Angriffe gegen Fleischer: Toleranz statt Mili...
Angriffe gegen Fleischer

Toleranz statt Militanz

FRANKFURT Bewusst höhnisch formuliert ist die Botschaft auf dem Plakat, das ein Fleischermeister aus einer kleinen Gemeinde zwischen Göppingen und Heidenheim morgens an seiner Ladentür fand: „Noch Pommes dazu?“ wird da zu einem in einer Blutlache abgebildeten toten Ferkel gefragt. Und die für den Plakatkleber logische Schlussfolgerung dazu lautet: „Fleisch ist Mord! Go vegan“.

Wer sich die Webseite oder den Facebook-Auftritt der angegriffenen Metzgerei betrachtet, wird zustimmen: Dieser sympathische Meister übt sein Metier – genauso wie unzählige seiner übrigen Berufskollegen – mit Leidenschaft, Kreativität und Sorgfalt aus. Mit Sorgfalt ist gemeint: Er lässt größtmögliche Gewissenhaftigkeit bei der Verarbeitung eines wertvollen Lebensmittels und der daraus hergestellten Produkte walten.


Fleisch ist und bleibt ein Lebensmittel, auch wenn die Urheber der Kampagne – radikale Veganer – das vehement verneinen. Für den gebrandmarkten Geschäftsinhaber ließen sie noch nicht einmal den Umstand gelten, dass er seit mehreren Jahren gar nicht mehr selbst schlachtet. Vermutlich war es ihnen nicht bekannt und ohnehin auch egal. Möglicherweise war der so genannte „Internationale Tag zur Abschaffung des Fleischkonsums“ der Anlass für die Plakatkleberei. Dabei setzt sich „eine kleine unabhängige Gruppe freiwilliger Aktivisten“ dafür ein, allen anderen die Herstellung und den Konsum von Fleisch zu verbieten.

Die veganen Fundamentalisten nehmen jeden in Sippenhaft, der von ihrer totalitären Gesinnung abweicht. Pelzhändler, Zoos, Mastbetriebe und Metzgereien in Berlin, Leipzig und weiteren Städten attackierten sie bereits. Selbst die afz-Redaktion blieb in der Vergangenheit nicht von per E-Mail verschickten Morddrohungen verschont.

Der anders denkende Mensch stellt sich dabei die Frage, warum derartige Aggressionen und Angriffe das Mittel zum Zweck sind, um eine persönliche Lebenseinstellung durchzupeitschen. Wer hat es nötig, die eigene Position mit blutigen und schockierenden Bildern zu untermauern? Und wer unterstützt Extremansichten, mit denen sogar schon Kindern und Jugendlichen ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird? „Tiere sind deine Freunde und seine Freunde isst man nicht“ warnt die entsprechende Aufschrift auf im Peta-Shop erhältlichen Postkarten und Aufklebern, kombiniert mit Bildern von possierlichen Zwergkaninchen.

Der aktuell betroffene Fleischermeister fühlt sich zwar zu Unrecht denunziert und reagiert irritiert. Er lässt aber im Gegensatz zu seinen Widersachern andere Meinungen und Lebensentwürfe zu und stört sich nicht daran. Er geht davon aus, ein Zufallsopfer zu sein, verzichtet sogar auf rechtliche Schritte. Dieses Verhaltensmuster nennt man Toleranz.

Von Freunden und Stammkunden, die er via Facebook über den Vorfall informierte, erhielt er Rückhalt und ermutigenden Zuspruch. Gleichzeitig verknüpfte er seinen Vorstoß mit einem Hinweis an die Konsumenten seiner Produkte: Heute muss sich derjenige erklären, der Fleisch isst und nicht derjenige, der darauf verzichtet. Und: Das Fleischerhandwerk wird derzeit nicht nur mit gesetzlichen Auflagen, Personal- und Azubimangel konfrontiert, sondern sogar mit radikalen Ansichten und – im Extremfall – tätlichen Übergriffen.

Auch wenn die militanten Hardliner ohnehin nicht zu überzeugen sind und im Zuge des gegenseitigen Respekts auch nicht missioniert werden sollen: Alle anderen Verbraucher müssen durch Verbände, Innungen und Fachgeschäfte mit größtmöglicher Transparenz informiert werden. Die schlachtenden Betriebe töten zwar Tiere, tun aber alles dafür, um ihnen unnötiges Leid zu ersparen.

Quelle: afz 5/2016
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