Fleischwirtschaft: Der Druck im Kessel steigt
Fleischwirtschaft

Der Druck im Kessel steigt

FRANKFURT In der Fleischwarenproduktion wird die Luft dünn und dünner. Die aktuellen Insolvenzen traditionsreicher Unternehmen sind ein untrügliches Zeichen für die an Dynamik gewinnende, eigentlich längst erwartete Konsolidierungswelle.

Die seit Jahresbeginn spürbar gestiegenen Schweinepreise verschärfen die angespannte wirtschaftliche Situation auf breiter Front, da die Rohstoffbeschaffung in der Wurstbranche etwa 70 Prozent der Kosten ausmacht. Die Verarbeiter stehen damit vor der Herausforderung, die teils drastisch gestiegenen Rohstoffkosten an ihre Kunden – in erster Linie den Lebensmitteleinzelhandel – weiterzugeben. Doch daran beißen sich viele die Zähne aus, wenn Preiserhöhungen nicht mit zusätzlichen Produktvorteilen aufgeladen sind.


Und ein weiteres, auch seit Jahren analysiertes Strukturproblem ist unbewältigt. Viele hervorragende Unternehmen sind mit vergleichbaren Produkten am Markt. Das verschärft den Verdrängungswettbewerb in der von wenigen großen und hunderten kleineren Betrieben geprägten Wurstindustrie von innen heraus auf der Beschaffungs- und Absatzseite. Der Markt verlangt beste Qualität zu tiefsten Preisen bei hohen Arbeits- und Tierwohlstandards – in diesem sich weiter entwickelnden Anspruchsfeld befinden sich die sowieso schon kleinen Margen der Hersteller aktuell im dramatischen Sinkflug.
Ohne eine nachhaltig höhere Wertschöpfung ist dieser Druck im Wurstkessel nicht beherrschbar. Für eine mittelständische Industrie, die trotz einiger großer Verarbeiter historisch handwerklich geprägt ist, kann das nur bedeuten, jetzt Strategien für die Zukunft zu entwickeln. In den Blick geraten sicher schnell Kostenorientierung, die Optimierung der Verarbeitungs- und Vermarktungstiefe und verstärkt die Nachfolgerfrage. Aber auch über unternehmerisch sinnvolle Zusammenschlüsse gleichstarker Partner lohnt es sich nachzudenken, um dem Schluckreflex der Großen zuvorzukommen oder ganz die Reißleine ziehen zu müssen. Als in der undankbaren Sandwich-Position zwischen den global agierenden Fleischkonzernen und dem übermächtigen Lebensmitteleinzelhandel steckende Branche sollte die Fleischwarenindustrie den unausweichlichen Strukturwandel mitgestalten und nicht aussitzen. Die nötige Effizienz in der Produktion zu schaffen ist mit hohen Investitionen verbunden und zwingt zu immer größeren Einheiten. Ein Teufelskreis, dem beim ersten Durchlauf viele kleine Fleischereien zum Opfer gefallen sind.

Keine Frage, die geforderte Kreativität der Mittelständler bei der Gestaltung ihrer Geschäfte wird gerade auf eine harte Probe gestellt. Auch wenn die fortwährende Veränderung wirtschaftlicher Strukturen das Kennzeichen einer Marktwirtschaft ist, wird ein Strukturwandel immer begleitet von Einzelschicksalen. Sinkende Gewinnspannen durch verschärften Preiswettbewerb engen die so wichtigen Gestaltungsfreiräume gewaltig ein. Die Vernunft aller Partner der Wertschöpfungskette sollte darum sicherstellen, dass sich Geld- und Güterströme im Wirtschaftskreislauf „Fleisch und Wurst“ wertmäßig entsprechen, denn Wertschöpfung lässt sich nicht endlos steigern. Der Fleischbranche – zu der auch der Lebensmitteleinzelhandel zählt – muss es im eigenen Interesse gelingen, Rendite, Vertrauen und Glaubwürdigkeit nachhaltig auszubalancieren, um zukunftsfähig zu sein.

Quelle: Fleischwirtschaft 5/2017
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