Konsumausgaben: Auch die Zahlungsbereitschaft...
Jörg Schiffeler
Konsumausgaben

Auch die Zahlungsbereitschaft erfordert ihren Preis

Dienstag, 12. April 2016

FRANKFURT Während ich diesen Kommentar verfasse, erhalte ich eine E-Mail mit dem Inhalt „Dürfen wir noch Fleisch essen?“ Ja klar! Das denke ich sofort.

Die gesellschaftlich diskutierte Frage, ob Fleischkonsum aus Gründen des Tier- und Umweltschutzes überhaupt vertretbar ist, kenne ich. Der verantwortungsvolle Umgang mit Menschen, Tier und Lebensmitteln ist mir von klein auf vertraut.


Ich habe das Glück, höherwertige Lebensmittel einkaufen zu können, weil ich früh lernte, weniger ist am Ende mehr. Lieber bewusst einen guten Schinken oder ein gereiftes Steak kaufen, als ein Riesenschnitzel zum Dumpingpreis ohne sensorisches Top-Erlebnis. Der gute Geschmack macht das Genussgeheimnis aus und weckt schließlich die Lust nach dem Aufspüren des qualitativen Unterschieds.

In Deutschland bewegt sich etwas. Das Bewusstsein für Qualität steigt, die Bundesbürger schauen endlich etwas genauer auf das, was sie an Mitteln zum Leben benötigen. Es ist als Erfolg zu verbuchen, dass die Deutschen preisbereinigt im letzten Jahr gut 2,3 Prozent mehr für Nahrungsmittel ausgaben als ein Jahr zuvor. Wenn sich die Zahlungsbereitschaft für höherwertige Lebensmittel bei stagnierenden Verkaufsmengen erhöht, wird auch der Anteil der Ausgaben am verfügbaren Einkommen leicht steigen, so die Hoffnung.

Die Einkommenssituation der Haushalte in Deutschland ist ein wichtiger Indikator, ob beim Einkauf eher auf Qualität oder den Preis geachtet wird. Die Beschäftigungslage in der Bundesrepublik ist so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Löhne und Gehälter steigen, ebenso erhalten die Rentner mehr aus der Bundeskasse. Weil das sparen momentan wenig attraktiv, wird die Konsumlaune weiter beflügelt. Das Jetzt-leben-und-genießen ist ein Lebensgefühl vor dem Hintergrund der weltweiten Krisen und einer näherrückenden Terrorgefahr.

Nichtsdestotrotz müssen die Unternehmen ihre Hausaufgaben machen und die Zeichen der Zeit nutzen. Bessere Fleischsorten, Dry-Aged-Qualitäten, Grillspezialitäten nach amerikanischen Vorbild sowie der Burger- und Snackboom lassen Raum für viel Entwicklung. Die Produkte müssen allerdings mit einer Story aufgeladen werden, die nachvollziehbar ist und obendrein für verantwortliches Handeln steht. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, hat an der Theke beste Karten für gute Geschäfte. Edles Fleisch ist dann mit reinem Gewissen ein Lifestyleprodukt, mit dem der Kunde angeben kann. Seine Image bildende und Identität stiftende Wirkung entfaltet der hochwertige Rohstoff aber erst, wenn es die große und glaubwürdige Geschichte dazu gibt.Die Verbraucher fragen weniger danach, was produziert wurde. Wie etwas erzeugt und hergestellt wird, rückt dagegen immer mehr in den Fokus der Gesellschaft. Egal ob Handwerk, Handel oder Industrie: Welche Rolle spielen Menschenwohl und Tierwohl im lebensmittelverarbeitenden Betrieb? Unterstütze ich durch meinen Einkauf eine Wertschöpfungskette, von der die Menschen in meiner Umgebung profitieren? Sind Regionalität und Nachhaltigkeit echte Realität oder eine geschickte Vermarktungsidee der Marketingabteilung wie die Qualitätsmetzgerei aus dem Schlachtimperium? Inszenieren Sie also Ihr Handwerk und erzählen Sie, was und wie Sie etwas tun.

Die Beobachtung der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE), dass die Verbraucher für Produkte mit den Eigenschaften Qualität und Nachhaltigkeit tiefer in die Tasche greifen macht Mut. Erzeuger und Hersteller sollten diese erfreuliche Entwicklung noch mehr einfordern, aber an der Werthaltigkeit der Lebensmittel arbeiten. Neue Runden um Preisverhandlungen führen da in die falsche Richtung.

Lesen Sie dazu auch den Beitrag "Bewusstsein für Qualität steigt".

Quelle: afz 15/2016
stats