Deutsche Wurstvielfalt: Sicherer Anker in stü...
Sandra Sieler
Deutsche Wurstvielfalt

Sicherer Anker in stürmischer See

Dienstag, 03. November 2015

FRANKFURT Gefährliches Steak. Krebs durch Wurst. So krank macht Fleisch. Manche Schlagzeilen waren wirklich hart, nachdem die WHO letzte Woche verkündet hatte, dass sie einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Fleisch und Wurst und dem Risiko von Krebs sieht.

Das Thema hielt die Zeitungen und das Netz tagelang in Atem. Doch die richtige Skandalwelle, die über alle Anbieter von Fleisch und Wurst hätte hereinbrechen können, die blieb zum Glück aus. Aber warum?


„Mir doch wurscht!“, so reagierten wohl die meisten Kunden und erledigten ihren Wochenend-Einkauf wie gewohnt im Fachgeschäft. Sie blieben gelassen, auch schon bevor die WHO sich genötigt sah, ihre Aussagen zu relativieren. Drei Tage nach der Veröffentlichung ihrer Studienergebnisse versuchte die Genfer Behörde händeringend klarzustellen, dass man Wurst jetzt keinesfalls verteufeln und gänzlich vom Speiseplan streichen solle. Die Öffentlichkeit hatte aber ohnehin nicht glauben wollen, dass Bratwurst nun die Zigarette von heute ist und dass künftig dicke Warnhinweise auf Wursttheken und -Packungen prangen.

Die Netzgemeinde machte sich via Twitter sogar lustig über die Warnung der Weltgesundheitsbehörde. Unter dem #Wurstgate nahm sie die Meldung mit allerlei Sprüchen und Comics so richtig auf die Schippe.

Bei seiner Liebe zur Wurst ist der Deutsche eben eigen. Der aufbrandenden Veggie-Welle und allen Gesundheitswarnungen zum Trotz liebt er sein Salamibrot, den saftigen Schinken und die herzhafte Bratwurst. Da lässt er sich nicht reinreden. Das haben die Grünen schon mit ihrem Veggieday deutlich zu spüren bekommen.

Die Wurstvielfalt der Republik ist einzigartig und bietet eine Vielzahl an regionalen Spezialitäten. Die Weißwurst in Bayern, die Bratwurst in Thüringen, der Lyoner im Saarland – jedes einzelne Produkt stiftet Identität für seine Landsleute und bedeutet nicht selten auch ein Stück Heimat. Diese Wurzel lässt sich nicht so einfach kappen, schon gar nicht auf Basis von Vermutungen. Denn auch die WHO spricht bislang nur von Hinweisen auf einen Zusammenhang mit Krebs, nicht von Beweisen.

Essen ist Vertrauen. Gerade deshalb überschreiben die Medien schon die kleinsten Skandale gern mit großen Schlagzeilen. Angesichts der tatsächlichen Probleme in der Welt sind es die Menschen aber vielleicht inzwischen satt, dass Medienvertreter und selbst ernannte Verbraucherschützer alles laut dramatisieren und immer gleich den nächsten Skandal heraufbeschwören.

Essen ist Vertrauen, und damit ein fester Anker, an dem man sich gerade in stürmischen Zeiten umso beharrlicher festhält. Die dramatischen Bilder der Flüchtlinge, die Kämpfe in Syrien, die EU in der Krise – die Nachrichten liefern verlässlich Tag für Tag genügend neue beunruhigende Neuigkeiten. Die dürfen nicht noch vordringen bis zum eigenen Teller.

Dass selbst vom Besten zu viel irgendwann ins Gegenteil umschlägt, dieses Gefühl schwingt beim Genießen heute ohnehin immer mit: beim gemütlichen Glas Rotwein ebenso wie bei der verdienten Zigarette, der zart schmelzenden Schokolade oder eben dem saftigen Sonntagsbraten.

Zur Verteidigung des Letzteren und des ebenso heiß geliebten Wurstbrots ließen am Ende viele Zeitungen die örtlichen Metzger- und Obermeister als kompetenten Fachmann in Sachen Fleisch und Genuss zu Wort kommen – eine bessere Werbung pro Fleisch gibt es wohl nicht.

Quelle: afz 45/2015
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