Fleischwirtschaft: Mehr Transparenz ist noch ...
Fleischwirtschaft

Mehr Transparenz ist noch kein Plus an Information

FRANKFURT Die Webcam mit Blick in den Stall, der Funkchip im Schweineohr, die Videoüberwachung am Schlachtband und das Einstellen von Prüfberichten ins Internet stehen für zahlreiche Vorstöße für ein Mehr an Transparenz.

Die Landwirtschaft wie auch die Fleischwirtschaft wollen mehr wagen. Das ist nur zu unterstützen. Sie haben erkannt, dass die eigene Abschottung und die Entfernung der Gesellschaft von der Lebensmittelerzeugung nicht mehr zeitgemäß sind. Die Menschen möchten mehr erfahren, auch wenn viele Verbraucher am Ende nicht mehr wissen.


Es ist gut, dass mit Vion eines der größten Schlacht- und Zerlegeunternehmen eine Offensive für mehr Transparenz startete und Einblicke ermöglicht. Ein Plus an Information ist das nicht zwangsläufig. Warum nicht? Die Veröffentlichung von Daten – insbesondere in unserer gläsernen, von Informationen überfluteten Internetwelt – ist sensibel. Das ist deshalb so, weil sie in der Regel einer Interpretation bedürfen. Es ist gut, wenn sich die Verbraucher ein eigenes Bild machen können und sich daraus womöglich eine feste, unerschütterliche Meinung manifestiert. Könnte sie aber nicht völlig fehlgeleitet sein, weil es an Expertenwissen und einer Einordnung oder Kommentierung mangelt? Verständliche Information lebt vom Dialog, nicht vom öffentlich abrufbaren Monolog allein. Im digitalen Netz sind immer noch Videos von quälenden Lebendtransporten anklickbar. Das die gezeigten Aufnahmen deutlich in die Jahre gekommen sind, wissen die wenigsten User des Webs. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) sucht seit der Leitmesse Eurotier in Hannover Landwirte, die Einblicke in ihre Tierhaltungen geben. Eine tolle Idee finde ich. Doch was ist, wenn die Ferkel und Jungschweine spielen, raufen und sich vielleicht sogar beißen? Welcher Bürger weiß, dass das in gewissem Ausmaß ein normales Verhaltensmuster ist? 

Ein weiteres Beispiel gab der Bayerische Rundfunk. In der Sendung „Unser Land“ berichtete das dritte Fernsehprogramm über den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration von Ferkeln. Die Reporter besuchten einen Bio-Schweinemäster und zeigten in einem zweiten Beitrag Alternativen zum Schnitt, die Impfung gegen Ebergeruch. Mir scheint das der richtige Weg zu sein, weil ich schon früh Kontakt zu Bauern und Schweinemästern hatte. Mein Freundeskreis hingegen nicht. Ihm ist das fremd. Er reagiert eher verstört, immerhin neugierig und offen für eine sachliche und lebhafte Diskussion. 

Die Erzeugung von Lebensmitteln ist weder handwerkliche Romantik noch bäuerliche Idylle – auch nicht Brust oder Keule in Anlehnung an die Produktionsmethoden des Spielfilms mit Louis de Funès in seiner Rolle als Gourmetkritiker. Es gibt ein dazwischen, das viele Unternehmen aus Verantwortung gegenüber Tier und Mensch tagtäglich leben. Dieses gewissermaßen normale Bild muss gezeichnet werden. So war die Eröffnung der Gläsernen Produktion im Hause Wiltmann vor einem Vierteljahrhundert eine frühe Demonstration für ungewöhnliche Offenheit, die immer vom Verbraucher belohnt wurde.

Die Unternehmen haben es in der Hand die Information zu lenken, damit aus wirklich gut gemeinter Transparenz kein Fallstrick wird. Eins bleibt eine Herausforderung: Wer Fleisch genießen möchte, muss Tiere töten. Das geschieht nicht nur in Deutschland in sehr großer Menge in sehr kurzer Zeit. Warum das Respekt verlangt und welche Gründe dafür sprechen, ist ein weiteres Thema für die Kommunikation zwischen Produzenten und Konsumenten.

Quelle: afz 47/2016
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