Ladenbau Aus Dornröschenschlaf geweckt

Mittwoch, 31. Juli 2019
Vom einstigen Lager zum Schmuckstück: Thomas Büchner weckte den historischen Ladenraum mit viel Liebe und Engagement aus seinem Dornröschenschlaf.
Foto: fl
Vom einstigen Lager zum Schmuckstück: Thomas Büchner weckte den historischen Ladenraum mit viel Liebe und Engagement aus seinem Dornröschenschlaf.

Das historische Flair der Fleischerei Büchner in Görlitz schickt Kunden auf eine Zeitreise ins letzte und vorletzte Jahrhundert.

Wer die Fleischerei Büchner im sächsischen Görlitz besucht, begibt sich auf eine Reise in eine vergangene Epoche. Mit dem Betreten der Türschwelle startet der Zeitsprung zurück ins ausgehende 19. beziehungsweise junge 20. Jahrhundert.

Beginnend beim Fußboden ist der Verkaufsraum bis unter die mehr als vier Meter hohe Raumdecke komplett mit handbemalten Fliesen bedeckt. Die Motive darauf zeigen sämtliche Facetten des Fleischerhandwerks: Tiere, Landwirte, Produktionsschritte und vieles mehr. Entworfen wurden sie von der Firma Villeroy & Boch, aus deren Dresdner Steingutfabrik die Fliesen ursprünglich stammten. Wer erstmals diesen Raum erblickt, staunt unweigerlich. Der Betrachter befindet sich regelrecht in einem Gesamtkunstwerk. Eigentümer dieses Prachtraums sowie des dazugehörigen Betriebs ist Thomas Büchner. 1992 übernahm der gebürtige Görlitzer die seinerzeit leer stehenden Räumlichkeiten, um sich darin selbstständig zu machen.

Wenig übrig vom frühen Glanz

1990 erwarb er in Frankfurt am Main seinen Meistertitel. Büchner war einer der drei ersten ostdeutschen Fleischer, die kurz nach der Wiedervereinigung an der Fleischerschule J. A. Heyne ihre Ausbildung begannen. Zurück in seiner Heimatstadt, fehlte Büchner zu seinem beruflichen Glück nur noch der passende Betrieb. „Alfred Schlausch, mein Großvater mütterlicherseits, führte eine Fleischerei. Leider beendete er seine Selbstständigkeit während meiner Schulzeit, was das Ende des Fachgeschäfts bedeutete“, berichtet der 50-Jährige.

Weil ein Teil der Familie weiter im Fleischerhandwerk aktiv war, verfügte sie über viel Wissen über die lokale Branche. So erfuhr er von dem im Dornröschenschlaf befindlichen Schmuckstück. „Vom ursprünglichen Glanz war damals nichts übrig“, erinnert er sich. In den letzten Jahren der DDR-Zeit dienten die Räume schlichtweg als Lager für das nicht minder prachtvolle Görlitzer Warenhaus.
„Baulich lässt sich an der Ladenform nichts ändern. Deshalb gibt es bei uns keine Zusatzangebote wie etwa Imbiss.“
Thomas Büchner
Das Gebäude in der zentrumsnahen Bismarckstraße 3 entstand 1876. Zwei Jahre später ließ Fleischer Bruno Brendel im Hinterhaus für seinen frisch gegründeten Betrieb eine Wurstküche einbauen. 1911 veranlasste er den weiteren Ausbau des Hauses, wobei höchstwahrscheinlich auch die kostbaren Fliesen angebracht wurden. Nahezu ein ganzes Jahrhundert lang hielt die Fleischerfamilie dem Standort die Treue, bis er aufgrund eines fehlenden Nachfolgers in den 1970er-Jahren geschlossen wurde.

Vorübergehend nutzten der Görlitzer Schlachthof sowie das staatliche Einzelhandelsunternehmen HO die Räume zu Ausbildungszwecken. „Dass die Fliesen trotz des langen Leerstands und der späteren Umnutzung an Ort und Stelle verblieben sind, war außergewöhnlich für die damalige Zeit“, erklärt Büchner. Dennoch stand er mit der Übernahme vor einem Mammutprojekt. Untersuchungen ergaben, dass die Fliesen durch die Einwirkung von Salpetersalzen bis zu einer Höhe von 1,40 Meter geschädigt waren. Zudem wiesen etwa 85 Prozent in den Sockelbereichen Risse oder Abplatzungen der Glasur auf. Ferner musste der keramische Fliesenboden grunderneuert werden.

Restaurierung in sechs Monaten

Nachdem Villeroy & Boch als Fabrikant der Wand- und Bodenverkleidung zweifelsfrei fest stand, wandte sich Büchner im Zuge der Restaurierungsarbeiten direkt an den renommierten Keramikwarenhersteller. „Bedauerlicherweise erhielt ich trotz mehrfacher Anfragen keine Rückmeldung“, berichtet der Schlesier. Stattdessen stellten die Meißenkeramik GmbH die Wandfliesen sowie die Londoner Firma Johnson & Johnson den Fußboden nach Originalvorlagen wieder her. Sechs Monate Arbeitszeit sowie 250.000 DM verschlangen die Restaurierungsarbeiten, die der damals frisch gebackene Jungunternehmer mithilfe von Krediten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) stemmte.
Die Investitionen konzentrierten sich zunächst auf den Verkaufsraum. Für den Aufbau von Produktionsräumen fehlte neben Geld vor allem genügend Platz. Bis zur Jahrtausendwende betrieb Büchner daher einen reinen Wurst- und Fleischwarenhandel. Seine Produkte bezog er von regionalen Anbietern. „Das Geschäft wurde von den Görlitzern sofort gut angenommen. Das ermöglichte schrittweise Investitionen, bis die Produktion schließlich komplett ausgestattet war.“

Heute zählt die Fleischerei zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der geteilten Grenzstadt. Stadtführer integrieren sie fest in ihre Touren, sodass regelmäßig Touristengruppen einen Fotostopp einlegen. Auch Reiseführer in buchform heben das gründerzeitliche Geschäft explizit hervor. Kein Wunder, dass der Meister schon TV-Teams und andere Medienvertreter begrüßt hat. Die Arbeit in einem solch außergewöhnlichen Ambiente hat allerdings nicht nur Vorteile. Verglichen mit anderen Fleischer-Fachgeschäften ist das Platzangebot überschaubar. „Baulich lässt sich an der Ladenform nichts ändern. Deshalb gibt es bei uns keine Zusatzangebote wie etwa Imbiss“, räumt der Inhaber ein. Filialisieren will er derzeit nicht, pflegt lieber die Nähe zu seiner Stammkundschaft. Vier Verkäuferinnen stehen im Laden, der Chef kümmert sich mit einem langjährigen Gesellen um die Produktion.

Empfindliche Keramikfliesen

So schön der Laden aussieht, so aufwendig ist sein Erhalt. 2017 fand die letzte grundlegende Rekonstruktion bei laufendem Betrieb statt. Während die blau-weiße Wandverkleidung fast nur noch aus Nachbildungen besteht, sind 95 Prozent der kunstvollen Malereien Originale, jedoch zerspringen auch diese Keramikkacheln mit der Zeit. „Die Fliesen werden nach dem historischen Vorbild fugenlos verlegt, wodurch sie deutlich anfälliger für Erschütterungen und Vibrationen sind“, weiß Büchner. Während der jüngsten Arbeiten wurde auch die Raumdecke wieder authentisch nachgebildet.

Der Stuck wirkte bisher zu farbenfroh. Als hilfreich erwies sich die großzügig bemessene Raumhöhe, durch die eine Art Zwischendecke für die Handwerker eingezogen werden konnte. Auf ein Detail ist der Görlitz seither besonders stolz – vor allem, weil es meist keinem auffällt: „Den Kronleuchter und die Wandstrahler habe ich nach eigenen Entwürfen anfertigen lassen. Büchner empfindet die Nichtbeachtung der imposanten Lampen als Kompliment, denn sie macht deutlich, wie perfekt sie sich ins Gesamtbild einfügen.

Das könnte Sie auch interessieren
stats