Ferkelkastration: Tierschutz mit einschneide...
Renate Kühlcke
Ferkelkastration

Tierschutz mit einschneidenden Folgen

Mittwoch, 03. August 2016

FRANKFURT Ein Schnitt, ein Schrei und schon ist alles vorbei – diese Tradition in Ferkelställen hat auch in Deutschland ausgedient. Der Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration ist seit der „Düsseldorfer Erklärung“ vom September 2008 beschlossene Sache, im QS-System ist der Schmerzmitteleinsatz seit 2009 verpflichtend vorgeschrieben und ab 2019 greift dann auch das gesetzliche Verbot.

Wie dieses Verbot am besten in der Praxis umgesetzt werden soll, ist allerdings auch 30 Monate vor Ablauf der Übergangsfrist unklar. Dabei währt die Auseinandersetzung um die Suche nach dem Königsweg schon lange. Die politische Problemlösung bestand in Deutschland bisher darin, die Altersgrenze für den Eingriff wiederholt herabzusetzen. Im Jahr 1933 lag sie noch bei 180 Tagen, 1970 wurde sie auf 60 Tage gesenkt und 1998 durften die zu kastrierenden Ferkel höchsten 28 Tage alt sein. Nach den geltenden Tierschutzvorschriften dürfen männliche Ferkel nur noch bis zum siebten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden. Diese über alle Parteigrenzen und Regierungskoalitionen hinweg verfolgte Strategie lässt erahnen, wohin die Reise geht: Ziel ist eine Altergrenze von Null Tagen. Entsprechend favorisiert war lange die Jungebermast, trotz aller Gefahren für Strukturveränderungen und Marktverwerfungen. Ende 2014 war dann das Eberboot voll – der heimische Handel und wichtige Exportländer akzeptieren diesen Rohstoff nicht. Die Alternativen, die Kastration unter Betäubung mit Schmerzausschaltung sowie die Immunokastration, gewinnen an Beachtung. Der Traum, dass die Pharmaindustrie bis 2019 ein Medikament entwickelt und zur Zulassung bringt, das die Ferkel ruhig stellt, ihnen den Schmerz nimmt, für die Anwendung bei Schweinen zugelassen ist und zudem vom Landwirt angewendet werden darf, scheint hingegen ausgeträumt.

Drei Wege sollen jetzt zum Ziel führen. Der pragmatische Lebensmittelhandel erklärt kurzerhand, dass er alle Alternativen gleich wertschätzt. Tatsächlich liegen inzwischen neben dem Improvac-Schnitzel Isofluran-Steaks und Jungeberfleisch in der Theke. Für den Handel ist der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration eine wichtige Imagefrage. Der Druck auf die vorgelagerten Stufen wächst entsprechend. Dabei wird immer deutlicher, dass jede sich auf Veränderungen einrichten muss. Landwirte werden sich entscheiden müssen, an wen sie ihre Schweine verkaufen wollen, und Schlachthofbetreiber kommen nicht umhin, ihre interne Logistik so aufzustellen, dass sie die unterschiedlichen Kundenwünsche der Verarbeiter, Händler und Metzger bedienen können. Nach 2019 hat der Schweinefleischmarkt in Deutschland auf jeden Fall eine neue Struktur.

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Quelle: FleischWirtschaft 7/2016
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