. Unter dem Motto „Wir halten die Preise stabil“ sollte man offen kommunizieren, dass man im Fleischerhandwerk eben nicht wie ein Discounter an der Cent-Schraube dreht und stattdessen dem Kunden lieber besondere Angebote unterbreitet. Denn so kann ein Metzger gekonnt seine Expertise unter Beweis stellen, die ihn vom Wettbewerb unterscheidet.

Denn wenn die Mehrwertsteuersenkung wieder zurückgenommen wird und der Metzger seine Preise dann wieder nach oben korrigieren müsste, wird zum einen die Konkurrenz dies zu verhindern wissen, indem sie eben Preisstabilität als Testimonial benutzt.
„Im Fleischerhandwerk dreht man eben nicht wie ein Discounter an der Cent-Schraube. “
Sybille Roemer
Zum anderen nimmt der Kunde, aus welchem Grund auch immer, Preiserhöhungen stets als etwas Negatives wahr. Der Metzger gerät so ohne Not in ein schlechtes Licht. Und der erprobte Verschwörungstheoretiker wird sowieso behaupten, dass der Preis vor der Mehrwertsteuersenkung viel niedriger war als nach der Anpassung an die dann gefühlte Erhöhung.

Als Metzger kann man nur verlieren, und dem gilt es gegenüber dem Kunden offen zu begegnen. Dies schafft Vertrauen und als Unternehmer bekommt man zudem über die gesamte Laufzeit der Mehrwertsteuersenkung ein Werbemittel der Art „Wir halten, was wir versprochen haben“ an die Hand, wo die besprochenen Sonderaktionen den Kunden angeboten werden können.

So wird aus der nicht weitergegebenen Mehrwertsteuersenkung ein Gewinn für den Kunden und für den Metzger.
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