Fleischwirtschaft: Exporterfolge mit Folgen
Fleischwirtschaft

Exporterfolge mit Folgen

FRANKFURT Auf EU- und Drittlandsmärkte kann die Fleischwirtschaft nicht verzichten.

Seit 25 Jahren ist der europäische Binnenmarkt nun Realität. In einem der größten einheitlichen Märkte der Welt profitieren 500 Millionen Konsumenten vom freien Verkehr der Waren, Dienstleistungen, Personen und des Kapitals. Seit der Öffnung der Grenzen zwischen den Mitgliedsstaaten am 1. Januar 1993 hat theoretisch jeder noch so kleine Produzent Zugang zu diesem lukrativen, zollfreien Binnenmarkt.


Schon damals zählte der Markt 22 Millionen Unternehmen. Heute ist er ein milliardenschwerer Wirtschaftsmotor und für die Agrar- und Ernährungswirtschaft eine einzige Erfolgsgeschichte. Nach vier Erweiterungsrunden haben deutsche Lebensmittelhersteller gut ein Drittel mehr Kunden, und die EU war 2017 noch weit vor den USA der weltweit größte Importeur und Exporteur von Lebensmitteln, zieht die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) Bilanz. Fleisch und Fleischwaren zählen dabei zu den wichtigsten Exportgütern.

Und das nicht nur innerhalb der EU. In den vergangenen zwölf Jahren bis heute hat sich die Ausfuhr von Fleisch fast verdoppelt. Deutschland belegt damit Platz drei der größten Fleischexporteure der Welt. Der Selbstversorgungsgrad mit Fleisch erreichte 2015 mit 122 Prozent hierzulande einen neuen Rekord – vor zehn Jahren lag die Quote bei 99 Prozent und entsprach damit noch dem tatsächlichen Konsum. Aus wirtschaftlicher Sicht eine Erfolgsgeschichte, doch dem weltweit positiven Image von Fleisch „made in Germany“ steht im Heimatland eine immer lauter werdende gesellschaftliche Diskussion gegenüber, die die Notwendigkeit von Ausfuhren – insbesondere von Fleisch – in Zweifel zieht. Aus Sicht der Kritiker wird diese Wirtschaftsentwicklung zu einer immer größeren Belastung für Tier und Umwelt.

Keine Frage, die deutsche Fleischwirtschaft trägt hier eine herausragende Verantwortung, Forderungen nach einem Rückzug aus dem Exportgeschäft sind allerdings weltfremd. Eine von der Gesellschaft mitgetragene Zukunftsstrategie des Fleischexports liegt sicher nicht im Preiswettbewerb mit der Billigkonkurrenz aus Südkorea oder China, die die Standards in den Bereichen Tierwohl, Umwelt und Lebensmittelsicherheit aushebeln. Zugegeben ein schwieriger Spagat, sind doch die Möglichkeiten, im Auslandsgeschäft höhere Produktionskosten wieder reinzuholen, noch sehr begrenzt.

Verständlich sind die Zweifel, ob die starke Fokussierung auf den Export unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen noch richtig ist. Der Importstopp Russlands und der ermüdete Chinamarkt zeigt die Abhängigkeit nur zu deutlich, und ob das mit Tierschutz- und Umweltauflagen aufgewertete deutsche Fleisch künftig auf EU- und Drittlandsmärkten weiter so konkurrenzfähig ist, muss sich erst noch zeigen. Bei aller Unsicherheit steht außer Frage: Auf sichere Absatzmärkte und überdurchschnittliche Vermarktungspreise wollen vor allem auch die Landwirte nicht mehr verzichten. Das Dilemma einer funktionierenden Marktwirtschaft.

Quelle: Fleischwirtschaft 1/2018
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