Eberfleisch: Ebermast – Sackgasse oder Weg in...
Elisabeth Kilian
Eberfleisch

Ebermast – Sackgasse oder Weg in die Zukunft?

Dienstag, 16. Juni 2015

FRANKFURT Das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration in Deutschland im Jahr 2019 wirft seine Schatten voraus. Noch immer wird in der Branche fieberhaft nach einer Lösung gesucht, wie nach dem Stichtag weiter vorgegangen werden soll.

Der Königsweg scheint noch lange nicht gefunden. Ein möglicher Ansatz wäre, Ferkel einfach nicht mehr zu kastrieren und auf Eberfleisch zu setzen. Nur: Was tun gegen „Stinkefleisch“? Geruchsempfindlichen Konsumenten, die ein „stinkendes“ Steak erwischen, kann ganz schnell der Genuss auf Schweinefleisch verhagelt sein. Deswegen muss auf jeden Fall schon am Schlachtband verhindert werden, dass geruchsbelastete Eber in den Handel gelangen. Zur Geruchserkennung gibt es verschiedene Ansätze – von der elektronischen bis zur menschlichen Nase.


Die Entscheidung, ob Schweine kastriert werden sollen, liegt allerdings beim Schlachthof und an möglichen Vermarktungswegen. Mit gutem Beispiel voran geht Aldi Süd mit der Ankündigung, ab 2017 nur noch Fleisch von unkastrierten Ebern anzubieten. Auch Tönnies, Vion und Westfleisch können sich vorstellen, Eberfleisch abzunehmen. Noch gehen allerdings viele mittelständische Abnehmer in Europa auf Nummer sicher und weigern sich, den Landwirten Eberfleisch abzukaufen. Eine Installation von Linien für geruchsbelastete Eber können sich viele von ihnen einfach nicht leisten. Deswegen plädieren ISN, ZDS und DBV auch für die Schmerzausschaltung als Alternative zur betäubungslosen Kastration. Außerdem hoffen die Verbände darauf, dass die Wissenschaft in diesem Bereich weiterkommt und praxistaugliche Verfahren findet.

Sollten sich Landwirte und deren Abnehmer in Deutschland für die Ebermast entscheiden, wäre es lohnenswert, sich aus Ländern, die mit dieser Aufzuchtform mehr Erfahrung haben, Tricks zur Haltung und Verarbeitung abzuschauen.

Doch auf lange Sicht wird dies nicht ausreichen. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, geruchsbelastete Eber schon am Schlachtband auszusortieren. Es gilt herauszufinden, inwieweit Ebergeruch durch Züchtung, über ein anderes Futtermanagement oder auch eine Verkürzung der Mastzeit ausgeschaltet oder zumindest verringert werden kann. Sollte Ebermast das Mittel der Wahl in Deutschland sein, gilt es auch die Konsumenten mit ins Boot zu holen – vielleicht die härteste aller Aufgaben.

Trotz der Herausforderungen kann ein Umschwenken zur Ebermast auch Chancen bieten: Landwirte sparen sich die ungeliebte Kastrationsarbeit. So bleiben die Tiere vollkommen unversehrt, ein Mehr an Tierwohl ist also definitiv gewährleistet. Durch eine bessere Futterverwertung können Kosten eingespart werden. Der wertvolle Magerfleischanteil bei Ebern ist höher als bei Kastraten. Alles in allem lohnt es sich auf jeden Fall, die Ebermast als zukunftsfähiges Modell zu erwägen.

Quelle: FleischWirtschaft 6/2015
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