Kommentar von
Jörg Schiffeler

Konsumverhalten Die Lust auf Genuss bleibt jederzeit

Dienstag, 25. April 2017
Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen! Den Deutschen schmeckt es nach wie vor, und auf die Teller kommen Fleisch und Wurst – fast wie eh und je. Die Portionen werden allerdings kleiner. Sie sind jedoch gar nicht so viel kleiner als noch vor zwanzig Jahren.
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Konsumverhalten


Die afz berichtete vergangene Woche über die Entwicklung des Pro-Kopf-Verzehrs in Deutschland. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft (BLE) hatte verlauten lassen, dass jeder Bundesbürger im letzten Jahr acht Kilogramm weniger Fleisch verzehrte als noch 1996. Dem ist nicht so. Die korrigierten Zahlen finden Sie auf Seite 20. Die Information der BLE fand in Windeseile eine große Verbreitung über die Nachrichtenagenturen im Land, und die Meldung kam wie gerufen zum Tag der Erde am vergangenen Wochenende: ein Aktionstag, der dem Fleischkonsum kritisch gegenübersteht und politisch vermeintlich gut in die Zeit passt.

Das Statistische Jahrbuch des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft weist für das Jahr 1996 ganz andere Zahlen aus: Danach sank der Fleischverzehr nicht dramatisch, sondern allemal leicht um 1,3 Kilogramm pro Bundesbürger. Viele von Ihnen werden jetzt überrascht und wohl auch erleichtert reagieren. Die Diskussionen um die richtige Dosis Fleischeslust und Alternativen dazu verschwinden nicht.

Rumpsteak
(Bild: jus)

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Konsumverhalten Die Lust auf Fleisch lässt nach

Die Kundengruppe mit einem steigenden Interesse an ausgesuchten und höchsten Fleischqualitäten wird größer. Das Bewusstsein für das Besondere nimmt zu. Neben edlen Cuts von Rind und Schwein rücken nach und nach auch weniger bekannte Teilstücke in den Fokus, die den Metzger in die Lage versetzen, das ganze Tier zu verwerten. So wie es früher einmal war. Das ist nachhaltig, und wir schulden es dem Tier, weil es für uns sein Leben ließ. Diese Entwicklung muss das Fleischerhandwerk weiter befeuern. Die Meister sowie gut geschulte Verkaufskräfte können bei der Beratung die Kunden neugierig machen, bis ihnen das Wasser im Mund zusammenläuft.

Nicht nur die Liebe der Deutschen zum Grillen eröffnet der Branche viele Möglichkeiten. Brisket, Burger, Flanksteak, Nierenzapfen, Striploin und natürlich Würstchen können Geschichten erzählen. Dafür rüsten sich immer mehr Fachkräfte, indem sie sich zum Sommelier fortbilden und damit die Meisterqualifikation ergänzen. Alle Anstrengungen für eine noch höhere Fleischqualität werden sich lohnen. Experten sehen viel Potenzial im Ausbau der Sortimente. Das können beispielsweise (gereifte) Steaks verschiedener Herkünfte – also aus der Heimat, einer bestimmten Rasse oder aus anderen Ländern – sein. Das gilt ebenso für verarbeitete Produkte wie Schinken. Wenn das Geschmackserlebnis steigt, sinkt die Preissensibilität. Eine höhere Wertschöpfung kann dann auch sinkende Einkaufsmengen kompensieren.
„Die Konsumgewohnheiten zwischen Gesundheitswahn und Genussverführung einerseits sowie Tierwohl und Umweltbelastung andererseits bleiben ein Spielball im gesellschaftspolitischen Alltag, dem sich die Branche stärker stellen muss. “
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Die Konsumgewohnheiten zwischen Gesundheitswahn und Genussverführung einerseits sowie Tierwohl und Umweltbelastung andererseits bleiben ein Spielball im gesellschaftspolitischen Alltag, dem sich die Branche selbstbewusster stellen muss. Deshalb sollten sich alle, die Rohstoffe zu Lebensmitteln verarbeiten, in die Vorstufe der Erzeugung einbringen. Die Gesellschaft verlangt nach mehr Platz im Stall für Geflügel, Schweine und Rinder. Tierschützer und Politiker fordern darüber hinaus noch viel mehr. Die Erfüllung dieser Wünsche verursacht Kosten, die die Erzeuger selten weiterreichen können.

So passt es beispielsweise nicht in die Gegenwart, Rinderhack kiloweise für drei Euro zu verramschen und sich gleichzeitig bei der Initiative Tierwohl zu engagieren. Ein nachhaltiges Engagement sieht anders aus. Das Signal an die Verbraucher ist verheerend. Warum sollen Kunden teuer zugreifen, wenn der Discount ganz andere Möglichkeiten für den kleinen Geldbeutel bietet? Gleichwohl brauchen wir Angebote für Mitbürger mit geringsten Einkommen. Die Formel „lieber weniger, aber dafür besser“ greift hier kaum.

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