Ernährungswirtschaft: Aufschwung ist, wenn‘s ...
Jörg Schiffeler
Ernährungswirtschaft

Aufschwung ist, wenn‘s unten ankommt

Dienstag, 29. Mai 2018

FRANKFURT Wie viel Wachstum ist drin? Unsere Wirtschaftsordnung ist programmiert auf ein ständiges „Mehr“ gegenüber einem Vergleichszeitraum.

Gesteigerte Erlöse lassen allerdings nicht immer gleich auf vollere Kassen in den Unternehmen schließen. Gerade in der Ernährungswirtschaft schwanken die Preise für die Rohstoffe heftig. Das spüren auch die Metzger – nicht nur bei der Notierung für Schweine beispielsweise. Hinzu kommt die Inflation, die – je nach Rate – Preisanpassungen unter dem Strich zunichte macht. Was also tun?


Im vergangenen Jahr reduzierte sich der Pro-Kopf-Konsum von Fleisch um 800 Gramm auf insgesamt 59,7 Kilo. Das Minus ist maßgeblich auf den Verzicht von Schweinefleisch zurückzuführen, denn der Verzehr von Rind legte um 200 Gramm zu. Die Verbraucher hierzulande werden künftig immer bewusster auf den Fleischverbrauch schauen und wenn es gut läuft auf Qualität achten. Über unsere Grenzen hinweg und insbesondere im Fernen Osten wird die Nachfrage nach Fleisch mit steigendem Wohlstand noch steigen.

Offen bleibt, wer den Zuschlag für globale Warenströme von Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch erhält. Zurzeit lässt die weltpolitische Lage fast alle denkbaren Konstellationen zu. Qualität aus Europa bleibt gefragt, doch Populismus und Zankereien um Handelsdefizite werden nicht ohne Folgen bleiben. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) sowie die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) betonten deshalb an diesem Montag auch die hohe Bedeutung des Sektors für unser Land: 119,3 Mrd. Euro erlösten die Lebensmittelhersteller im Inland, 60,1 Mrd. Euro im Ausland. Dabei gestalteten sich die Exportgeschäfte dynamischer als die Binnennachfrage.
Die fast vollständig von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägte Lebensmittelwirtschaft ist fest in den bundesdeutschen Regionen verankert und auf Wachstum hierzulande angewiesen – ebenso wie die Betriebe des Fleischerhandwerks. Auch die Metzger halten ihre Umsätze kumuliert stabil: Weniger Unternehmen erwirtschaften mehr Umsatz. Im Jahr 2017 stiegen die Erlöse auf etwa 17 Mrd. Euro. Die Fleischer stehen im direkten Wettbewerb mit dem Lebensmittelhandel. Supermärkte und Discounter werden dabei oft als Übermacht betrachtet. Beide Vertriebsschienen zeigen sich expansiv, sowohl bei der Erschließung neuer Standorte, als auch bei der Auffrischung von Bestandsflächen.

Diese Finanzkraft haben die Meisterbetriebe in aller Regel nicht. Hinzu kommt, dass die traditionelle Verbindung zwischen Produktion, Laden und Wohnhaus oft nur schwer aufzulösen ist. Was die Fleischer bis heute auszeichnet, ist der Ideenreichtum und die direkte Macht der Entscheidung – und die gilt es zu nutzen, wirtschaftlichen Profit daraus zu schlagen. Starre Führungsebenen und schwerfällige Instanzen, wie sie Konzernen oft nachgesagt werden, gibt es nicht. Allerdings können die Fleischermeister mutiger werden. Beispielsweise können die Fachgeschäfte austesten, wie edle Cuts von Rind, Schwein und Co. ankommen. Die einzelne Metzgerei muss auch nicht gleich Konzepte für ein riesiges Filialnetz ausarbeiten.

Es wird in Zukunft viel mehr darauf ankommen, seinen Kunden maßgeschneiderte, von den Augen abgelesene Wünsche zu erfüllen. Gleichzeitig will der Verbraucher bei seinem Einkauf nicht nur ein Erlebnis verspüren, sondern immer öfter auch ein gutes Gewissen haben. Die Lebensmittelhändler haben das erkannt und investieren deshalb kräftig in ihre Angebote und Flächen. Das Fleischerhandwerk dagegen kommt hier mit Flexibilität und Persönlichkeit zum Zuge. Richtig umgesetzt in Marketing, Sortiment und Verkauf ziehen diese Werte. Sie sind der Gegenpol zur inzwischen so durchdigitalisierten Welt.

Quelle: afz 22/2018
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