Ferkelkastration: Schweinehalter lassen den v...
Ferkelkastration

Schweinehalter lassen den vierten Weg links liegen

FRANKFURT In den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration kommt endlich Bewegung. Es wird auch Zeit, denn die Fristverlängerung für den Aufschub endet am 31. Dezember 2020.

Nicht wenige von Ihnen werden jetzt denken: „Was geht mich das an. Wir verarbeiten ja nur das Fleisch der Schweine.“ Es sollte Sie interessieren, denn einerseits hängt an der Zukunft der Fleischerzeugung hierzulande auch die Perspektive Ihres Unternehmens – ganz egal, ob fleischerhandwerklicher Betrieb oder Wurstfabrik. Die Landwirte wie die Handwerker beklagen gleichermaßen die ausufernde Bürokratie und über immer mehr gesetzliche Vorgaben. Einer aktuelle Befragung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) zufolge liegt genau darin Sprengstoff, weil immer mehr Bauern deshalb ans Aufgeben denken.


Die Erzeugung der Mittel zum Leben muss sich lohnen. Es muss der Gesellschaft etwas wert sein, dass nicht nur die Ernährung gesichert ist, sondern auch die hergestellten Lebensmittel sicher sind. Neben allen Wünschen von Verbrauchern und der Politik muss Wirtschaften und unternehmerisches Handeln auch Freude bereiten. Selbstständige benötigen ein Klima mit Zukunftsversionen und nicht gefährliche Ausstiegsszenarien, die unsere Volkswirtschaft bedrohen. Wer Lebensmittel aus der Region einkaufen möchte – ein Megatrend – muss auch die Erzeugung hierzulande akzeptieren. Sie muss ihren Beitrag leisten für Unternehmen, Mitarbeiter und Gesellschaft.

So bringen die Anforderungen an die Ferkelerzeuger, die Tiere künftig entweder zu betäuben oder als Jungeber zu mästen, einen Mehraufwand mit sich. Also wird die Erzeugung von Schweinen kostspieliger – egal, ob sich Landwirte für Ebermast, Immunokastration, Isofluran-Betäubung oder Lokalanästhesie entscheiden. Dazu erfordern alle vier diskutierten Wege ein hohes Maß an Sachkunde. Somit wird der Aufwand für die landwirtschaftlichen Betriebe größer und der Rohstoff Fleisch teurer. Der gesellschaftspolitische Konsens hierzulande trägt das mit. Ob wir global wettbewerbsfähig sind, ist eine weitere Frage, die in diesem Beitrag nicht weiterverfolgt wird.
Dass die Tierhalter aus der Nummer der Schmerzausschaltung nicht mehr rauskommen, liegt auf der Hand. Auch wenn bei vielen Schweinehaltern noch Erleichterung darüber herrscht, dass beim Thema Ferkelkastration zunächst zwei Jahre gewonnen wurden. Es hat sich in den vergangenen Wochen etwas verändert. Neu ist, dass sich die Schweinehalter jetzt positionieren. Auf der ISN-Tagung in Münster zu Beginn dieser Woche gab Vorsitzender Heinrich Dierkes eine wegweisende Einschätzung ab: Die Organisation der Schweinehalter setzt nur noch auf realistische Alternativen wie Ebermast, Impfung und Narkose. Damit verlässt die ISN den sogenannten „Vierten Weg“ – die Lokalanästhesie. Der ISN-Chef sieht hier kurzfristig keine Chance auf Zulassung.

Bewegung gibt es diese Woche auch auf der Seite der Schlachter. Stefan Müller von der gleichnamigen Gruppe in Birkenfeld bekennt sich für sein Familienunternehmen schwarz auf weiß zu allen alternativen Methoden. Er möchte sowohl für seine Lieferanten und Kunden mehr Klarheit und Sicherheit. Er weiß nur zu gut, dass die Jungebermast an Grenzen stößt. Dennoch bietet er interessierten Mästern klare Rahmenbedingungen an. Die Akzeptanz der Impfung gegen Ebergeruch wird immer wieder in Frage gestellt. Bei Müller lotete man die Vermarktung für geimpftes Schweinefleisch aus. So werden die Jungeber zu genau festgelegten Zeiten geschlachtet.
Dieses Bekenntnis ist ein starkes Statement. Es zeigt den Lieferanten von Lebendtieren mehrere Möglichkeiten auf und wird dem gestiegenen gesellschaftlichen Interesse nach Tierschutz und Unversehrtheit gerecht. Einen Königsweg wird es nicht geben. Jeder, der Fleisch in Verkehr bringt, darf sich nicht vor der Mitverantwortung drücken.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 8/2019
stats