Fleischhandel: Nachhaltigkeit rechtfertigt de...
Fleischhandel

Nachhaltigkeit rechtfertigt den Exportboom

FRANKFURT Der Appetit auf Fleisch wächst und wächst in der ganzen Welt – ob uns das passt oder nicht.

Mit steigendem Wohlstand lechzen die Menschen nach Geflügel, Schwein und Rind. Denn das wertvolle Lebensmittel Fleisch ist ein Statussymbol. Die Gesellschaften rund um den Globus eifern Amerikanern und Europäern nach.


Unsere Urahnen freuten sich über Jagdglück. Später war Fleisch ein Zeichen von Wohlstand. Somit war das Nahrungsmittel etwas Seltenes und Kostbares zugleich. Das änderte sich mit der Industrialisierung und dauerte bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Fleisch in unserer hochentwickelten Gesellschaften ständig und preiswert verfügbar wurde. Die Erfindung der Supermärkte beflügelte diese Entwicklung, treibt sie bis heute an.

Die Ernährungsindustrie mauserte sich zu einem der größten und wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland, der zahlreichen Menschen Arbeit und Sicherheit gibt. Der Sektor Fleischwirtschaft belegt im Ranking der Ernährungswirtschaft sogar den ersten Rang. Fleisch, Fleischwaren und Wurst stehen bei nahezu allen bundesdeutschen Haushalten stets auf dem Einkaufszettel, auch wenn andere Nationen uns beim Pro-Kopf-Verbrauch übertrumpfen. Die Diskussion um Mengen, Tierwohl, Umweltverträglichkeit und Arbeitsbedingungen im Zusammenhang mit dem Fleischkonsum verdirbt den Bürgern zwar nicht den Appetit, lässt sie aber auch nicht ganz kalt.
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ titelte vergangene Woche „Gewissensbisse“ und prangerte den weltweit steigenden Fleischverzehr an. Dazu scheint auf den ersten Blick zu passen, dass die Europäische Kommission diese Woche neue Rekorde bei den Schweinefleischausfuhren der Staatengemeinschaft verkündete. Insbesondere die starke Nachfrage aus Asien beflügelt den Handel. Gerade der Hunger Chinas scheint keine Grenzen zu kennen. Er wird immer noch größer. Die EU-Exporteure liefern fast 63 Prozent ihres Schweinefleischs in das riesige Reich der Mitte mit seinen nach unseren Maßstäben schier unvorstellbaren 1,4 Mrd. Einwohnern. Das sind mehr Menschen als in Europa, den Vereinigten Staaten, Kanada und Russland zusammen. 

Die chinesische Regierung ergreift seit Jahren zahlreiche Maßnahmen, die Selbstversorgung auszubauen. Inzwischen ist die Volksrepublik der größte Produzent von Schweinefleisch. Dennoch reicht die Menge nicht aus. 2016 fiel die Produktion sogar auf ein Fünfjahrestief. Ware aus Europa und allen voran mit der Auslobung „Made in Germany“ ist in Peking äußerst beliebt, weil die Lieferanten als zuverlässig gelten. Auf der Einkaufsliste stehen aber nicht nur Schinken, Schulter und Lachse. Der chinesische Fleischappetit wird nach wie vor mit Schnäuzchen und Ringelschwänzen sowie weiteren – hierzulande kaum vermarktbaren – Teilen gestillt. Insofern hat der Exportboom eine bislang wenig beachtete nachhaltige Komponente, weil alles vom Tier verwertet werden kann. Die wertvollen Rohstoffe werden einschließlich der Nebenprodukte zu Lebensmitteln verarbeitet und nicht verfeuert.

Einige werden nun einwenden: Warum versorgen wir die Weltmärkte und beschränken uns nicht auf unseren eigenen Markt? Ganz einfach: Zum einen ist unsere Land- und Fleischwirtschaft leistungsfähig und auf Wachstum ausgerichtet. Zum anderen setzen die Branchen viel daran, immer weniger Ressourcen für die Herstellung von Lebensmitteln zu verbrauchen.

Die verschiedenen Genussvorlieben in anderen Teilen der Welt kommen also auf den zweiten Blick unserer Wirtschaft zupass. Handel beruht eben immer auch auf einer Arbeitsteilung verschiedener Wirtschaftsräume. Es stünde uns gut, alles daran zu setzen, damit die aufstrebenden Gesellschaften unsere Fehler bei ihrer Entwicklung nicht wiederholen. Dann muss uns das Gewissen nicht plagen.

Quelle: afz 9/2017
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