Fleischlose Alternativen: Nicht nur schwarz o...
Fleischlose Alternativen

Nicht nur schwarz oder weiß

FRANKFURT Lieber kein Huhn als irgendein Huhn. Dieser Ausspruch von Eckhard Witzigmann erklärt ganz gut die Ansicht vieler, die inzwischen auf Fleisch verzichten, und wie die jüngere Generation heute tickt: Der Verbraucher kauft und konsumiert heute bewusster.

In Zeiten ständiger Verfügbarkeit aller Arten von Lebensmitteln stillt er nicht mehr nur seinen Hunger, sondern macht sich auch Gedanken um die Auswirkungen seiner Konsumgewohnheiten – auf die Umwelt, aber ebenso auf seinen eigenen Körper. Das Thema Gesundheit ist heute eine Haupttriebfeder bei der Ausgestaltung des eigenen Ernährungsstils.


Die Bilder von Massentierhaltung und Fließbandproduktion passen aber leider gar nicht zu dem neuen Ziel der Selbstoptimierung. Ich tue meinem Körper nur Gutes, wenn ich ihm auch gute Mittel zuführe. Das Resultat dieser Einstellung ist leider allzu oft der Verzicht. Dabei gibt es Alternativen: Im großen Stil versucht die Initiative Tierwohl, den Masttieren ein angenehmeres Leben zu verschaffen. Aber auch im Kleinen tut sich zurzeit ganz viel. Viele Fleischer haben den Kontakt zu den liefernden Landwirten ganz neu geknüpft. Gemeinsam stellt man sich der Frage nach der artgerechten Tierhaltung und richtet Haltungsbedingungen und Fütterung gezielt daran aus. Der Kunde dankt es mit Treue und der Bereitschaft, auch mal tiefer in die Tasche zu greifen. Leider entfaltet dieses Engagement derzeit noch nicht die Aufmerksamkeit in den Medien, die es verdient hat.

Gesundheit und Ethik sind inzwischen also wichtige Komponenten der Essensauswahl. Was die Konsumforscher aber gleichzeitig beobachten, ist die Renaissance von Genuss und Geschmack. Und darum muss es selbst für Vegetarier und Veganer manchmal die herzhafte Bratwurst sein – nur eben ohne Fleisch. Und manchmal – je nach Stimmung und sozialem Kontext – darf es sogar das echte Steak sein statt des fleischfreien Sojaersatzes. Veganer sind nämlich gar nicht so stringent, wie wir immer dachten. Das war eine spannende Erkenntnis beim Forum der Fleischwirtschaft in Osnabrück. Bewusste Ernährung ja, aber sie muss alltagstauglich sein. Es ist eben nichts nur schwarz oder weiß.

Geht oder geht nicht – solch klare Regeln wären bei der Kennzeichnung der boomenden Fleischersatzprodukte allerdings für alle Seiten hilfreich: für die Verbraucher, die Wursthersteller ebenso wie für die Anbieter der pflanzlichen Alternativen und nicht zuletzt für die Überwachung. So schnell wie der Absatz in den letzten zwei Jahren in die Höhe schnellte, kam der Gesetzgeber wohl nicht mit. Klärung muss aber sein.

Dass sich die alternativen Produzenten gern an gewohnten Bezeichnungen bedienen, ist klar. Der vegane Fleischkäse weist schon ziemlich genau darauf hin, was den Käufer erwartet. Auf der anderen Seite können die Hersteller der klassischen Fleischwurst oder Frikadelle aber nicht hinnehmen, dass sie den strengen Auflagen der Leitsätze unterliegen, diese aber für das fleischfreie Pendant nicht gelten. Das versucht der Deutsche Fleischer-Verband beispielsweise über die Deutsche Lebensmittelbuchkommission zu klären.

Im Segment der Produkte ohne Fleisch steckt zurzeit viel Bewegung. Manches wird der Markt regeln, bei anderen Dingen sind die Gesetzgeber gefragt. Bei aller Euphorie über das rasante Absatzwachstum lohnt auch ein Blick auf die Basis: Knapp 150 Mio. Euro wurden 2015 für Fleischersatzprodukte ausgegeben. Die gesamte Fleischwirtschaft in Deutschland dagegen steht nach wie vor für rund 45 Mrd. Euro Umsatz.

Die Hersteller von traditionellen und handwerklich gut gemachten Fleischwaren müssen also nicht fürchten, demnächst von der Veggiewelle überrollt zu werden. Sie dürfen sich vielmehr in ihrem Bestreben bestätigt fühlen, verantwortungsvoll mit dem Nutztier umzugehen und ihren Kunden mit den Produkten aus dem Fachgeschäft einen ganz besonderen Genuss zu bieten.

Quelle: afz 25/2016
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