Fleischwirtschaft: Veränderungen im Schweinsg...
Fleischwirtschaft

Veränderungen im Schweinsgalopp

FRANKFURT In den deutschen Schlachtschweinemarkt kommt Bewegung. Deutschland hat das Russland-Embargo im Zuge der Ukraine-Krise gut überstanden und liefert Rekordmengen an Schweinefleisch nach Asien. Wichtigster Kunde ist dabei China.

Die Exportstärke der deutschen Anbieter trifft nicht bei allen politischen Parteien auf Gegenliebe und andernorts weckt sie andere Marktteilnehmer auf, diesem Erfolg nachzueifern. Insbesondere Spanien holt unglaublich rasant auf. So verkaufte das EU-Mitglied im vergangenen Jahr satte 51 Prozent mehr Schweinefleisch an Drittstaaten als noch 2015.


Für die Fleischwirtschaft ist der Handel ein Segen, weil viele Kontrakte zu weitaus besseren Konditionen im internationalen Geschäft durchsetzbar sind als hierzulande. Ausgewählte höherpreisige frische und gefrorene Ware sowie Nebenprodukte, Ohren, Rüssel, Pfoten und Ringelschwänze sind gut im Ausland zu platzieren und zu vermarkten. Gäbe es ausreichend Bioqualitäten, ließen sich diese vermutlich unter der Hand rasend schnell verkaufen. 

Das alles täuscht über die Krise am hiesigen Rohstoffmarkt hinweg. Auch wenn das Angebot an Schlachtschweinen bei einigermaßen reger Nachfrage momentan knapp ausfällt, trifft die Notierung weder auf Gefallen bei den Erzeugern noch bei den Großschlachtern. Und die Metzger sind auch nicht zufrieden. Gleichzeitig fordert der Handel unter dem politischen Druck von Regierenden, Verbraucher- und Tierschützern mehr Anstrengungen rund um das Wohl der Tiere. Das kostet Geld – denn am Anfang der Kette muss investiert werden – was am anderen Ende der Kunde nicht zu zahlen bereit ist. So setzen sich Produkte mit dem Tierschutzsiegel des Deutschen Tierschutzbunds nicht wirklich durch. Sie sind marginal zu finden, von Massenlistungen kann nicht die Rede sein. So ehrenhaft viele Anstrengungen für mehr Tierwohl sind: Sie bleiben letztlich in der Nische. Die Siegel sind nur für wenige Unternehmen ein Modell und damit attraktiv. Die Mehrheit der Erzeugerbetriebe und der Fleischwirtschaft braucht Masse, um wirtschaftlich auf solider Basis arbeiten zu können. Dabei spielt die Notierung jede Woche eine gewichtige Rolle. Um sie wird mit allem Druck gefeilscht.

Wie dünn die Luft zum Atmen sein kann, hatte im vergangenen Jahr die Entwicklung bei Westfleisch gezeigt. Mit vielen Anstrengungen haben die Verantwortlichen innerhalb kurzer Zeit eine Trendwende herbeiführen können. Der Preis dafür dürfte nicht niedrig gewesen sein. Vion hat sich viel Zeit genommen, um über die Zukunft des Standorts Zeven zu entscheiden. Dessen Schließung und der Zuschlag für Emstek verdient Respekt, weil das Management Mut zum Handeln bewiesen hat.
Deutschlands Schlachter auf Rang fünf hat unterdessen nicht überlebt. Vogler und MV Fleisch nutzte auch die schiere Unternehmensgröße nichts – 2,3 Mio. Schweine brachte die Gruppe 2015 noch an die Haken. Das Aus wirbelte die Märkte nicht durcheinander. Und Tönnies? Der privatwirtschaftliche Konzern ordnet seine Geschäfte ebenfalls: Ausbau der Präsenz in den Regionen sowie internationale Akquisitionen. Die Branche wird auf dem Heimatmarkt nicht an weiteren Bereinigungen vorbeikommen, wenn die Schlachtbänder ausgelastet werden sollen. Gerade das bereitet aber vielen kleineren Betrieben eine große Herausforderung. 

Die Schlacht um günstige Einkaufspreise bestimmt den Fleischsektor wie die Jagd von Aktionären und Investoren nach den besten Kursen auf dem Börsenparkett. Schweinemarkt und Börsenhandel haben noch mehr Gemeinsamkeiten: Die Kunden greifen am liebsten dort zu, wo die Kalkulation die größte Rendite verspricht. So sagt vermutlich nicht nur eine alte Metzger-Weisheit „Im Einkauf liegt der Gewinn“. Dennoch benötigen die Märkte mehr Sicherheit, mehr Lieferantentreue, mehr Wertschöpfung und keine ständige Orientierung am günstigsten Beschaffungspreis. Denn der ist oft nur auf den ersten Blick preiswert.

Quelle: afz 11/2017
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