Genossenschaften: Nur wer zusammenhält, kann ...
Jörg Schiffeler
Genossenschaften

Nur wer zusammenhält, kann am Markt überleben

Dienstag, 20. Juni 2017

FRANKFURT Ein Fels in der Brandung. So fest steht die Zentrag im Jubiläumsjahr 2017 da.

Die Zentralgenossenschaft des europäischen Fleischergewerbes ist nicht nur verwurzelt mit ihrer Branche, sondern auch wirtschaftlich fest verankert. Das Unternehmen gibt seinen Mitgliedern, allen voran den regional unabhängigen Fleischergenossenschaften, Sicherheit, viel Sicherheit. Weitere Anteile halten Innungen und Verbände.


Sie alle erwarten Ausschüttungen aus dem Geschäftsbetrieb der Zentrag. Die Dividende im 70. Jahr des Bestehens kann sich sehen lassen: 2,5 Prozent erhalten die Genossen auf Pflichtanteile, vier Prozent auf freiwillige Anteile sowie eine Sonderdividende von zwei Prozent auf Einlagen. Diese ist allerdings an eine Bedingung geknüpft: Die Bedarfsdeckung darf im laufenden Jahr nicht das Niveau von 2016 unterschreiten. Nochmals on top gibt es einen Sonderbonus von 0,15 Prozent auf die mit der Zentrag getätigten Umsätze im Eigengeschäft und der Zentralregulierung. Derartige Verzinsungen auf Einlagen sucht man bundesweit vergeblich. Die Lage an den Finanzmärkten bleibt angespannt und eine spürbare Zinswende ist nicht absehbar.

Die Geschäfte der Genossen laufen nicht von selbst. Das weiß jeder, der ein Unternehmen führt und als Eigentümer haftet. Und doch ist die Treue zum Fleischereinkauf nicht mehr per se gegeben – nicht einmal, wenn fleischerhandwerkliche Betriebe und Innungen Anteile an ihrer Genossenschaft halten. Die Dividende wird dagegen gern kassiert. Unter den 48 Wirtschaftsorganisationen, die unter dem Dach der Zentrag einen stolzen Umsatz von rund 846,5 Mio. Euro auf sich vereinigen, deckt sich nur die Hälfte der regionalen Genossenschaften zu mehr als 50 Prozent mit dem Zentrag-Sortiment ein.
Das hat Folgen. Die durchschnittliche Bedarfsdeckung sank 2016 erneut auf einen durchschnittlichen Wert von 31,1 Prozent. Die daraus resultierenden Umsätze fehlen dem Anker der Gruppe, der Frankfurter Zentrag

Umgekehrt bauen die Gruppenmitglieder auf die Stärke der Zentralgenossenschaft in wirtschaftlich turbulenten Zeiten. Das zeigt sich in der Bilanz dort, wo es Einzelwertberichtigungen gibt, Engagement vor Ort gestärkt wird, Genossenschaften fusionieren oder notfalls auch abgewickelt werden. Alles entscheidend ist die Frage, mit welcher Strategie die Fleischergenossenschaften in konsolidierten Märkten wachsen können. Die Herausforderung ist riesig, zudem stehen privatwirtschaftliche Lieferdienste und Großhändler ebenfalls mit attraktiven Angeboten bereit. Die Zentrag-Führung hat die vergangenen Jahre genutzt, die Digitalisierung in den eigenen Reihen voranzutreiben.

Anton Wahl und sein Team fungieren hier als Motor, denn das Stichwort 4.0 ist ein weites Feld. Nichts weniger war das Motto der diesjährigen Generalversammlung in Braunschweig. Die fortschreitende Digitalisierung stellt gewohnte Handlungsabläufe in Frage, denen sich die Genossen nicht entziehen dürfen. 4.0 bedeutet nicht nur Onlinehandel und Smartphone-Nutzung.

Die digitale Revolution wirkt sich nach innen und außen in den Unternehmen aus: im Bestellwesen, in der Warenwirtschaft, in der Kommunikation, beim „für den Kunden mitdenken“, in der Angebotserstellung und vielem mehr. Hier muss sich der Genossenschaftssektor zukunftsorientiert aufstellen. Ein Problem ist dabei, dass die Zentrag keinen Durchgriff auf die Kollegen vor Ort hat. Landauf, landab gibt es zahlreiche Beispiele, wie der Fleischereinkauf von heute aussehen kann. Den anderen sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben „Schaut Euch das an!“.

Das Genossenschaftssystem im Fleischsektor ist nur so stark, wie sich die einzelnen Gruppenmitglieder mit entwickeln. Nur so lange ist die Dividende sicher. Was es bedeuten kann, wenn eine sicher geglaubte Ausschüttung wegen in die Jahre gekommener Geschäftsmodelle ausbleibt, zeigt das Beispiel RWE.

Quelle: afz 25/2017
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