Kommunikation: Orientierung im Dschungel reiß...
Kommunikation

Orientierung im Dschungel reißerischer Schlagzeilen

FRANKFURT Only bad news are good news. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Das besagt eine alte Journalisten-Weisheit. Und die scheint heute aktueller denn je.

Mit den neuen Kommunikationswegen wie Internet, Facebook oder Twitter ist die Zahl der Schlagzeilen, die pro Tag durch die Gegend schwirren, ins Unermessliche gestiegen. Daraus ergibt sich schon für den nur mäßig am Nachrichtengeschehen Interessierten eine schiere Informationsflut, die nur schwierig zu überblicken und noch schwerer immer treffend einzuordnen ist. Ständig neue Meldungen über Skandale und Betrug sind zu einem Grundrauschen der Öffentlichkeit geworden.


In dieser Kakophonie fällt es selbst seriösen Medienmachern immer schwerer, hieraus hervorzustechen. Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit bedient man sich nur allzu gern an dem Kniff des Reißerischen. So kommen dann solche Auswüchse wie „Killerkeime – Droht Gefahr aus dem Tierstall?“, „Die dunkle Seite der Milch“ oder „In unserem Essen versteckt – Über die Jodierung unserer Lebensmittel“ zustande. Negativ-Schlagzeilen steigern eben verlässlich Auflagen oder Quoten.

Auf der anderen Seite: Lob ist nicht die Aufgabe von Medien. Das gibt auch Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer im Gespräch mit Joachim Gauck zu bedenken. Denn der Bundespräsident beklagt ebenfalls, dass es offenbar viele Medien nicht besonders attraktiv finden, auch mal das Gelingen in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung zu rücken. So entstehe der Eindruck, das, was nicht klappt, sei die Regel.
Unter diesem Phänomen leiden die Fleisch- und die Landwirtschaft gleichermaßen – zwei Stufen in der Wertschöpfungskette, die untrennbar miteinander verknüpft sind. Ein einzelner Bericht über kranke Tiere im Schweinestall oder dreckige Lappen hinter der Metzgertheke wirft gleich ein schlechtes Licht auf die gesamte Branche.

Eine tendenziöse Berichterstattung hat eine umso höhere Brisanz, wenn es sich um unsere Mittel zum Leben handelt. Um die Nahrung, die wir unserem Körper zuführen. Da ist der Mensch in den letzten Jahrzehnten des Überflusses auch um ein Vielfaches sensibler geworden. Immer auf der Suche nach der „richtigen Ernährung“, manchmal fehlgeleitet von irrlichternden Pseudo-Wissenschaftlern, die immer abstrusere Essensphilosophien verbreiten. In diesem Dschungel reißerischer Schlagzeilen und halbseidener Ernährungsmythen tut Orientierung Not. Und wer kann die besser liefern als der Fachmann? Die Hersteller von Lebensmitteln werden sich daran gewöhnen müssen, dass Themen der Ernährung immer mehr an Bedeutung gewinnen und zugleich kontrovers diskutiert werden. Aber sie können daraus eine Tugend machen.

Warum nicht den Spieß umdrehen und sich offensiv als kompetenter Gesprächspartner anbieten? Zu wenige Diskussionen im deutschen Fernsehen werden mit der Fleischwirtschaft geführt, aber dafür immer mehr über sie. Sicher fühlt sich nicht jeder im Stande, die bohrenden Fragen der Moderatoren oder der Mitdiskutanten gekonnt zu parieren. Aber jeder Verband, jede Interessenvertretung hat medienaffine Typen in ihren Reihen, die diese Aufgabe – vielleicht noch gestärkt durch gezieltes Training – bravourös erfüllen könnten.

Darüber hinaus gilt es, gezielt seine Netzwerke vor Ort zu nutzen und sich den Medien auch im lokalen Umfeld immer als Experte anzubieten, der gern über sein Metier Auskunft gibt. Das A und O ist eine fundierte Kenntnis ohne die Wirklichkeit zu schönen, und das ist keine allzu hohe Hürde. Die größere Gefahr ist das Wegducken, denn wer nicht antritt, hat schon verloren. In diese Falle darf die Branche nicht tappen.

Quelle: afz 10/2017
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