Trends Zu schade für die Tonne

Montag, 23. Dezember 2019
Essen retten, Geld sparen und nebenbei die Welt verbessern: Die App „Too Good To Go“ hat hehre Ziele.
Foto: TGTG
Essen retten, Geld sparen und nebenbei die Welt verbessern: Die App „Too Good To Go“ hat hehre Ziele.

Die App „Too Good To Go“ will die Verschwendung von Lebensmitteln bekämpfen. Auch in Deutschland nehmen bereits 30 Metzger teil.

Rund ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen. Grund genug für Stian M. H. Olesen, Thomas Bjørn Momsen und Klaus B. Pedersen, Restaurant-Reste und andere Lebensmittel von Metzgern, Bäckern und Händlern zu retten. Und so kamen die Dänen Ende 2015 auf die Idee, die Internetplattform „Too Good To Go“ (TGTG) zu gründen. 

„Wir werden jeden Tag mit all den Problemen der Welt konfrontiert, und manche lassen sich dabei leichter ignorieren als andere. Zwar findet es niemand schön zu sehen, welche Mengen an Essen verschwendet werden. Aber die Wahrheit ist, dass es in fast jedem gastronomischen Betrieb und Haushalt üblich ist – und zwar täglich“, erläutert der „motivierte Haufen Lebensmittelretter“ auf seiner Homepage. „Uns war klar, dass etwas getan werden muss, als wir beobachtet haben, wie völlig einwandfreies Essen nach einem Büfett weggeworfen wurde. Essen, das ‚too good to go‘ war.“

So fanden sich verschiedene europäische Mitstreiter für die Entwicklung einer (kostenlosen) App gegen Lebensmittelverschwendung für die Betriebssysteme iOS von Apple und Android von Google. Nutzer können schauen, ob in ihrer Umgebung Restaurants, Metzger oder Supermärkte sogenannte Wundertüten anbieten. Das kann überschüssiges Essen vom Frühstücksbüfett in einem Hotel sein, Reste des Mittagstischs bei einem Metzger oder zu viel produzierte Brötchen beim Bäcker.

2017 begeisterte die Idee, die mit dem diesjährigen „Innovationspreis des Handels“ vom Handelsverband Deutschland (HDE) ausgezeichnet wurde, alle fünf Investoren der Show „Die Höhle der Löwen“. Mit dem Millionen-Deal wollte das Start-up die Deutschland-Expansion vorantreiben. Nach einer Risikoprüfung („Due-Diligence“) entschieden sich die Gründer jedoch, das Finanzierungsangebot der Löwen nicht anzunehmen.

Publikumswirksam im TV

Zumindest war die Lebensmittel-Rettungs-Idee nach dem TV-Auftritt auch einem Millionenpublikum bekannt. Inzwischen ist die Plattform in 13 europäischen Ländern aktiv. In Deutschland hat die Plattform 4.000 Partnerläden – davon 30 Metzger – in 910 Städten, in Europa sind es rund 36.500 Läden. In Deutschland wurden laut TGTG seit dem Start der App fast drei Millionen Mahlzeiten gerettet, in Europa waren es 27,1 Millionen.

Der teilnehmende Unternehmer stellt über Desktop, Tablet oder Smartphone die Portionen der überzähligen Lebensmittel zu einem reduzierten Preis, oft zwischen drei und sechs Euro, auf die Plattform ein. Zudem gibt er dort an, wann und in welchem Zeitraum das Essen abgeholt werden kann, beispielsweise bis 30 Minuten vor Ladenschluss.

Zahlung vorab online

Der App-Nutzer zahlt online und zeigt den Kaufbeleg anschließend im Laden oder Restaurant vor. Ein Euro des Kaufpreises geht an TGTG, den Rest erhält der Unternehmer. Wie groß eine Portion zubereiteten Essens ist, hat der Plattformanbieter festgelegt und stellt dazu den Anbietern eigene To-Go-Boxen bereit, die umweltfreundlich aus Zuckerrohr oder Biokunststoff bestehen. Mal werden die Behälter von den jeweiligen Mitarbeitern befüllt, mal darf der Kunde sich selbst am Büfett bedienen. Der Plattformanbieter wirbt damit, dass Unternehmen zusätzliche Einnahmen generieren können, ihre Ware vor der Verschwendung retten und zu einem grüneren Planeten beitragen. Da der Anbieter auch stets den Überblick über die Zahlen habe, könne er beispielsweise auch damit werben, wie viel Essen er bereits gerettet habe.

Riedinger-Balzer sehr zufrieden

Jacqueline Balzer von der Elsässer Feinkost-Metzgerei Riedinger-Balzer verkauft über die App im Schnitt jeden Tag in allen drei Filialen jeweils zwei Tüten mit unterschiedlichem Inhalt für vier Euro. „Ich dachte, dass vor allem junge Leute kommen, die nicht viel Geld haben“, sagt die designierte Präsidentin des Internationalen Metzgermeister-Verbands (IMV). „Aber diese Erwartung ist genau so wenig eingetroffen wie die, dass wir durch die App-Angebote viel neue Kundschaft bekommen oder noch Zusatzverkäufe generieren. Die meisten Kunden kommen rein, nehmen die Tüte und gehen wieder.“ 

Gleichwohl ist die Metzgermeisterin mit der App sehr zufrieden. „Die Konsumgewohnheiten ändern sich, die junge Generation legt Wert auf Themen wie Lebensmittelverschwendung und Umweltschutz. Da ist Too Good To Go eine gute Möglichkeit zu zeigen, dass wir uns auch in diesen Bereichen engagieren“, sagt Balzer.

Sie rät anderen Metzgern dazu, sich mit der App zu beschäftigen – und die Mitarbeiter entsprechend zu schulen: „Man muss dem ein oder anderen Verkäufer klar machen, dass tatsächlich nur Produkte in die Tüte kommen, die man am anderen Tag nicht mehr verkaufen kann. Denn es geht ja darum, nichts mehr wegzuwerfen und nicht darum, Lebensmittel zu rabattieren.“
Die App ist einfach per Smartphone zu bedienen.
Foto: TGTG
Die App ist einfach per Smartphone zu bedienen.

Junge Kunden bei Freyberger

Fleischermeister und Fleisch-Sommelier Dirk Freyberger nutzt die TGTG-App ebenfalls in seiner Nürnberger Metzgerei. Die jeweiligen „Wundertüten“ bestückt er überwiegend mit Essen aus der Heißtheke, wenn etwas von den Mittagsmenüs übrig bleibt, hin und wieder aber auch mit Produkten aus der Kühltheke. „Allerdings keine Standardware, sondern wenn ich beispielsweise mal ein abgetrocknetes Steak oder so in der Theke habe, friere ich es nicht ein und warte, bis ich es verarbeiten kann, sondern verkaufe es dann lieber gleich über Too Good To Go.“ 

Die Resonanz sei „bombastisch“, wie er es ausdrückt: „Ich bekomme auf diese Weise viele junge Kunden in den Laden rein. Und teilweise kaufen die Kunden sogar extra noch etwas zu ihrem Einkauf ein, den sie abholen“, so Freyberger.

Neben der Frequenz, die er über die App in den Laden bekomme, ist seiner Beobachtung nach auch die Resonanz gut: „Wir bekommen viel positives Feedback wie ‚das ist total super‘ und ‚geil, dass Ihr da mitmacht‘. Auch vom Image her ist die App also toll“, berichtet der Metzger. „Und das ist ja nur das, was ich mitbekomme. Das andere ist das, was die Nutzer untereinander erzählen. Da macht das Thema Lebensmittelrettung auch schnell die Runde.“ Dem Metzger komme nur Top-Qualität in die Tüten, keine unansehnlichen Reste. „Die Produkte haben vielleicht Schönheitsmängel, aber die Ware ist noch einwandfrei.“

Freybergers Pakete kosten den Kunden zwischen vier und fünf Euro. „Wir haben eine Deckungs-Beitrags-Rechnung. Normalerweise produzieren wir für die Heißtheke jeden Tag zwischen 25 und 50 Essen. 2,5 Portionen davon verkaufen wir statistisch gesehen über die App. Und da ich die ja sonst übrig hätte, läppern sich diese paar Euro, die ich täglich mitnehme, am Ende des Monats. Da kommt dann schon etwas zusammen.“

Vor allem sei alles besser, als wenn er das Essen wegwerfen oder irgendwie anders verarbeiten müsse. „Das ist immer anstrengend. Da ist Too Good To Go einfach besser“, sagt Freyberger.

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