Kommentar von
Jörg Schiffeler

Digitalisierung Metzgereien müssen sich von Öffnungszeiten befreien

Mittwoch, 01. November 2017
Diese Woche hat uns der Staat einen zusätzlichen Feiertag spendiert. Einige von Ihnen werden aber nicht nur am Dienstag zum Reformationstag, sondern auch an Allerheiligen den Laden geschlossen haben. Sicherlich zum Leidwesen einiger Kunden, die sich gern noch mit Frischem für Küche und Keller eingedeckt hätten.

Die Öffnungszeiten, insbesondere an Sonn- und Feiertagen, sind stets Gegenstand hitziger Debatten. In Hessen entbrannte unlängst ein Streit um Sonntagsöffnungen. Einzelhandel, Kirchen und Gewerkschaften brachten ihre Interessen nicht mehr unter einen Hut, so dass am Ende ein Gericht entscheiden musste.

Die frisch ins Amt gewählte Regierung in Nordrhein-Westfalen will hingegen weniger restriktiv sein und zusätzliche Verkaufstage ermöglichen. In Bayern wiederum hängen Öffnungsklauseln für Handel und Gewerbe am Umstand der Touristenversorgung. Wie bei vielen Themen kennt unser Land kaum einheitliche Regeln, weil die Staatsform föderal geprägt ist.

Ebenso wie über Ladenöffnungszeiten leidenschaftlich diskutiert wird, bieten die Begriffe „Digitalisierung“ und „Arbeitswelt 4.0“ reizvolle Angriffspunkte. Wie lässt sich aber beides miteinander sinnvoll verknüpfen? Wie können Unternehmer, Beschäftigte und Kunden profitieren? Wie lassen sich Ängste abbauen?

Click & Collect
(Bild: si)

Mehr zum Thema

Handel Edeka stellt Abholboxen bei Audi auf

In den großen Städten und Metropolregionen des Landes verändern sich die Öffnungszeiten. In Frankfurt am Main etwa lässt sich vor Arbeitsantritt kaum etwas in der City erledigen. Die meisten Fachgeschäfte, Warenhäuser und Dienstleister sperren die Türen erst um 9:30 Uhr auf. Verriegelt wird dann etliche Stunden später ganz unterschiedlich.

In den Stadtteilen sind die Gepflogenheiten ähnlich. Hier beobachten die Händler und Meisterbetriebe noch genauer, wann die Bewohner von der Arbeit nach Hause zurückkehren und bieten ihr Sortiment feil. Selbst Fleischereien haben dann am Sonnabend bis 16:00 Uhr geöffnet, weil der Wettbewerber auf dem Markt ebenso lange seinen Stand offen hält.

Die Situation ist im angrenzenden Taunus, Spessart und Odenwald eine ganz andere. Hier muss sich das Fachgeschäft genau überlegen, in welchen Zeiten die Kunden erreicht werden. Hier hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert, weil beispielsweise viel mehr Menschen zu ihrem Arbeitsplatz pendeln. Umgekehrt verbleiben viel weniger potenzielle Kunden an Vormittagen und Nachmittagen am Wohnort. Mancherorts lässt sich das durch Pendler- und Handwerkerverkehr ausgleichen, wenn das eigene Geschäft verkehrsgünstig gelegen ist. Auch hier machen die Planer den Handwerksbetrieben wie dem Handel einen Strich durch die Rechnung, wenn Umgehungsstraßen gebaut werden.
„Das Internet kennt keine Öffnungszeiten. Das können auch Metzgereibetriebe nutzen und zum Beispiel mittels Abholboxen beim Service punkten. Und das rund um die Uhr. “
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Der Fachkräftemangel und der gleichzeitige Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschweren es zusätzlich, die richtigen Zeitfenster für die Beratung und Bedienung von Kunden zu finden. Das Internet kennt keine Uhrzeiten, hat gewissermaßen immer geöffnet. In Folge dessen wächst der Onlinehandel rasant. Amazon & Co. bauen ihre Frischesortimente aus, wollen sogar Abholstationen einrichten. Vorbild sind die DHL-Packstationen.
Egeler - Abholbox
(Bild: mm)

Mehr zum Thema

Digitalisierung Fast wie ein Adventskalender

Findige Metzger haben diese Gefahr für das eigene Geschäft und das darin schlummernde Potenzial längst erkannt: Die Familien Klassen (Temmels) und Egeler (Ammerbuch) richteten Abholboxen mit gekühlten Fächern ein. Entweder bestellen die Kunden über den firmeneigenen Onlineshop, per Telefon oder per E-Mail. Die Kunden können die Ware abholen, wann sie wollen. Es gibt weitere Beispiele wie „myRollbraten.de“. Hier bestellt der Kunde im Netz, holt die Ware jedoch im Laden ab. Das ermöglicht den Betrieben die Warendisposition zu verbessern. 

Wer die Digitalisierung mit dem eigenen Angebot synchronisiert, kann beim Service punkten – und das nahezu unabhängig von Öffnungszeiten.

Das könnte Sie auch interessieren
stats