Idealisten treiben Realisten
Renate Kühlcke

Idealisten treiben Realisten

Dienstag, 17. Juli 2012

Kommentar von Renate Kühlcke

Der flüchtige Käufer ist zum aufmerksamen und verständigen Konsumenten geworden, der nun seit einem Jahr auch Klarheit und Wahrheit einfordern kann und dies auch tut. So sehen es Ministerin Ilse Aigner und die Verbraucherverbände als Verantwortliche des seit dem 20. Juli 2011 freigeschalteten Beschwerdeportals „lebensmittelklarheit.de“. Noch bis Ende dieses Jahres läuft das Projekt, das sich die Politik eine Million Euro kosten lässt.

Doch mit einem solchen idealen Verbraucherleitbild ist es noch nicht weit her. So gilt beispielsweise der Hinweis, dass 100 Gramm Salami aus 140 Gramm Fleisch hergestellt werden, als juristisch verständlich aber zugleich als ungünstig, da nicht für jeden nachvollziehbar. Geflügelwurst und Kalbswiener stehen auf der Mogelliste, da der Verbraucher tierartenreine Produkte – unabhängig von technologischen Notwendigkeiten – als qualitativ hochwertiger einstuft. Solche Beispiele gibt es zuhauf. Da beunruhigt die Aigner-Feststellung, das Portal gebe ein „aussagekräftiges, statistisch abgesichertes Bild über die Verbrauchererwartung an die Aufmachung und Kennzeichnung“, umso mehr.

Das Bundesernährungsministerium versteht das Portal als Seismograph und will die Erkenntnisse im nächsten Jahr abschließend auswerten. Dass die Erschütterungen, die Stärke und die Stoßrichtung der Verbraucherklagen auf subjektiven und nicht auf objektiven Eindrücken beruhen, darf verantwortungsvolle Verbraucherpolitik nicht ausblenden. Wenn Verunsicherung und Willkür die Folge von Klarheit und Wahrheit sind, nutzt das niemandem.
Quelle: afz – allgemeine fleischer zeitung 29/2012
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Ilse Aigner
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