Exportboom: Freier Handel sichert Arbeitsplät...
Jörg Schiffeler
Exportboom

Freier Handel sichert Arbeitsplätze

Dienstag, 18. Juli 2017

FRANKFURT Die Ernährungswirtschaft steht so stabil da, wie der Fels in der Brandung. Schlagen die Wellen auch noch so hoch, gelingt die Neuausrichtung des Sektors bisher immer wieder.

Die Lebensmittelindustrie und mit ihr die Unternehmen der Fleischwirtschaft haben erfolgreiche Jahre hinter sich gebracht. Sie ist inzwischen der drittgrößte Industriezweig in Deutschland. Der Gesamtumsatz legte im Jahr 2016 nominal um 1,6 Prozent auf insgesamt 171,3Mrd. Euro zu. Besonders dynamisch entwickelten sich die Erlöse im Auslandsgeschäft mit einem Plus von 3,6 Prozent auf 56,7Mrd. Euro. Neben dem EU-Binnenmarkt wird der Absatz deutscher Lebensmittel in Drittländer immer bedeutungsvoller.


Die in der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) organisierten Unternehmen wachsen mit dem Export. Was lange Zeit nur für den Anlagen- und Maschinenbau oder auch die Automobilindustrie galt, trifft nun auch auf Milchverarbeiter, Schlachter, Fleischzerleger und Wursthersteller zu – um eine Auswahl zu nennen. Und zwar nicht nur auf Konzerne oder Genossenschaften, sondern in erheblichem Maß auf kleine und mittlere Familienunternehmen, die alle zusammen 580.030 Menschen beschäftigen. Das brachte in vielen Regionen der Republik den Wohlstand aufs Land. 

Jeder dritte Euro wurde 2016 mit Kunden im Ausland erlöst. Zum Vergleich: Im Jahr 1998 waren es 17 Prozent. Der Export mausert sich zu einem der wichtigsten Standbeine, um Wachstum und Beschäftigung im Inland zu sichern.
Der Fleischsektor ist in den Reihen der Ernährungswirtschaft die umsatzstärkste Branche. Wenngleich der Heimatmarkt mit 81 Millionen Menschen das wichtigste Absatzgebiet bleiben wird, pushen die Exporterlöse ordentlich die Ergebniskurve. Was hierzulande kaum Absatz findet, kann beispielsweise in Fernost zu attraktiveren Konditionen vermarktet werden: Ausgewählte höherpreisige frische und gefrorene Ware sowie Nebenprodukte, Ohren, Rüssel, Pfoten und Ringelschwänze sind gut im Ausland zu platzieren.

Dieser Erfolg weckt Ehrgeiz und Neid andernorts, denn vom großen Kuchen wollen sich auch Andere ein Stück sichern. Das spüren gerade die großen Schlachtbetriebe: Spanien bietet derart stark Schweinefleisch auf den Weltmärkten feil, dass Deutschland seine Führungsposition im ersten Jahresdrittel verlor. Die Aussichten auf weiter prosperierende Zeiten sind gut. Der Erfolg kommt aber nicht von selbst. Neben bestehenden Krisen werden neue Auseinandersetzungen die Weltbühne bestimmen. Während neue Freihandelsabkommen der EU mit Kanada und Japan neue Möglichkeiten eröffnen, bleibt die Ungewissheit über die Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump mit protektionistischen Zügen. 1,6 Mrd. Euro setzte die deutsche Lebensmittelwirtschaft 2016 in den Vereinigten Staaten um. Die Lieferungen ins Vereinigte Königreich beliefen sich sogar auf 4,2 Mrd. Euro – und die Brexit-Verhandlungen starten erst.

Auch im Inland lauern Gefahren. Neubauten von Ställen, Schlachthöfen und Produktionsanlagen werden immer restriktiver gehandhabt. Selbst Metzgereien oder Bäckereien haben es in Ortskernen mitunter schwer, weil die Akzeptanz für Emissionen von Backofen oder Räucherkammer fehlt. Dazu werden immer neue Anforderungen vom Gesetzgeber formuliert. Sie verteuern die Erzeugung von Lebensmitteln, was aber Landwirte, Schlachthöfe, Zerleger, Verarbeiter und Fleischer gegenüber den Kunden kaum ins Geld bringen können. Außerdem formieren sich immer mehr Bürger und protestieren massiv gegen jedweden Ausbau.

Dabei müssen sich die Betriebe der Lebensmittelwirtschaft ebenso weiter entwickeln können wie Automobilzulieferer, Logistikunternehmen oder Windanlagenbauer. Wenn das gelingt, bleiben unsere lebensmittelverarbeitenden Unternehmen leistungsstark und sichern auch künftig Arbeitsplätze.

Quelle: afz 29/2017
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